Eutin / Bad Segeberg : Tief in Feindesland

Auf Kontrollgang im getarnten Spähposten: Hauptfeldwebel Maik Themer im Segeberger Forst.
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Auf Kontrollgang im getarnten Spähposten: Hauptfeldwebel Maik Themer im Segeberger Forst.

Soldaten des Eutiner Aufklärungsbataillons 6 trainieren im Raum Bad Segeberg für den Ernstfall.

shz.de von
26. April 2018, 15:00 Uhr

Der Autofahrer sieht nur die Straße am Waldrand. Der Spaziergänger auf dem Waldweg nur Tannen. Der Pilzsammler muss bei seiner Tour durch den Wald schon genau hinschauen, um das Militär in seinem Versteck zu entdecken. Die Soldaten des Eutiner Aufklärungsbataillons 6 „Holstein“ hingegen haben alles im Blick – ob nun Passanten oder Autoverkehr. Gut getarnt mit Netzen, Zweigen und Farbe im Gesicht beobachten sie einen Abschnitt am Rande des Segeberger Forsts. Ihr Auftrag: Truppenbewegungen und Versorgungsverkehr des Angreifers zu identifizieren, zu bewerten und an den Gefechtsstand in der Eutiner Rettberg-Kaserne weiterzumelden.

Bereits seit Dienstag haben die Soldaten – meist kleinere Trupps von rund neun Mann – Stellungen zwischen den Kreisen Ostholstein und Bad Segeberg bezogen. „Rote Lanze“ lautet der Titel der Frühjahrsübung des Bataillons, an der rund 320 Soldaten beteiligt sind.

Oberstleutnant Tobias Aust, seit drei Wochen Kommandeur der Eutiner Aufklärer, hat nicht nur die Nacht draußen bei seinen Soldaten verbracht, sondern fährt mit seinem Mercedes-Geländewagen die Spähposten ab, kontrolliert persönlich den Fortgang der Übung. „Wir üben hier Landesverteidigung“, sagt Aust. Seit dem Konflikt in der Ukraine habe sich die Weltlage geändert. „Wir haben keine Zeit, auf Entwicklungen zu warten“, sagt Aust und trainiert mit seinen Soldaten „klassische Kriegsführung“. Das bedeute nicht die Rückkehr in die 80er-Jahre, aber ein klassischer Krieg könne nicht mehr ausgeschlossen werden. Die Bundeswehr habe zu den „Friedensmissionen“ nun eine weitere Aufgabe – „wir reden hier ganz klar über Abschreckung“, sagt Aust.

Aber nicht alles ist klassisch gehalten. Der Feind kommt nicht wie früher aus dem Osten, sondern aus entgegengesetzter Richtung. Von Westen her hat sich der Angreifer aus dem fiktiven Land Wislanien über A 7 und A 21 in Richtung Eutin bewegt. In diesem Korridor von rund 40 Kilometern Ausdehnung, tief in Feindesland, üben die Aufklärer ihr Kerngeschäft, wie es Major Zimmermann, Chefplaner der Übung, nennt. „Viel sehen, ohne selbst gesehen zu werden“, laute die Divise – meint Informationen sammeln und weitergeben. Das Ziel, die Einsatzbereitschaft zu steigern, soll über die Übung erreicht werden. „Vier Tage intensivster Ausbildung – das ist durch nichts zu ersetzen“, sagt Aust.

Hauptfeldwebel Maik Themer ist froh darüber, dass „wieder realistisch geübt wird und die Soldaten aus dem Afghanistan-Denken herauskommen“. Themer hat seinen Spähtrupp gut im Wald versteckt. Die drei Fahrzeuge vom Typ Fennek sind mit Tannen und unter Netzen getarnt. Der Beobachtungsposten liegt in einer Mulde unweit des kleinen Lagers in Sichtweite der Straße. Nur hier und da müssen die Schiedsrichter Tom Wolski und Günter Schwarz korrigierend eingreifen. „Die Tarnung ist sehr gut“, konstatiert Hauptfeldwebel Wolski. Alle drei Stunden wechseln sich die Soldaten ab – beobachten, funken, schlafen und essen im Dauerrhythmus.

Die Bevölkerung bekommt davon indes kaum etwas von der einwöchigen Übung mit. Schüsse fallen nicht, die Drohnen-Kompanie übt in Ohrdruf (Thüringen) – wie alle Eutiner Aufklärer für die nächste Übung im August. Oder für den Ernstfall.

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