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Ostholsteiner Anzeiger

28. Juli 2017 | 10:53 Uhr

Ting bu dong: Ich habe nicht verstanden

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Die chinesische Sprache ist gar nicht so schwer, wie es in Europa angenommen wird – sagt Sascha Sacknieß aus Bosau, der ein Jahr lang in China lebt

Chinesisch ist schön. Chinesisch ist leicht. Chinesisch ist toll!

Natürlich würde der deutsche Durchschnittsbürger dem gerne wieder widersprechen, ist er doch nur meist des „Sching, Schang, Schong“ oder eines eher radebrechenden „Ni Hau“ mächtig – und er weiß dabei, dass man eigentlich hierbei noch Töne berücksichtigen müsste, da man sonst vielleicht jemanden als „blöde Kuh“ oder so beleidigt.

Und wenn man dann erst einen geschriebenen Text mit über 10  000 Schriftzeichen sieht, dürfte doch eigentlich endgültig die Erkenntnis wachsen, dass sich diese Sprache nicht erlernen lässt – oder?

Nein! Denn wenn man sich die Mühe macht und die Tiefen dieser Sprache versinkt, erkennt man, dass sie vom grammatikalischen Standpunkt her bei weitem einfacher und auch genialer ist als alles, was wir zwischen Deutsch, Französisch, Englisch und Gott bewahre Russisch finden können! Konjugieren? Braucht man nicht! Deklinieren? Absoluter Quatsch! Zeiten? Wieso lange am Verb herumbasteln, wenn man nicht auch einfach ein kleines Partikel in den Satz einfließen lassen kann?!

Die chinesische Sprache ist über viele Übel, die Lernende von uns Westlern näher liegenden Fremdsprachen den letzten Nerv rauben, erhaben. So ist auch die Satzstellung bei weitem lockerer und auch das komplexe System von verschiedenen Satzbauten ist in der Art nicht existent.

Was des einen Freud ist, ist des Chinesen Leid, denn dadurch, dass diese natürlich keine wirkliche Vorstellung von unserem Sprachsystem haben können, hat es den Anschein, dass es Chinesen schwerer fällt, eine westliche Sprache zu lernen. Das mag erklären, warum mancher Schüler (oder Student) hier in Pu’er auch nach sechs Jahren Schulenglisch Probleme mit einfachen Satzkonstruktionen hat.

Die Fremdartigkeit der Sprache dürfte vor allem von der Fremdartigkeit der Worte herrühren: Die Sprache hat (auch durch die Schriftzeichen) einen festen Kanon an Silben und deren Umschrift mit dem uns bekannten Alphabet (das sogenannte Pinyin) wartet mit den spannendsten Ausspracheregeln auf. So wird aus dem „X“ mehr oder minder ein „CH“, sehr weit vorne im Mund.

Das Ding mit den Tönen dürfte wohl am abschreckendsten sein, so finden sich doch genug Beispiele, wo man zwei exakt zwei gleiche Worte hat, die sich nur durch die Töne unterscheiden, sonst aber vollkommen gleich sind. Ein Klassiker dabei dürfte „si“ sein. Lässt man bei der Aussprache die Stimme fallen, heißt es vier, lässt man die Stimme erst fallen und zieht sie dann wieder hoch, spricht man vom Tod.

Klingt aber alles viel schlimmer, als es ist. Denn die meisten Chinesen, mit denen wir bisher zu tun hatten, verstehen einen trotz falscher oder nicht vorhandener Töne.

Dafür aber Schriftzeichen! Diese alle zu erlernen ist natürlich eine unglaubliche Aufgabe, die Chinesen (und auch nicht alle!) nur deshalb meistern können, weil sie seit dem Kindergarten Schriftzeichen erlernen. Ein durchschnittlicher Schulabsolvent der Mittelschule soll 3000 Schriftzeichen beherrschen und damit eigentlich gut im Alltag durchkommen. Ich selbst bringe es vielleicht auf 300 schriftlich und 400 gelesen. Wenn man sich aber mit den Schriftzeichen auseinandersetzt, erkennt man vor allem die Schönheit dieser. Eine Mitfreiwillige meinte einmal: „Schriftzeichen schreiben ist ein Tanz.“ Meistens stecken hinter einer unerkennbaren Abfolge von Strichen Geschichten und zeigen auch einiges über die Geschichte Chinas.

Ein ganz simples Beispiel hierzu: 女 (nü) ist der Be-griff für „Frau“, 男 (nan) für Mann. Wenn man das Schriftzeichen für „Frau“ betrachtet, erkennt man ohne Probleme das Piktogramm einer im Schneidersitz sitzende Frau, die strickt.

Das Schriftzeichen für Mann setzt sich hingegen aus den Elementen 田 (tian – „Feld“) und 力 (li – „Kraft“) zusammen, also ist der Mann der kräftige, der auf dem Feld arbeitet. Alles nicht so schwierig.

Was nun aber doch diese Sprache etwas komplizierter macht, sind die regionalen Dialekte, denn das Riesenreich China spricht zwar offiziell Putonghua, also die Gemeinsprache (eine Version des Peking-Chinesisch ohne die regionalen Eigenschaften), im Westen auch Hochchinesisch oder Mandarin genannt. Das wird auch in den Schulen so gelehrt. Die Realität ist jedoch eine andere: Nahezu jeder Ort scheint seine ganz eigenen Dialekt zu haben: Man fährt eine Stunde (was in China gar nichts ist!) und die Leute sprechen in Teilen eine andere Sprache. Dies ist so extrem, dass Menschen, die aus Nordchina kommen, nicht den Dialekt Südchinas verstehen können und umgekehrt. In Städten sind die Leute mittlerweile in der Lage, neben ihrem Dialekt auch Putonghua zu sprechen, jedoch scheint die Zahl der Menschen, die dazu in der Lage sind, mit der Größe der Stadt abzunehmen.

Dazu kommen vor allem in Yunnan noch die Minderheitensprachen hinzu, die auch offiziell anerkannt sind, sich jedoch auch mit dem Chinesischen vermischen. So konnten wir es in Xishuangbanna, als wir dorthin gefahren sind, um das Neujahrsfest der Dai (das Wasserfest, das in Thailand unter dem Namen „Songkran“ bekannt ist) zu feiern, erleben, dass uns Leute in unverständlicher Sprache „viel Spaß“ (das glauben wir zumindest) wünschten. Und auch so mancher Chinese reagierte darauf nur mit den wohl lebenswichtigsten Worten in China: „Ting bu Dong.“ - „Ich habe nicht verstanden.“

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erstellt am 27.Jun.2017 | 17:47 Uhr

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