Über besondere Frauen und deren Literatur

Britta Jürgs laß im Binchen.
Britta Jürgs laß im Binchen.

shz.de von
29. Oktober 2018, 16:48 Uhr

Fehlt vielen Männern das Interesse an besonderer Literatur oder – vielleicht noch schlimmer – an außergewöhnlichen Frauen? Und wissen sie, was ihnen da entgeht? Am Sonntagnachmittag jedenfalls fanden sich Frauen in großer Überzahl zum zweiten Literaturcafé im „Binchen“ ein. Und die haben den Nachmittag garantiert genossen.

Zu der Veranstaltung mit dem Titel „Weltreisende, Dichterinnen und andere außergewöhnliche Frauen“ hatten die zweite Vorsitzende des Eutiner Kulturbundes, Erika Hofmann, und die am Ende des Jahres scheidende Eutiner Gleichstellungsbeauftragte Gudrun Dietrich die Verlegerin Britta Jürgs eingeladen.

Jürgs’ Anliegen ist es, historische Texte von Autorinnen, die zu ihrer Zeit sehr bekannt, zum Teil sogar Berühmtheiten waren, inzwischen aber in Vergessenheit gerieten, „aus der Versenkung zu holen“, wie sie selbst sagt. Dass es nicht leicht ist, sich mit so einem kleinen Verlag und so besonderem Programm über 20 Jahre zu halten und nur mit Herzblut, Leidenschaft und langem Atem zu schaffen, liegt auf der Hand. An diesem Nachmittag stellte sie einige der Bücher vor, die ihr selbst besonders am Herzen liegen, las daraus vor und berichtete von den Autorinnen. Schon vor 130 Jahren gab es eine junge Frau namens Nellie Bly, die, nachdem sie empört mit einem Leserbrief auf einen Artikel reagiert hatte, der Frauen an den Herd verwies,von der Zeitung eingeladen wurde, Journalistin zu werden. Kein Geringerer als Joseph Pulitzer schlug ihr vor, sich in eine Frauenpsychatrie einweisen zu lassen, um dort unerkannt zu recherchieren und dann in der Zeitung darüber zu berichten, woraus später ein Buch wurde. Die Idee war also schon zu Wallraffs „Industriereportagen“ etwa 100 Jahre alt, wusste nur kaum einer. Britta Jürgs las aber aus ihrem zweiten Buch „Around the world in 72 days“, die darin über ihre Weltreise in kürzester Zeit schreibt. So spannend war es, zuzuhören, dass man gerne mehr gehört hätte. Aber da gab es ja noch „Ein Mensch wird“ von Alma Karlin, ebenfalls Reiseschriftstellerin und ihr Schreibstil so voller Selbstironie, dass es eine Lust ist, dem Text zu lauschen. „Das weiße Abendkleid“ von Victoria Wolff wurde vor Jahren durch Elke Heidenreich, die es in ihrer Sendung vorstellte, zu einem Bestseller – verdientermaßen. Was für eine Sprache!
Britta Jürgs’ ungekünstelte Art zu lesen, die familiäre Atmosphäre im „Binchen“, die zwischen den Lesungen von Elena (Akkordeon) und Reinhard (Gitarre) Königsmann gespielte Musik, die, so sorgfältig ausgewählt und vergnügt interpretiert, Raum gab, das Gehörte nachwirken zu lassen – alles zusammen eine sehr geglückte Mischung. Und um es mit Elke Heidenreichs Worten zu sagen: „Unbedingt lesen!“

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