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Serie Eutiner Strassennamen : Turnvater Jahn war ein Gefährte Riemanns

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Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

„Turnvater Jahn“ ist nie in Eutin gewesen, aber er war ein bekannter von Riemann, der in Eutin den Schulsport eingeführt hat.

Viele Straßennamen in Eutin gehen auf berühmte Menschen zurück, die in der Stadt geboren wurden oder hier zumindest eine Weile gelebt haben. Bei anderen hingegen erkennt man den Zusammenhang mit der Stadt erst auf den zweiten Blick. So auch bei Friedrich Ludwig Jahn, einem sportlichen Pfarrerssohn mit abgebrochenem Theologiestudium.

Er wurde im August 1778 in der Nähe von Wittenberge in Brandenburg geboren, verließ die Schule ohne den angestrebten Abschluss und tat sich auch mit dem Studium schwer. Allerdings hatte er weitreichende Vorstellungen von Staat, Politik und Gesellschaft. Der Volksmund kennt ihn als „Turnvater Jahn“.

Jahn ist zum Namensgeber einer kleinen, schmalen, steil ansteigenden Straße geworden, die von der Riemannstraße abzweigt. Sie führt auf eine Anhöhe von etwas über 40 Meter, auf der einmal die Windmühle von Müller Wiese ihren Dienst tat, bis sie 1927 abbrannte. Ein Jahr später, aus Anlass des 150-jährigen Geburtstages Jahns, beschloss die Stadt Eutin den ehemaligen Mühlenberg in „Jahnhöhe“ umzubenennen und dort eine Jugendherberge zu bauen, die 25 Jahre später ebenfalls nach Friedrich Ludwig Jahn benannt wurde.

Allerdings gehört die Jugendherberge bereits der Vergangenheit Eutins an, sie wurde 1978 neu gebaut und 2007 geschlossen.

Beflügelt durch die Ansichten und Ideen von Johann Christoph Friedrich GutsMuths, einem angesehenen Pädagogen, legte Jahn die Grundlagen für das Turnen, wie wir es heute kennen. Geräteturnen am Reck und am Barren sind typische Beispiele, es wurde aber auch gewandert, gesprungen und balanciert.

Den ersten Turnplatz eröffnete Jahn 1811 auf der Hasenheide in Berlin, bis 1819 entstanden ungefähr 100 Turnvereine. Die Turnerbewegung hatte das Ziel, junge Männer auf einen Kampf gegen die napoleonischen Besatzungstruppen vorzubereiten und wurde befeuert von der Hoffnung, Deutschland und Preußen zu vereinen und zu stärken. Das Turnen war also nicht allein die Gewinnung von Kraft, Schnelligkeit und Geschicklichkeit, sondern hatte auch einen politischen Aspekt, der dem der Burschenschaften ähnelte.

Viele Turner und Burschenschaftler zogen als Freiwillige in die Befreiungskriege gegen Napoleon, so auch Jahn, der dabei auf den zeitweise in Eutin wirkenden Lehrer Heinrich Arminius Riemann traf. Ihn beeinflusste er mit seinen Ideen über das Turnen. Beiden Personen wurden in Eutin Gedenksteine gewidmet.

Während der Riemannstein im Prinzenholz, am ehemaligen Turnplatz, zu finden ist, wurde der Jahn-Gedenkstein im Mai 1929 auf der Jahnhöhe eingeweiht und stand lange bei der Jugendherberge. Seit 2007 steht der Jahnstein am Riemannhaus im Jungfernstieg.

Die Befreiungskriege, die für das Zusammentreffen der beiden Turner sorgten, führten 1813 zur Völkerschlacht bei Leipzig. Die Schlacht bei Waterloo 1815 brachte die endgültige Niederlage Napoleons. Das inspirierte einen geborenen Eutiner, den man heute sicher zu der Kategorie der A-Promis zählen würde: Carl Maria von Weber komponierte die Kantate „Kampf und Sieg. Cantate zur Feyer der Vernichtung des Feindes im Juny 1815 bey Belle-Alliance und Waterloo“, in der Hoffnung, sie würde alljährlich zum Jahrestag des Sieges an vielen Orten erklingen. Das Original dieser Noten mit dem Deckblatt in Webers Handschrift wird in der Eutiner Landesbibliothek gehütet, wo noch weitere historische Schätze zu finden sind.

Der Sieg über Napoleon führte nicht zu der von den Turnern erhofften Einheit und Stärkung Deutschlands. Der Wiener Kongress besiegelte die Kleinstaaterei und viele Aktivisten der Turnerbewegung gerieten in Bedrängnis. Sie verloren ihre Arbeit, wurden verfolgt und eingesperrt, manche flohen ins Ausland. Auch Friedrich Ludwig Jahn wurde verhaftet und zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt.

Nach der Entlassung 1825 durfte er in keiner Stadt mehr wohnen, in der es ein Gymnasium oder eine Universität gab. Man hatte wohl Angst, er könne nochmals Einfluss auf junge Menschen nehmen.

Um seine innere Einstellung und den gesellschaftlichen Einfluss Jahns sorgt man sich auch heute wieder. In einigen Städten ist die Umbenennung von Straßen und Sportanlagen wegen chauvinistischer und antisemitischer Äußerungen Jahns im Gespräch, so auch in Berlin. Historiker sind sich in der Bewertung Jahns allerdings nicht einig.

Jahn wurde 74 Jahre alt. Er starb im Oktober 1852 in Freyburg an der Unstrut, wo er trotz aller Schwierigkeiten den Bau der ersten festen Turnhallen angeschoben hatte. Das Thema Turnen hat ihn also niemals losgelassen.

1820 trat die sogenannte „Turnsperre“ in Kraft. Öffentliches Turnen wurde untersagt, es durfte nur noch sehr eingeschränkt in den Schulen, unter staatlicher Aufsicht, geturnt werden. Die Turnsperre wurde erst im Jahr 1842 wieder aufgehoben.

Hier kommt dann mit Friedrich Adolf Trendelenburg (1802 - 1872) wieder ein geborener Eutiner ins Spiel, der zu dieser Zeit als Professor der Philosophie an der Berliner Universität beschäftigt war. Passend zur Aufhebung der Turnsperre veröffentlichte er eine Abhandlung über „Das Turnen und die deutsche Volkserziehung“, welche das Turnen als wichtiges Element in den Schulunterricht einband und festlegte, dass die Schüler durch Lehrer, nicht durch Sportler, im Turnen unterrichtet werden. Auch sollte Sport mehrmals wöchentlich Teil des Unterrichts sein. Daran hält man bis heute fest, wobei Trendelenburg das Turnen noch, genau wie Jahn, als ausschließlich männliche Domäne ansah.

Den philosophisch Interessierten mag Trendelenburg eher als Kritiker der Dialektik Hegels bekannt sein, mit der er Aufsehen erregte. Zu seinen Studenten gehörte der dänische Philosoph Sören Kierkegaard. Trendelenburgs Geburtshaus steht in der Lübecker Straße 10 und ist mit einer Gedenktafel, die an den bedeutenden Eutiner Bürger erinnert, ausgestattet.

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erstellt am 26.Mär.2015 | 15:08 Uhr

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