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Ostholsteiner Anzeiger

22. Oktober 2017 | 19:54 Uhr

Tisch berühren war streng verboten

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Julia Freese und Florian Seidel erzählen aus dem Leben und Arbeiten ihres Vaters / Die Ausstellung geht noch bis zum 31. Januar

von
erstellt am 15.Jan.2016 | 12:48 Uhr

„Wenn aus dem Zimmer laut Bachmusik drang, dann war es besser, die Tür nicht zu öffnen. Dann hatte mein Vater eine kreative Phase“, erinnert sich Dr. Florian Seidel. Aber meistens stand die Tür zum Atelier offen und konnten die Kinder ihrem Vater bei der Arbeit zuschauen, sagt Seidels Schwester Julia Freese. „Wir durften nur nicht den Tisch berühren, jedes Wackeln hätte das Ergebnis stundenlanger Arbeit zerstören können.“

Über 40 Menschen interessierten sich Donnerstagabend für diesen Blick in Leben und Wirken von Johann-Ernst Seidel, den seine Tochter Julia Freese mit einer Führung durch die Ausstellung im Obergeschoss des Ostholstein-Museums versprach. Mit Unterstützung ihres Bruders erläuterte Freese der Werk des Grafikdesigners. Schon an einer ersten Führung hatten 55 Besucher teilgenommen.

Mancher stieß dabei auf Grafiken, die er kannte – ohne dessen Urheber zu wissen. Zu Seidels bundesweit verbreiteten Arbeiten gehören Straßen- und Landkarten mit Sehenswürdigkeiten, besonders beliebt war die Serie Esso-Karten.

Seidel schuf Firmensignets, Verpackungen, Etiketten sowie zahlreiche Broschüren für Fremdenverkehr und ortsansässige und überregionale Firmen. Zu seinen Auftraggebern gehörten Eutiner Betriebe wie Stöckel & Söhne und Elektro Ipsen ebenso wie international agierende Firmen wie Schwartauer Werke und Dräger-Werke. Das Lübecker Unternehmen ernannte ihn zum Chefgrafiker – am Tage seines Todes 1973. Seidel wurde nur 53 Jahre alt.

In den Erzählungen Julia Freeses gibt es eine Reihe bemerkenswerter Tatsachen: Ihr Vater sei so kurzsichtig gewesen, dass er als Soldat nicht für den Dienst an der Waffe geeignet gewesen, sondern auf der Schreibstube gelandet sei. „Das hat ihm vermutlich das Leben gerettet.“

Trotz einer extremen Kurzsichtigkeit („Ohne Brille war er blind“) schuf er Zeichnungen mit höchster Akkuratesse. Und eine Rot-Grün-Sehschwäche hatte er auch: „Er las auf den Farbtuben immer erst das Etikett.“

1920 in Plön geboren, absolvierte Seidel nach seiner Schulzeit in Eutin eine Dekorateur-Lehre in Lübeck und besuchte die Grafik-Klasse der Muthesius-Kunstschule in Kiel. Nach Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft ließ sich er sich mit seiner Frau 1947 in Malente nieder und etablierte sich als Gebrauchsgrafiker. Um seine Gesundheit war es nicht immer gut bestellt, unmittelbar nach Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft wurde ihm operativ ein Lungenflügel entfernt.

In den Jahrzehnten vor der Ära des Computers war Grafik eine Handwerkskunst, die immensen Fleiß und Geduld erforderte. Die Arbeitsprozesse waren zeitaufwendig, viele grafische Erzeugnisse wurden vorab mit Bleistift, Kreide oder Tusche skizziert und später zum Teil in mehreren Schichten als Reinzeichnung erstellt.

Was heute am Computer entsteht, wurde zu Seidels Zeiten mit dem Stift in der Hand am Zeichentisch komponiert. Selbst fotorealistisch anmutende Grafiken hätten aber mehr Charakter und Seele als das meiste, das mit dem Computer geschaffen werde, sagt Julia Freese.

Zu den frühen Schaffensphasen Seidels gehörten Plakate und Urkunden, die komplett mit der Hand gezeichnet wurden. Dieses Training beim Buchstaben-Zeichnen kam Seidel auch entgegen, als er vom Verlag des Ostholsteiners Anzeigers den Auftrag erhielt, einen neuen Zeitungskopf zu entwerfen.

„Die meisten Zeitungstitel sind in altmodischer Frakturschrift gehalten“, stellt Julia Freese fest, „aber der Ostholsteiner Anzeiger hat einen modernen Titel, den mein Vater Buchstabe für Buchstabe entworfen hat.“ Es ist der Titel, den die Zeitung – nur leicht modifiziert – bis heute trägt.



> Sonderausstellung „Made in Ostholstein“ – Der Grafikdesigner Johann-Ernst Seidel (1920–1973), Ostholstein-Museum Eutin, Mi.–Fr. 15-17 Uhr, Sa.+ So. 11-17 Uhr , Mo.-Do. 11-15 Uhr, Einlass auf Klingeln

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