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Ostholsteiner Anzeiger

22. Oktober 2017 | 07:04 Uhr

Taten ohne Sinn und Verstand

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

„Völlig unreife junge Männer“ kommen wegen Brandstiftung in Hängebargshorst und weiterer Vergehen mit Bewährungsstrafen davon

shz.de von
erstellt am 28.Jan.2016 | 11:00 Uhr

Es fing mit einer Tat an, die man vielleicht noch als Dumme-Jungen-Streich abtun könnte, und gipfelte in einer Brandstiftung in der ehemaligen Kurklinik Hängebargshorst in Krummsee mit hohem Sachschaden. Wegen insgesamt elf Straftaten von Ende Mai bis Anfang September 2014 mussten sich gestern drei junge Männer (22, 23 und 25), einer aus Lübeck, zwei aus dem Kreis Segeberg, vor dem Eutiner Amtsgericht verantworten. Das Schöffengericht verurteilte die geständigen Angeklagten zu Haftstrafen, die allerdings zur Bewährung ausgesetzt wurden.

Ende Mai 2014 kuppelten zwei der Angeklagten auf dem Eutiner Famila-Parkplatz einen fremden Anhänger an ihr Auto und stellten diesen in Stockelsdorf wieder ab. Warum, blieb unklar: „Was wir mit dem Hänger wollten, wussten wir nicht“, erklärte der 25-Jährige. Kurze Zeit später wussten sie es dann offenbar doch. Sie kuppelten den Hänger wieder an, fuhren nach Bosau, sammelten dort Gelbe Säcke ein und setzten den damit beladenen Hänger schließlich in Brand.

Das Feuer brachte die beiden offenbar auf den Geschmack. Sie stahlen drei weitere Anhänger, von denen zwei in Flammen aufgingen, darunter auch ein Getränkewagen des Eutiner Brauhauses. „Haben Sie sich nicht mal die Frage gestellt: Sind wir eigentlich noch ganz dicht?“, wollte der Vorsitzende Richter Otto Witt von den Angeklagten wissen. Die Taten seien „total hirnrissig“ gewesen, räumte der 25-Jährige Angeklagte, der als Rettungssanitäter arbeitet, zerknirscht ein.

Weiter ging es mit einem Ausflug in die Tiefgarage des ehemaligen Malenter Intermar-Hotels, in dem die beiden einen Feuermelder einschlugen und den Notrufknopf drückten. Dann geriet die ehemalige Klinik „Hängebargshorst“ ins Visier der Täter. „Wir haben da einige Sachen kaputtgemacht, Spiegel und Fenster eingeschlagen“, berichtete der dritte Angeklagte, der als Anlagenmechaniker arbeitet. Der 23-Jährige ließ mit seinem jüngeren Kumpan, einem Krankenpfleger, außerdem mehrere Schlüssel und drei Funkgeräte mitgehen, die sie später im Knick entsorgten.

Die Whatsapp-Kommunikation der beiden über einen zweiten „Ausflug“ in die ehemalige Klinik spricht Bände über die kindisch anmutende Motivation: Sätze wie „Wir zerstören heute das Krankenhaus richtig“, „Da hab ich so Bock drauf“ und „Das wird so geil“ schwirrten auf den Smartphones hin und her.

Doch spät abends am 4. September 2014, einem Freitag, blieb es nicht beim Kaputtschlagen. Plötzlich waren Grillanzünder im Spiel. Einer landete auf einer Sitzbank, ein weiterer in einem Kleiderschrank, dessen Inhalt sofort Feuer fing. Besorgt hatte die Grillanzünder der dritte Beteiligte, der zwar vor Ort war, aber nicht in das Gebäude einstieg. Der 25-Jährige war vor sechs Jahren schon einmal zu einem Jahr Jugendstrafe verurteilt worden: wegen Brandstiftung. Ob ihm jedoch klar war, dass die ehemalige Klinik angesteckt werden sollte, oder ob er gar der Anstifter war, ließ sich vor Gericht nicht klären. Er bestritt das: „Das ist Schwachsinn. Wenn es so gewesen wäre, wäre ich mit reingekommen.“ Auf jeden Fall glaubten die beiden anderen, sich beweisen zu müssen: „Auf einmal stand zur Debatte, ob wir als ,Lappen‘ dastehen oder die Grillanzünder benutzen“, berichtete der 22-Jährige.

Das Feuer entwickelte sich schnell zu einem Großbrand, den die Malenter Gemeindewehr erst nach Stunden unter Kontrolle bekam. Staatsanwalt Niels-Broder Greve sprach von 500  000 Euro Sachschaden. Er attestierte den Angeklagten jugendtypische Verfehlungen: „Das sind im Prinzip Dummheiten, die sich kaum erklären lassen.“ Das sah auch Otto Witt so: „Wir haben völlig unreife junge Männer vor uns, deren Taten auch dem Gehirn eines 15-Jährigen entspringen könnten.“

Die Urteile folgten weitgehend den Anträgen des Staatsanwalts und der Pflichtverteidiger, die sich zuvor mit dem Gericht hinter verschlossenen Türen beraten hatten: ein Jahr und zehn Monate Haft auf Bewährung für den 22-Jährigen wegen Diebstahl, Sachbeschädigung, Brandstiftung und Missbrauch des Notrufs; ein Jahr und vier Monate für den 23-Jährigen wegen Diebstahl, Brandstiftung und Missbrauch des Notrufs sowie zehn Monate Haft auf Bewährung für den 25-Jährigen wegen Sachbeschädigung, Beihilfe zur Sachbeschädigung und Diebstahl. Strafmildernd berücksichtigte das Gericht, dass sich die Angeklagten nicht nur geständig, sondern auch einsichtig gezeigt hätten, bei dem 22-Jährigen außerdem eine möglicherweise verminderte Steuerungsfähigkeit aufgrund einer Persönlichkeitsstörung.

Alles sei ohne Sinn und Verstand passiert, sagte Witt in der Urteilsbegründung. Die Angeklagten hätten einen enormen Schaden angerichtet. Das werde sie im Zweifel ein Leben lang begleiten.

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