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Ostholsteiner Anzeiger

12. Dezember 2017 | 21:26 Uhr

Unwägbarkeiten des Betreuens

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Die 19-jährige Anna-Lena wird mit Hilfe eines hauptberuflichen Betreuers durch das für sie nicht immer einfache Leben geführt

von
erstellt am 14.Aug.2014 | 10:58 Uhr

Es gibt Menschen, die kommen mit der Organisation ihres Lebens nicht mehr klar. Oft fehlt es an der nötigen Motivation zu einem Schulabschluss, die Aufnahme einer Ausbildung oder eines Jobs. Es folgen Verschuldung, Alkohol und am Ende die schiere Ausweglosigkeit. Etwa 4650 Menschen im Kreis Ostholstein und 2046 Menschen im Kreis Plön nehmen dafür die Hilfe eines Betreuers in Anspruch.

Die erst 19-jährige Anna-Lena (Name geändert) ist so eine junge Frau. Sie ging zur Wisser-Schule. Ihre Eltern trennten sich. Sie litt still, wechselte irgendwann zur Hauptschule und machte ein Jahr später ihren Abschluss – mehr schlecht als recht. Es folgten verschiedene Versuche von Abschlüssen an der Eutiner Kreisberufsschule, die alle kläglich scheiterten. Mit ihrer Mutter gab es ständig Krach und die 19-Jährige zog aus.

Anna-Lena blieb irgendwie auf der Strecke, musste von wenig Geld des Jobcenters leben, hatte aber Wünsche, wie andere Frauen in ihrem Alter auch. So schaffte sie sich ein Handy an und hatte innerhalb kürzester Zeit rund 800 Euro Schulden – viel Geld für einen Menschen, der gar nichts hat. Es wurde immer deutlicher: Anna-Lena brauchte Hilfe. Und hier kam das Amtsgericht Eutin ins Spiel. Betreuungsrichter Dirk Schmale gab ein ärztliches Gutachten in Auftrag, das später die Erfordernis einer Betreuung rechtfertigen sollte.

So kam die junge Anna-Lena endlich an einen Menschen, einen Betreuer, der ihr ehrlich helfen sollte. Wirklich? Nicht so ganz. Ihr Betreuer aus Eutin erkannte offenbar schnell die finanzielle Not der 19-Jährigen und stellte sie erst einmal für schmales Geld bei der auf den Namen seiner Frau laufenden Reinigungsfirma ein – eine günstige Arbeitskraft eben, die dankbar ist für jeden Cent. Anna-Lena unterschrieb sogar eine Betriebsanweisung, dass sie „erhaltenes Trinkgeld und Zuwendungen der Betriebskasse zuführt und nicht für den privaten Gebrauch verwendet“. So kamen monatlich zwischen 100 und 380 Euro an Lohn zusammen. Pech nur, dass das Jobcenter nicht davon erfuhr. Rückzahlungen wurden fällig. Geld, das eigentlich schon lange nicht mehr da war. Der Sturzflug der 19-Jährigen ging irgendwie immer weiter. Jetzt hat sich eine neue Betreuerin ihrer angenommen und es soll bergauf gehen. Endlich.

Betreuungsrichter Dirk Schmale vom Amtsgericht Eutin hat keine Probleme mit der Situation, dass der Betreuer seiner Klientin einen Job bei seiner Frau im Reinigungsdienst besorgte. Das sei zwar sehr sensibel und brauche Fingerspitzengefühl, sei aber sogar gut in der Situation. Dennoch hätte der Betreuer das beim Amtsgericht und beim Kreis anmelden müssen. Schmale: „Dann hätten wir für Angelegenheiten, die das Arbeitsverhältnis betreffen, einen Ersatzbetreuer gewählt.“ Es sei auch nichts dagegen einzuwenden, wenn ein Betreuer zum Beispiel seine Klienten in Wohnungen in seinem Haus einziehen lasse, wenn in diesen Angelegenheiten ein anderer Betreuer tätig werde.

Das bestätigte auch Susanne Tackenberg aus dem Kreissozialamt Ostholstein. Die spezielle Situation der Beschäftigung der Klientin des Betreuers in der Reinigungsfirma seiner Ehefrau schätze sie als schwierig ein, da ein möglicher Interessenkonflikt bestehen könne. Susanne Tackenberg: „Zu Betreuende haben das Recht, bei der Auswahl eines Betreuers ihren Wunsch zu äußern.“ In diesem Einzelfall hätten sich die zu Betreuenden ausdrücklich dafür ausgesprochen, durch diesen Betreuer betreut zu werden. Ob diesem Wunsch gefolgt werde, obliege zuletzt der Entscheidung des Amtsgerichts.

Anna-Lena jedenfalls hat ihren hauptamtlichen Betreuer erst einmal gewechselt. Sie hatte sich bei der Reinigung einer Wohnung irgendwo auf der Insel Fehmarn verletzt, war ausgefallen und dann gekündigt worden. Im Kreis Ostholstein sind 30 Betreuer ehrenamtlich tätig. „Sie nehmen in Ostholstein in der Regel durchschnittlich zehn Betreuungen wahr“, sagte Susanne Tackenberg. Daneben nehmen aktuell 295 Berufsbetreuer Betreuungen im Kreis Ostholstein wahr, da bei einem Wohnortwechsel oftmals der vorherige Betreuer eingesetzt bleibt. Ihren Einzugsbereich haben etwa 80 Berufsbetreuer im Kreis Ostholstein und 30 im Kreis Plön, die nach Erkenntnissen des Kreissozialamtes jeder zwischen 10 und 70 Betreuungen übernehmen.

Im Kreis Plön werden 41,4 Prozent der Betreuungen hauptberuflich geführt, 48,7 Prozent ehrenamtlich. „9,9 Prozent sind in unserer Datei, die zurzeit überarbeitet wird, noch unbekannt“, sagte Kreissprecher Horst Freitag. Die 48,7 Prozent ehrenamtlich geführten Betreuungen gliederten sich in 39,3 Prozent durch Familienangehörige, 1,9 Prozent durch das soziale Umfeld und 7,5 Prozent durch sonstige engagierte ehrenamtliche Betreuer. Freitag: „Landesweit gibt es eine steigende Tendenz in Richtung Berufsbetreuungen.“

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