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Ostholsteiner Anzeiger

18. Dezember 2017 | 16:17 Uhr

„Unterschiede bedeuten Reichtum“

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

von
erstellt am 11.Mär.2015 | 09:32 Uhr

Seit mehr als einem halben Jahr bin ich nun schon Freiwillige in Balanka, einem Ort im westafrikanischen Togo. Das ist mehr als die Hälfte meines elfmonatigen Aufenthaltes. In dieser Zeit bin ich vielen unterschiedlichen Menschen begegnet, von denen ich gelernt habe. Gleichzeitig haben auch sie von mir gelernt – es fand ein Austausch statt.

Durch meine Arbeit in der Bibliothek treffe ich täglich auf viele verschiedene Menschen. Zum Einen gibt es meine Kollegen, zum Anderen arbeite ich in den abendlichen Clubs und Computerkursen mit vielen Jugendlichen und Erwachsenen zusammen. Außerdem begegne ich außerhalb der Arbeit Menschen auf der Straße, mit denen ich spontane Gespräche führe, oder unterhalte mich mit Mitgliedern meiner Gastfamilie beim Essen. Auch mit meinen Freunden verbringe ich viel Zeit: Sei es nun, dass wir gemeinsam kochen, spielen, durch den Ort und die Umgebung spazieren oder uns einfach nur unterhalten.

Bei all diesen Aktivitäten findet ein ständiger Austausch statt. Meiner Meinung nach funktioniert dieser Austausch bei einem Gespräch wie im folgenden Beispiel: Mein Gastbruder Ibrahime erzählt mir von seinem Schulalltag. Während er davon erzählt, erinnere ich mich an meine Schulzeit in Eutin und berichte anschließend davon. Zusammen finden wir dann unter Umständen Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Variationen zwischen dem jeweils Erlebten.

Zum Beispiel fährt Ibrahime wie auch ich früher morgens mit dem Fahrrad zur Schule. Auch er ist in einer Klassengemeinschaft, die in allen Unterrichtsfächern zusammen bleibt. Dabei ist seine Klasse jedoch mit 80 Schülern sehr viel größer, was einen Unterschied darstellt. In der großen Pause gibt es in Ibrahimes Schule wie in meiner alten Schule auch Kleinigkeiten zum Essen zu kaufen. Allerdings werden diese auf dem Hof von verschiedenen Ständen verkauft, was einen Unterschied zu der mir bekannten zentralen Cafeteria darstellt. Während der Mittagspause geht Ibrahime nach Hause zum Essen, denn anders als bei meiner alten Schule gibt es an seiner Schule keine Mensa, in der für alle Schüler zentral gekocht wird. Bei einem längeren Gespräch werden uns sicherlich noch viel mehr Einzelheiten auffallen, die tatsächlich gleich sind, entdecken Abwandlungen des uns Bekannten oder hören von Neuem. So lernt jeder von uns nicht nur den Schulalltag des anderen besser kennen, sondern auch den eigenen.

Doch nicht nur in vergleichenden Gesprächen findet Austausch statt, bei dem meine Mitmenschen und ich sowohl das schon Bekannte als auch das Neue näher kennen lernen und verstehen. Denn auch, wenn ich auf mir so noch nicht bekannte Situationen stoße, vergleiche ich mit dem mir aus Deutschland schon Bekannten.

Ein ganz banales Beispiel dafür ist die Zubereitung von Fufu, gestampftem Yams-Wurzel-Brei, der in Balanka häufig gegessen wird. Zunächst wird dazu die Yamswurzel geschält, in kleinere Stücke geschnitten und gekocht. Danach werden die noch heißen Yamswurzel-Stücke in einen Holzmörser gegeben, dort mit einem großen Holzstampfer zunächst zerdrückt und danach kräftig gestampft. Dabei wird immer wieder ein bisschen Wasser dazugegeben, bis ein Brei entstanden ist, der von der Konsistenz her an einen festen Kartoffelbrei erinnert. Dieser Brei wird mit der Hand zu Kugeln geformt und in eine recht flüssige Sauce getunkt.

Wenn ich das nun mit etwas mir aus Deutschland Bekanntem vergleiche, denke ich zunächst an Kartoffelbrei. Die Kartoffel ist wie der Yams eine Wurzel, die für die Zubereitung des Kartoffelbreis gekocht wird. Wie der Yams auch wird die Kartoffel zunächst geschält, zerkleinert und anschließend gekocht.

Nach dem Kochen wird auch die Kartoffel gestampft, doch da sie nicht so fest ist wie die Yams-Wurzel, geht dieses auch mit einem kleinen Kartoffelstampfer – eine Variation des großen Fufu-Stampfers.

Dieser Brei wird anschließend häufig mit Milch vermischt, was wieder eine Variation des beim Fufu verwendeten Wassers darstellt. Anschließend wird der entstandene Kartoffelbrei wie Fufu auch mit einer Sauce gegessen, allerdings nicht mit der Hand, sondern mit Löffel, Messer und Gabel.

Im Vergleich mit dem Kartoffelbrei bin ich jeden Schritt der jeweiligen Produktion noch einmal durchgegangen und habe die zwei verschiedenen Breie miteinander verglichen. Dadurch habe ich zum einen Sachverhalte besser verstanden, wie etwa, dass die Yams-Wurzel im Vergleich zur Kartoffel deutlich zäher ist und deswegen anders gestampft werden muss. Zum anderen werden mir Gewohnheiten bewusst, wie etwa, den Kartoffelbrei mit Milch zu mischen, oder in Deutschland mit Besteck zu essen. Ich lerne also nicht nur ein neues Gericht kennen, sondern ich verdeutliche mir auch Sachverhalte oder Gewohnheiten in Deutschland, die ich vorher so noch nicht wahrgenommen habe.

Wichtig finde ich es, wenn ich etwas Neues kennenlerne, es neben dem Vergleich nicht zu bewerten. Zum Beispiel habe ich mittlerweile gelernt, wie viele Menschen in Togo auch Fufu mit der Hand zu essen. Das ist anders als das Benutzen von Besteck, was auch seine Gründe hat: An einem Löffel würde der Brei wahrscheinlich sehr kleben, und ich könnte die kleine Portion Fufu auf dem Löffel nicht so gut wie in der Hand von allen Seiten mit Sauce bedecken. Das mir vorher unbekannte Essen mit der Hand ist auf diese Situation also angepasster als das Essen mit Löffel, Messer und Gabel. Dabei ist weder das Essen mit Besteck noch das Essen mit der Hand generell besser oder schlechter – es sind lediglich zwei verschiedene Möglichkeiten.

Für mich resultiert aus diesem gemeinsamen Lernprozess ein gegenseitiges Verständnis. Ich glaube, dieses ist unglaublich wichtig für Akzeptanz sowie Toleranz von Situationen und Denkweisen, die sich von den eigenen unterscheiden.

Denn in dieser Welt leben Menschen in unterschiedlichsten Lebenssituationen. Meiner Meinung nach stellt das einen gewaltigen Reichtum dar.

Wenn nun auch in Balanka nur Kartoffelbrei gegessen würde, ginge das Fufu, das ich sehr lecker finde, verloren. Abgesehen davon wachsen in Balanka die in Deutschland weit verbreiteten Kartoffeln nur schlecht. Die Yams-Wurzel ist viel besser an das hiesige Klima angepasst. Die Zubereitung von Kartoffelbrei ist in Balanka also schlicht unpassend. Dahingegen ist das lokale Fufu nicht nur lecker, sondern auch an die vor Ort herrschenden Gegebenheiten angepasst.

Dass Unterschiede Reichtum bedeuten und auf lokalen Gegebenheiten beruhen, lässt sich nicht nur auf Kartoffelbrei und Fufu anwenden. Es gilt auch und besonders für Sprache, Kunst, Hierarchien, Denkweisen – kurz, das, was ich pauschal als „Kultur“ bezeichnen würde. Es ist gut, dass sich diese „Kulturen“ unterscheiden.

Was lerne ich nun also in meinem Freiwilligendienst? Es gibt Dinge in Togo, die so sind wie das mir aus Deutschland Bekannte. Es gibt Situationen, in denen ich Bekanntes wiedererkenne. Und es gibt Begebenheiten, die schlicht neu für mich sind. Aber diese Unterschiede muss ich nicht bewerten. Stattdessen erfreue ich mich daran, dass diese Welt so unglaublich vielseitig und bunt ist.

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