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Ostholsteiner Anzeiger

17. August 2017 | 04:13 Uhr

Teezeremonie: Ein Schlüssel zu China

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Die chinesische Teekultur manifestiert sich wohl an keinem anderen Ort derart, wie es in Pu’er der Fall ist. Immerhin leitet sich der Name des Pu’er-Tees von diesem Ort ab.

Aber China wäre natürlich nicht China, wenn das alles so einfach wäre, denn die Stadt Pu’er hieß bis vor ein paar Jahren noch Simao und das benachbarte Nest Ning’er trug den weitbekannten Namen. Aber da der Tourismus und das Geschäft in Bezug auf Tee begannen, aufzublühen, wurde die Stadt kurzerhand umbenannt.

Das hat für eine ganze Reihe an Verwirrungen geführt, wenn man sich mal die bürokratischen Namen in der Region anschaut: Aus bürokratischer (und anschrifttechnischer) Sicht bin ich in der Präfektur, genauer gesagt im Stadtbezirk Simao, die Schule in Ning’er ist übersetzt die Mittelschule von Pu’er und es gibt sowohl die erste Schule von Pu’er als auch die erste Schule von Simao in Pu’er. Aber mit so etwas muss sich ein Glück nur der um eine bessere Orientierung bemühte Freiwillige beschäftigen.

In Wahrheit liegt das Hauptanbaugebiet für den Pu’er-Tee gar nicht in der Gegend um Pu’er, obwohl es hier auch eine Menge Berge voller Tee gibt (wo einige Bäume durch die Berührung Hu Jintaos sogar seitdem doppelt so guten Tee abwerfen!), sondern im fünf Stunden entfernten, aber immer noch in der Präfektur Pu’er liegenden Lancang (gesprochen Lanzang). Hier finden sich auf dem Jing-Mai-Shan Teebäume, die schon über 2000 Jahre alt sind und deren Tee ist mit der teuerste, der sich finden lässt. Erst recht, wenn er gereift ist. Denn im Gegensatz zum schwarzen ist Pu’er-Tee fermentiert und er reift im Laufe der Jahre und wird dadurch noch teurer. So kann man für einen Kuchen (wenn der Tee fertig ist, wird er in eine bestimmte Form gepresst, die man als Teekuchen bezeichnet) über 1000 Euro ausgeben.

Wenn es um Teebäume geht, dann scheint das Alter keine Grenze zu spielen. Die ältesten bekannten Teebäume der Welt finden sich nördlich von Pu’er, in der Nähe der Kleinstadt Zhenyuan (gesprochen Dschenjüan) und diese bringen es auf circa 7500 Jahre.

Ich habe Anfang März Zhenyuan einen Besuch abgestattet, bin aber nicht zu den Teebäumen, sondern nur in die Unterrichtsräume der Schule dort gekommen, da eine Mitfreiwillige nach Liuku fahren musste, wo das Baumhaus-Projekt sich darum kümmert, dass Kinder aus den Slums in die Schule gehen können.

In der Provinz Pu’er selbst bezeichnet man übrigens jegliche Sorte Tee, egal ob weißen, grünen, schwarzen, oder fermentierten als „Pu’er-Tee“ und unterscheidet noch zwischen halb-fermentiert und ganz fermentiert. Außerhalb ist der Pu’er-Tee nur der fermentierte, soweit es mir bekannt ist.

Neben den ganzen Namen und Zuständen gehört zum Tee vor allem die Zubereitung – und dies wird wohl nirgendwo verhältnismäßig so oft ausgeübt wie in Pu’er: Keine Straße ist ohne mindestens einen Laden, der Tee verkauft. Und wie beim Bettenkauf will natürlich probiert werden, bevor man fast ein durchschnittliches chinesisches Halbjahresgehalt für einen Kuchen Tee ausgibt. Manchmal trifft man sich auch nur mit Freunden in der Teestube eines Bekannten, um diesen dann den neuen Ausländerfreund zu präsentieren und dann mehr als vier Stunden lang Tee zu trinken und über die letzte Reise und natürlich das Essen oder über den Tee selbst zu philosophieren.

Es vergeht selten eine Woche, in der nicht eine solche Einladung ausgesprochen wird. Wenn es nun an die Zubereitung selbst geht, scheint das Grundprinzip dafür den Chinesen hier in der Region Pu’er schon im Blut zu stecken, aber zur Perfektion bringen es nur wenige. Immerhin kann man an der Pu’er University sogar Tee studieren.

Wem das jetzt lapidar oder lächerlich vorkommt, der sollte sich selbst einmal daran gewagt haben: Es gibt für jeden Handgriff, sei es nun das Abheben des Deckels von dem Teepott oder dem Halten der Teekanne, fest genormte Handgriffe, die zu sitzen haben. Man muss außerdem die Zubereitungsweisen von allen möglichen Teesorten kennen. Dies spannt sich von weißem über grünem, gelben rotem (der chinesischen Bezeichnung von schwarzem Tee), schwarzem (hierunter fällt der Pu’er-Tee) und Oolong-Tee. Und bei jedem einzelnen gibt es ganz unterschiedliche Behandlungsweisen.

Wer China gänzlich verstehen will, der muss auch die Teezeremonie verstehen. Und dies meistern noch nicht mal alle Chinesen. Denn Tee scheint auch eines der weiteren wenigen Gemeinsamkeiten in ganz China zu sein, zumindest so weit wie mir bekannt.

Auch die Minderheiten Yunnans trinken Tee, manche gehen davon aus, dass von ihnen aus die Teekultur ihren Anfang nahm, sogar die Tibeter haben eine Teesorte: Sie trinken Buttertee, der übrigens gar nicht so übel schmeckt.

Auch das Trinken von Tee ist eine Kunst, ein befreundeter Chinese hat es schon mehrmals mit folgender Metapher erklärt: Tee trinkt man so, wie man sich der Dame des Begehrens nähert: Zuerst beschnuppert man ihn (oder sie) nur vorsichtig, damit man sich nicht auf etwas falsches einlässt, danach küsst man ihn (oder sie) ein bisschen – und wenn das dann mundet, dann stürzt man alles auf einmal hinunter.

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erstellt am 02.Apr.2017 | 12:38 Uhr

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