Tolinski-Pleite: Kunden fühlen sich betrogen

Mehrheit der Gläubiger für Vergleich / Hohe Forderungen gegen Geschäftsführer / Ermittlungen gegen Mitarbeiter

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29. Juni 2018, 08:51 Uhr

Hinter verschlossenen Türen fand gestern eine außerordentliche Gläubigerversammlung im Insolvenzverfahren der Tischlerei Tolinski im Eutiner Amtsgericht statt. Im April hatte Geschäftsführer Gerd Schill gegenüber dem OHA berichtet, dass das Familienunternehmen pleite ist, die Insolvenz seit Februar laufe (wir berichteten). Er selbst fühle sich betrogen, sei einem Betrüger – nämlich dem von ihm eingesetzten Mitarbeiter Christoph P.* – auf den Leim gegangen. Doch aus Sicht der drei geschädigten Kunden, die gestern als Gläubiger gekommen waren, sei die Leiterin des Küchenstudios ebenso zur Verantwortung zu ziehen.

„Ich habe Strafanzeige gegen die beiden gestellt“, sagt einer der ehemaligen Kunden. Im Dezember habe er den Auftrag gegeben, noch im Januar sei ihm Druck gemacht worden, „ich müsse jetzt anzahlen, sonst würde meine Küche nicht bestellt“, erinnert er sich an die Worte der Mitarbeiterin. Dabei weiß er heute: „Die Küche wurde nie bestellt, ich habe bei Nobilia nachgefragt. Das war ein Schneeballsystem. Die haben mit den neuen Anzahlungen alte Schulden beglichen.“ Der 66-Jährige weiß aus einer Gläubigerversammlung zuvor, dass der Umsatz der Tischlerei 2017 bei etwa 1,2 Millionen Euro gelegen haben soll, die Schulden sich auf rund 480 000 Euro belaufen. „Und dann sollen die nur 20 000 Euro Gewinn gemacht haben? Da haben sich doch welche die Taschen vollgemacht“, lautet seine Vermutung.

Beim Eutiner gegenüber am Tisch war es das gleiche, auch er habe angezahlt, nie eine bekommen und sich nun von einer Neustädter Firma schließlich die zum zweiten mal bestellte Nobilia-Küche „sogar günstiger“ einbauen lassen. „Ich habe nach einer Bürgschaft gefragt, bevor ich anzahlen wollte. Doch es hieß kurz vor Weihnachten, dass sei nicht mehr zu schaffen und werde nachgereicht“, erinnert sich der 51-Jährige. Andernfalls hätte ihm der Preis nicht garantiert werden können, so die Begründung. Beide haben Küchen im Wert von unter 10 000 Euro bestellt. Mehr als das doppelte sollte die Küche eines Malenters am Ende kosten. Auch er habe 60 Prozent angezahlt – seine Küche aber nie bekommen. „Ich ärgere mich einfach richtig.“

Gerd Schill ist für die drei, die für viele Geschädigte stehen, nur ein „Pseudogeschäftsführer“. Sie haben entweder mit Christoph P. oder der Leiterin des Küchenstudios verhandelt und Verträge geschlossen. „Eigentlich müssten die hier auch sitzen. Bei so einer kleinen Firmenhierarchie weiß doch jeder Bescheid.“ Der 51-jährige Eutiner suchte sogar den Kontakt zu Christoph P.: „Als ich ihm erzählt habe, dass gegen ihn der Vorwurf des Betruges im Raum steht, reagierte der völlig ruhig und abgeklärt. Für mich unverständlich.“

Im Saal saß den anwesenden Gläubigern gestern nur Gerd Schill gegenüber mit Insolvenzverwalter Reinhold Schmid-Sperber. „Ich bin genauso betrogen worden wie die Kunden. Ich habe als Geschäftsführer, das wurde gesagt, nicht ordentlich gehandelt, hätte meine Mitarbeiter mehr kontrollieren müssen, aber ich habe wohl zuviel vertraut“, sagte Schill. Er hätte sich nie träumen lassen, dass ein Mensch, dem er einen Zukunftsstart mit eigener Firma in Aussicht stellte, diese in den Ruin treibt.

Schill war als Geschäftsführer von gleich drei Firmen eingetragen, neben Küchenstudio und Tischlerei auch bei einer Trockenbaufirma. „Es bestehen erhebliche Forderungen gegen ihn und in allen drei Fällen werden Haftungsansprüche gegen ihn geltend gemacht“, sagte Schmid-Sperber. Die Aussicht der Geschädigten, ihr Geld zurück zu bekommen, sei laut Insolvenzverwalter gering. Im Fall Tolinski stimmten zwei der drei Gläubiger gestern für den Vergleich. Gegen die Zahlung einer mittleren fünfstelligen Summe würden keine weiteren Ansprüche gegen ihn geltend gemacht, hieß es.

Gegen Mitarbeiter Christoph P. sowie auch gegen eine Mitarbeiterin dauern die Ermittlungen laut Staatsanwaltschaft an.

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