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Ostholsteiner Anzeiger

23. August 2017 | 23:57 Uhr

Unterricht als Lebenshilfe

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Das Fach Verbraucherbildung soll Kinder zu Konsumenten machen, die wissen, was gut für sie ist. Ein Besuch zeigt, dass es weit mehr ist

„Nutella auf Tost“ oder „gar nichts“ – immer seltener frühstücken Kinder zu Hause oder nehmen sich etwas Gesundes für ihren Schultag mit. Wie wichtig die Wissensvermittlung rund um Ernährung und Produkte der ganz jungen Menschen unabhängig vom Elternhaus ist, haben auch die Kultusminister der Länder erkannt und bundesweit „Verbraucherbildung“ als Unterrichtsfach eingeführt. Was bürokratisch klingt, ist in Wirklichkeit lebensnaher Unterricht, der allen Beteiligten Spaß macht – wie ein Besuch in der Wilhelm-Wisser-Gemeinschaftsschule zeigt.

Sie sind bunt und laut, die Zehn- bis Zwölfjährigen der Klasse 5a – bis zum Klingelzeichen, das die Stunde einläutet. Lehrer Joachim Rehbein freut sich auf das Fach „Verbraucherbildung“: „Kinder, die sonst in anderen Fächern auffallen oder besonderen Förderbedarf haben, blühen hier richtig auf.“ Heute gibt es Obstsalat. Die Zutaten hat Rehbein vorher besorgt, sie lagern in der hauseigenen Lehrküche. Doch vor der beliebten Praxis kommt der Theorie-Teil mit Rehbeins Kollegin Birgit Rascha. Um die Kosten zu decken, wird in regelmäßigen Abständen ein Euro eingesammelt. Drei Schüler haben an diesem Tag das Geld dabei. Abdul hat Geburtstag – ein Ständchen der Klasse ehrt den Elfjährigen. Dann geht’s los.

„Was wisst ihr noch von der Ernährungspyramide?“, will Rascha wissen. Wenig Eis, nicht übermäßig viel Fleisch, kaum Fett – in der Theorie haben die Schüler eine Ahnung von gesunder Ernährung. Die Praxis leben sie anders – oder bekommen sie anders vorgelebt: Eistee, Nutella und Toastbrot sind die Top-Antworten auf dem Fragebogen „Was frühstückst du?“. Milch, Joghurt oder Obst wird weniger genannt. Einige der Kinder geben sogar an, alleine oder gar nicht zu frühstücken, bevor sie zur Schule gehen. Warum nichts essen nicht gesund ist, erklärt Rascha in Zusammenarbeit mit den Schülern. Sie wissen es – theoretisch. Ein Lied mit zahlreichen Gemüsesorten zum Mitsingen lockert den Unterricht auf – dann teilt sich die Gruppe in zwei Hälften. Rehbeins Part kommt.

„Juhu, schnibbeln“, rufen ein paar Mädchen, als sie in die benachbarte Lehrküche gehen und sehen, was Rehbein an Obstsorten aufgefahren hat. „Das kenn ich sonst nur aus der Konserve“, sagt ein Mädchen. Mango, Ananas und Honigmelone liegen neben den Klassikern wie Äpfel, Birnen und Bananen. Rehbein weiß, dass er im praktischen Teil die Chance hat, den Kindern etwas zu gönnen, was sonst eher selten auf dem Tisch landet.

„Was müssen wir in der Küche als erstes machen, bevor wir beginnen?“, fragt Joachim Rehbein. „Händewaschen“, antworten die Schüler im Chor – „und eine Schürze umbinden“. Lange Ärmel werden hochgekrempelt, Haare zum Zopf gebunden. Rehbein erklärt, weshalb Plastikbretter hygienischer sind als die Holzvariante, wie das Messer geführt werden muss, damit keine Verletzungsgefahr besteht und welches Obst bestenfalls geschält werden sollte. Er spricht ihre Sprache, alle hören ihm zu. „An die Bretter, fertig, los!“

In Dreier-Grüppchen arbeiten die Kinder nun an ihrem eigenen Obstsalat. Jeder übernimmt eine Aufgabe. Schnell zeigt sich, wer das häufiger macht und für wen es eine einmalige Erfahrung ist, in der Küche aktiv zu helfen. „Ich koche gerne, ich koche auch ab und zu für meine Mutter“, sagt Rico. Der kleine Junge ist flink und gut in dem, was er mit seinen Händen macht. Seine Geschwister helfen ihm ab und zu, sagt er, aber meistens koche er allein, wenn er kocht. Joachim Rehbein freut sich über Schüler wie ihn, die so viel Spaß am Praktischen haben. „Das Schöne an diesem Teil des Faches ist auch, dass es über Sprachbarrieren hinaus einfach funktioniert“, sagt Rehbein. Erst kürzlich hatte er Flüchtlingskinder als DaZ-Schüler (Deutsch als Zweitsprache) mit im Unterricht. „Die waren schneller fertig als alle anderen und wussten, wo und wie abgewaschen wird. Das muss ich sonst oft erklären“, sagt Rehbein. Als er sie lobte für ihre tolle Arbeit, sagten sie ihm, dass sie Zuhause täglich helfen.

Warum ist dieses Fach so wichtig? Rehbein: „Wir vermitteln Grundlagen, die im Elternhaus nicht mehr selbstverständlich vermittelt werden, und machen die Schüler damit alltagstauglich. Denn für die, die nicht aufs Gymnasium gehen, wird es immer wichtiger werden, gut in ihrer handwerklichen Arbeit zu sein.“ Die Berufsklassiker der Absolventen der Gemeinschaftsschulen seien Verkäufer, der Gastronomie- und Hotelbereich sowie das Handwerk. „Dieser Unterricht hat direkten Lebensbezug“, sagt Rehbein. Denn neben dem Wissen, wie sie sich selbst einfache Mahlzeiten schnell zubereiten können, erfahren die Kinder etwas über ihre eigene Rolle als Verbraucher, was zu gesunder Ernährung gehört, was Bio- und Fair-Trade-Produkte ausmacht und wie sie zu erkennen sind. Außerdem wird der gesamte Bereich der „wirtschaftlichen und nachhaltigen Lebensführung“ behandelt. Rehbein: „Sie sollen einfach zu mündigen und wissenden Bürgern und Konsumenten werden, um ihre Entscheidungen bewusst treffen zu können.“

Während die einen „fertig“ rufen, decken die anderen für alle den Tisch. Jetzt kommt das Gruppenerlebnis. Und Rehbein weiß, wie er punkten kann. Unter Staunen und begeisterten Blicken zaubert er Vanille-Eis und Joghurt aus dem Kühlschrank – als Beilage zum Obstsalat. Sie essen alle gemeinsam, probieren von den anderen Gruppen und nehmen das Gelernte in Kopf und Bauch mit nach Hause. „Machen wir nächstes Mal Eierkuchen?“, fragen die Kinder im Gehen. „Klar, aber die gesunde Variante“, sagt Rehbein.

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erstellt am 22.Okt.2015 | 15:44 Uhr

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