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Ostholsteiner Anzeiger

20. August 2017 | 10:34 Uhr

Transit-Flüchtlinge: Druck wächst

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Ostseekai muss immer öfter als Ausweichquartier herhalten / Zu wenige Fähr-Tickets: Problem mit Schwarzmarkt und Betrügern

Hat die Stadt den anhaltenden Strom von Flüchtlingen, die nach Schweden wollen, noch im Griff? Offenbar reicht die Markthalle als Übergangsunterkunft für bis zu 300 Transit-Flüchtlinge längst nicht mehr aus. Immer häufiger wird auch der Ostseekai als Ausweichquartier genutzt. Etwa in der Nacht auf Freitag: Da schliefen rund 150 Frauen und Männer sowie einige Kinder auf dünnen Matten im Terminal. In Zeiten, in denen alle von Herausforderungen sprechen, war das eine weitere: Denn der Ostseekai musste am Freitag für ankommende Kreuzfahrtpassagiere geräumt werden. Eine Putzkolonne rückte an, um das Terminal rechtzeitig wieder sauber zu bekommen. Und das war auch dringend nötig: „Wir ersticken hier im Müll, viele Flüchtlinge lassen Flaschen und Zigarettenkippen dort fallen, wo sie sie gerade stehen“, berichtet ein Wachmann, der nicht mit Namen in der Zeitung stehen mag.

Kiels Sozialdezernent Gerwin Stöcken (SPD) räumt auf Nachfrage ein, dass diejenigen Flüchtlinge, die mitten in der Nacht am Kieler Hauptbahnhof ankommen, ein „Problem“ seien. Daher gibt es eine Vereinbarung mit den Rettungskräften: Sie haben einen Schlüssel für den Ostseekai, um dort Flüchtlinge kurzfristig auf Isomatten schlafen zu lassen. An den Wochenenden, wenn Kreuzfahrer kommen, helfen Kieler Kirchengemeinden aus. So nehme die Apostel-Gemeinde in ihrem Gemeindezentrum Flüchtlinge auf, sagte Stöcken.

Mitunter halten sich ehrenamtliche Helfer, welche die Menschen aus Krisengebieten am Hauptbahnhof in Empfang nehmen, nicht an die Vorgaben aus dem Rathaus, bedauert der Sozialdezernent. Dabei geht es zum Beispiel um die Anweisung, wohin die Flüchtlinge vom Bahnhof aus gehen sollen: direkt zur Markthalle oder in den Ostseekai. „Die Helfer geben unterschiedliche Informationen weiter“, berichtet Stöcken. Bei einigen politisch eher links orientierten Gruppierungen gebe es ein Misstrauen gegenüber dem Staat – erst recht, wenn die Polizei mit an einem Runden Tisch sitzt. Auf diese Helfer habe die Verwaltung keinen Einfluss, stellt Stöcken nüchtern fest.

Auch der Ticketverkauf für die Schweden-Fähre bereitet zunehmend Probleme. Die Reederei Stena Line verkaufe ihre Fahrkarten nach Göteborg tagsüber bereits am Ostseekai. Die Begründung: Das Gedränge im eigenen Schwedenkai sei sonst zu groß. Täglich stehen demnach nur etwa 100 Fahrkarten aus dem Kontingent zur Verfügung, doch bis zu 400 Menschen reißen sich darum. Es gebe „ziemlich viel Streit“ um die Tickets, so Stöcken. „In Einzelfällen bestehlen die Flüchtlinge sich auch gegenseitig.“ Die jungen Männer würden sich zudem beschweren, wenn Familien und alte Leute bevorzugt würden.

Kriminelle nutzen diese Not inzwischen aus. Nach Angaben von Kiels Polizeisprecher Oliver Pohl versuchen Betrüger regelmäßig, ungültige Tickets an Flüchtlinge zu verkaufen. Mal sind es abgelaufene Fahrkarten, mal selbstgedruckte oder mal solche, die für die falsche Reise-Richtung gelten. Die Flüchtlinge fallen darauf herein, weil sie die Angaben nicht lesen können und werden am Terminal abgewiesen. Dann sind die Betrüger längst über alle Berge. „Zu Zahlen sagen wir nichts“, sagt Pohl. Polizei und Sicherheitskräfte der Reederei seien jedoch sensibilisiert, informieren die Flüchtlinge und „greifen auch ein, wenn sie verdächtige Personen sehen“.

Inzwischen stehen eindeutige Warnhinweise in arabischer Sprache an den Türen der Terminals, um die Flüchtlinge vor Fälschungen zu warnen. Allerdings floriert nicht nur der Handel mit gefälschten, sondern auch mit echten Tickets. Die erwerben „Zwischenhändler“ offiziell bei der Reederei „und verkaufen sie dann für den dreifachen Preis an die Flüchtlinge weiter“, berichtet der Wachmann. Geld spiele häufig keine Rolle, „einige Flüchtlinge haben reichlich davon“, so seine Einschätzung.

Niemand geht momentan davon aus, dass der Strom der sogenannten Transit-Flüchtlinge, die mit Billigung des Landes ohne Registrierung auf eine Passage nach Skandinavien warten oder dieses vorgeben, bald abreißt. Auch am vergangenen Wochenende war es „wie an jedem Tag“, teilte die Polizeileitstelle auf Nachfrage mit. Weil die Zahl der Tickets, die für die Linie Kiel-Göteborg, aber auch für den Transfer via Sassnitz-Telleborg (am vergangenen Freitag waren es 50) in Kiel vergeben werden, nicht ausreicht, wächst die Zahl der Wartenden kontinuierlich.

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erstellt am 04.Okt.2015 | 18:26 Uhr

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