Malente : Survival-Training: Wie man eine Nacht im Wald überlebt

Andrea Lange
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Volontärin Andrea Lange sammelt Birkenrinde als Brennmaterial und vitaminreiches Nahrungsmittel.

Ein Wochenende lang mitten in einem Wald – ohne Zelt, Messer, Feuerzeug oder Kochtopf. Unsere Autorin Andrea Lange hat es ausprobiert.

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01. März 2017, 11:45 Uhr

Malente | Wo bin ich? Ich friere. Die Kälte des feuchten Waldbodens kriecht über meine Zehen die Beine hinauf. Alles Zehengewackel hilft nicht mehr. Es ist ein neblig-kalter Tag. Ich habe mich verirrt. Neben der Kälte steigt in mir Panik auf, denn: In zwei Stunden wird die Sonne untergegangen und ich in einem stockfinsteren Wald ohne jede Orientierung verloren sein. Was soll ich tun? Schreien? Aber wer hört mich hier schon? Ein Feuer machen – aber womit?

So sieht die fiktive Ausgangssituation für den Kursus „Überleben ohne Ausrüstung“ aus, den ich bei Überlebensexperte Detlef Kamerau absolviere. „Ungewollte Wildnissituation“ nennt der Survivalexperte das, was wir hier mitten im Wald erproben. Gemeinsam mit zehn weiteren Teilnehmern lerne ich, wie ich mich fernab der Zivilisation verhalte, um nicht zu verdursten, zu erfrieren oder zu verhungern. 26 Stunden ohne Messer, Feuerzeug, Schlafsack oder Essen – mit nichts am Leib außer der eigenen Kleidung und dem, was der Wald uns bietet.

Ich wage also das Experiment. Wie schwer kann das schon sein? Man schlägt zwei Steine gegeneinander, so dass ein kuscheliges Feuer entsteht. Daran wärmt man sich die ganze Nacht die Füße und nascht süße Waldbeeren, bis „Christoph 12“ am nächsten Morgen die Rettungsleiter durch die Baumwipfel abseilt. Dieser Zahn wird mir schnell gezogen.

Sonnabend, 10 Uhr

Nach 26 Stunden Wildnis-Erfahrung: Die Gruppe am nächsten Morgen.
Foto: Christian
Nach 26 Stunden Wildnis-Erfahrung: Die Gruppe am nächsten Morgen.
 

Wir – zehn Männer, eine Frau und ein Hund – treffen uns in Malente auf einem entlegenen Parkplatz und gehen 20 Minuten tief hinein in einen mir unbekannten Wald, einer Baumschule, wie ich später erfahre. Die Gruppe besteht aus Männern zwischen Anfang 20 und Ende 40. Ich kenne hier niemanden, aber Kursleiter Detlef Kamerau gibt mir schnell das Gefühl, gut aufgehoben zu sein: „Das ist eine tolle Truppe, es wird dir Spaß machen“, versichert er mir. Trotzdem wird mir mulmig, denn viele Teilnehmer tragen Bundeswehr-Parkas und haben mir mit großer Wahrscheinlichkeit einiges an Überlebenserfahrung voraus.

Doch das Wichtigste fehlt noch: Feuer. Inzwischen geht die Sonne unter, wir stehen also ein bisschen unter Druck.

Warum ist keine weitere Frau dabei? Was ist, wenn ich das alles unterschätzt habe? Die angespannte Stille der marschierenden Truppe unterbricht Rudelführer Detlef mit einem ersten Exkurs in die Küche des Waldes, indem er ein unscheinbares Blatt in die Luft hält: „Die Silbernessel ist essbar, enthält viele wertvolle Nährstoffe und schmeckt noch dazu sehr gut.“ Ich probiere sofort eins der silbergrünen Blätter – und tatsächlich, es schmeckt wie eine Mischung aus Radieschen und Kresse. Als Wegzehrung stecke ich mir ein paar Silbernesselblätter in die Jackentasche.

Im Wald weiß man ja nie, wann die nächste Mahlzeit wartet. Als Nächstes lautet Detlefs Befehl an alle, reichlich Birkenrinde zu besorgen. Denn diese ist als Brennmaterial und vitaminreiches Nahrungsmittel die Allzweckwaffe des Überlebenskünstlers, erklärt er. Während ich einen abgestorbenen Birkenstamm mit einem scharfkantigen Stein malträtiere, komme ich ins Gespräch mit Eric. Ich vermute, Eric ist Survivalneuling wie ich. Denn in seinem knallroten Poncho ist er in der größtenteils in Erdtönen gekleideten Gruppe nicht zu übersehen. „Falls es regnet“, erklärt er, „der ist von meiner Freundin, sonst laufe ich nicht so rum.“ Eric und Stephan haben ihrem Freund Olli den Überlebenskursus zum 30. Geburtstag geschenkt. „Wir schenken uns immer besondere Aktionen und machen das dann zusammen“, erklärt Eric, „das macht immer Spaß.“ Olli selbst ist da noch unschlüssig: „Als ich das Geschenk bekommen habe, habe ich gelacht“, erzählt er mir. „In den letzten Tagen haben sich Vorfreude und Nervosität aber abgewechselt.“ Es geht weiter und tiefer in den Wald. Die Birkenrinde transportieren wir unter unseren Jacken und trocknen sie so gleichzeitig mit unserer Körperwärme.

Das Nachtlager: Eine Höhle aus Stöckern

Eines von vier Nachtlagern ist fertig. Lange (4)
Foto: Andrea Lange
Eines von vier Nachtlagern ist fertig.
 

„Als Erstes braucht ihr einen Unterstand für die Nacht“, sagt Detlef, als wir mitten im Wald stehen bleiben – fernab von Wegen oder Lichtungen. In Dreier- und Vierergruppen eingeteilt, suchen wir uns Bäume zum Anbauen der provisorischen Zeltkonstruktion, die uns nachts vor Regen und Kälte schützen und zusätzlich Platz für eine Feuerstelle bieten soll. Ich bin mit Kai und Kai in einem Team. Unser Baumaterial sind Äste, Zweige, Reisig, Laub, Schilf und alles, was der Wald sonst noch bietet. Noch erinnert alles an die Konfirmandenausflüge meiner Kindheit: Kreuz und quer gehe, klettere oder krieche ich durch das Unterholz und schleppe Äste jeder Länge zu unserem künftigen Schlafplatz. Dort nimmt unsere Unterstandkonstruktion langsam Gestalt an.

Die Luft riecht nach Waldboden, die körperliche Arbeit tut mir gut. Gerade, als ich mich wie die Göttin Artemis persönlich fühle, holt mich ein Farn auf den Boden der Tatsachen zurück. Mit einem kräftigen Ruck und meiner ganzen Kraft reiße ich an dem widerspenstigen Stängel, vergesse dabei aber völlig, mit welch messerscharfen Fasern Mutter Natur die Pflanzen ausgerüstet hat. Mit meiner stark blutenden Hand und einem zunehmend schwächelnden Kreislauf suche ich Rat bei Detlef. Der fährt mich direkt in die Eutiner Notaufnahme, dort wird die Wunde versorgt, und ich kann zurück in den Wald – geschützt durch einen blauen Gummihandschuh an der linken Hand. Typisch, die einzige Frau in der Gruppe, und die kann nicht mal Grünzeug pflücken, ohne sich dabei zu verletzen, denke ich. Dankenswerterweise messen meine Mitstreiter meinem kleinen Missgeschick keine größere Bedeutung bei – und so geht der „Überlebenskampf“ weiter.

Für den hüfthohen Unterschlupf benötigt jede Gruppe etwa zwei Stunden. Dann stehen unsere Nachtlager. Doch das Wichtigste fehlt noch: Feuer. Inzwischen geht die Sonne unter, wir stehen also ein bisschen unter Druck. „Viele denken, man kann ein Feuer mit zwei Flintsteinen machen, das ist aber nicht richtig. Wir brauchen einen Flint, einen Pyrit und leicht brennbares Material“, erklärt Kamerau. Geburtstagskind Olli – ironischerweise Projektmanager eines großen Feuerschutzunternehmens – versucht sein Glück. Mit einem scharfen Flint schlägt er minutenlang Funken von dem Pyrit – auch Katzengold genannt – auf eine dünne Schicht Kohle.

Was seine beiden Freunde Stephan und Eric zu Frotzeleien hinreißt, ringt Olli seine ganze Kraft und Geduld ab. Ein ums andere Mal lässt er den Flintstein auf das Katzengold herabfallen. Endlich bleiben die ersten großen Funken auf der Kohlenschicht liegen. Mit diesen entzündet er trockenes Stroh, entfacht damit kleinere trockene, und anschließend größere Hölzer. Auf dem Boden liegend pustet Olli vorsichtig seitlich durch das aufgestellte Holz, um die Flammen weiter zu entfachen. Nach wenigen Minuten haben wir ein großes, wärmendes Feuer in der Mitte unseres Lagers und damit unsere Rettung für die bevorstehende zwei Grad kalte Nacht.

Nahrung: 25 Eichhörnchen oder zwei Enten?

Trinken und Nahrung sind neben Wärme und Trockenheit das zentrale Thema beim Überleben ohne Ausrüstung, macht uns Detlef klar. Etwa zehn Kilogramm grünes Blattwerk oder auch 25 Eichhörnchen wären nötig, um den Kalorienbedarf eines Tages zu decken.

Für die Suche nach Wasser, den Bau eines Unterstandes und die Regulation der Körpertemperatur benötigt der Mensch schon 3000 Kilokalorien. Es ist etwa 17.30 Uhr und bis auf das zentrale und die kleinen Feuer an den Unterständen stockdunkel im Wald um uns herum. Bisher haben wir ausschließlich Brennnesselsamen, Silbernesselblätter, Birkenrinde und Tannen-, Fichten- und Kiefernnadeln gegessen. Jetzt stellt uns Detlef eine Pappkiste vor die Füße. Darin befinden sich, klärt er uns auf, zwei lebende Enten. Den Gesichtern fast aller Beteiligten ist anzusehen, dass kaum einer glaubt, was der Wildnisexperte da erzählt. Er erklärt uns, wie wir mit unseren Mitteln – einer Flintscherbe und einem Schlaggewicht – das Tier, das wir in einer echten Überlebenssituation gefangen haben könnten, erlegen. Lebende Enten, das kann nicht sein Ernst sein, denke ich. Dann holt Detlef eine von beiden heraus. Und sie lebt. Aber wer soll sie schlachten?

Nur einer, der Jüngste von allen, traut sich, das Tier tatsächlich zu erlegen. Der junge Mann fixiert mit seiner Hand den Vogelhals auf einem größeren Ast. Dann schlägt er zu, leider viel zu vorsichtig, darum braucht er zu meinem Erschrecken mehr als einen Schlag, um das Tier zu erlösen. Ich bin wie im Schockzustand, kann nicht begreifen, dass das wirklich passiert. Und auch für die zweite Ente findet sich kein weiterer Freiwilliger, also übernimmt der junge Mann auch dieses Tier. Den Anblick ertrage ich nicht mehr, also verlasse ich die Runde. Diese Lektion lehrt uns, dass es unter Umständen unausweichlich ist, Tiere zu erlegen, um das eigene Überleben durch deren Fleisch, Fell und Knochen in Notsituationen zu sichern. Ob das Töten in diesem Rahmen aber wirklich notwendig war, daran habe ich meine Zweifel.

Die Nacht: Die Angst vor den Wildschweinen

Herr über das Feuer:  Als Brennmaterial erwies sich gesammeltes Stroh als nützlich.
Foto: Andrea Lange
Herr über das Feuer: Als Brennmaterial erwies sich gesammeltes Stroh als nützlich.
 

Alle Feuer müssen die ganze Nacht hindurch beobachtet werden. Stündlich wechselt die Wache, während die übrigen in ihren Unterständen schlafen. Außerhalb unseres Feuerscheins ist der Wald aufgewacht. Es knackt, quietscht und ein Käuzchen ruft unablässig in die Nacht. Mein Hund, ein mutiger kleiner Terrier mit ausgeprägtem Jagdtrieb, ist gespannt wie eine Feder und knurrt unablässig in die Dunkelheit.

Detlef hatte erwähnt, dass in dieser Gegend Wildschweine unterwegs sind. Und in der Tat klingt das laute Knacken im Gehölz wenige Meter von unserem Lager entfernt für mein Gefühl nicht nach der Verdrängungsmasse eines Hasen oder Fuchses. Besonders wohl fühle ich mich nicht bei dem Gedanken, dass wir von Wildschweinen umzingelt sind. Und mein angriffslustig knurrender Vierbeiner macht es nicht besser. An Schlaf ist nicht zu denken. Zusätzlich macht mir die Kälte aus dem Boden zu schaffen, also bleibe ich am zentralen Feuer sitzen. Dort bin ich nie allein, denn nur die wenigsten der Gruppe schlafen tatsächlich für mehrere Stunden.

In den Gesprächen erfahre ich mehr über meine Mitstreiter. Franky ist „Wiederholungstäter“ und nimmt fünf Mal im Jahr an den Kursen von Detlef Kamerau teil. Auch Kai, Vater von drei Töchtern und einem Sohn, hat Gefallen gefunden an dem rauen Leben in der Natur: „Mir gefällt das super hier, die Truppe, einfach alles.“ Sehr gern, gibt er zu, würde er solche Erfahrungen auch mit seinen Töchtern teilen. „Leider sind die nicht für solche Dinge zu begeistern.“ Im Februar nimmt der 47-Jährige an Detlef Kameraus Wintersurvival teil und freue sich schon jetzt darauf. Spät in der Nacht erzählt mir Eric von seiner Arbeit als Lehrer – davon, dass er einst den Wunsch hatte, das Potenzial der Schüler zu fördern. Er habe schnell lernen müssen, dass so manches kindliche Potenzial durch das Elternhaus erstickt wird, egal wie sehr er sich darum bemühte.

Stephan erzählt, einige Erfahrungen dieses Wochenendes wolle er nicht wiederholen, die Schlachtung der Enten beispielsweise. „Aber es hat mich auch bereichert“, räumt der Pädagoge ein. Seit einem belastenden Erlebnis in seiner Kindheit habe er eine Art Trauma: „Ich mag keine toten Tiere, hatte Berührungsängste.“ Diese habe Stephan beim Rupfen und Ausnehmen der Enten jedoch überwunden. Immer mehr Kursteilnehmer legen sich im Laufe der Nacht nach und nach um den zentralen Lagerplatz. Gegen fünf Uhr scheinen sich die Wildschweine einen anderen Platz gesucht zu haben, denn sowohl das laute Knacken als auch das Knurren meines kleinen Beschützers haben aufgehört. So übermannt mich irgendwann die Müdigkeit. Beim Starren ins Feuer fallen mir die Augen zu und ich falle sitzend in einen leichten Schlaf. Als die Sonne kurz nach sieben allmählich Helligkeit auf unser Lager wirft, liegen oder sitzen alle um die zentrale Lagerstelle versammelt und schlafen.

Der Morgen: das weltbeste Spiegelei

Schmeckt gleich doppelt so gut: Spiegelei auf heißem Stein.
Foto: Andrea Lange
Schmeckt gleich doppelt so gut: Spiegelei auf heißem Stein.
 

Detlef bringt uns Frühstück: Eier. Die Müdigkeit steht uns ins Gesicht geschrieben. Mir steckt die Kälte der Nacht in den Knochen. Wie eine Eidechse bei niedrigen Temperaturen sind meine Bewegungen langsamer und mit Kraftanstrengung verbunden. Ich verspüre weder Hunger noch Durst. Alle meine Gedanken kreisen um mein warmes Bett. Aber einfach stehen oder sitzen zu bleiben, ist keine Option, ich muss mich bewegen, sonst schlafe ich ein und unterkühle zusätzlich. Dank unseres Feuers können wir Rühr-, Spiegel- und selbst gekochtes Ei bereiten. Wofür ich sonst Pfanne, Pfannenwender, Teller, Messer und Gabel benötige, reichen mir nach 21 Stunden im Wald ein flacher Stein in der Glut und ein Stock für den Genuss des weltbesten Spiegeleis.

Anschließend demonstriert Detlef, wie mit verhältnismäßig einfachen Mitteln Waffen zur Verteidigung und zur Jagd entstehen. „Aber vegetarisch muss die Lösung sein“, erklärt der Überlebenstrainer, denn: „Beim Jagen und Verfolgen eines Tieres verbraucht man unheimlich viel Kalorien. Und eine Fallenjagd übersteht man nie unbeschadet.“ Die letzten Stunden ziehen sich hin wie Kaugummi und ich kann Detlefs Worten nicht mehr folgen. Ganz bestimmt ist sein Erfahrungsschatz, an dem er uns teilhaben lässt, unglaublich interessant, aber Kälte und Müdigkeit lassen mich nicht mehr klar denken. Beim Blick in die Gesichter meiner Mitstreiter bekomme ich das Gefühl, mir geht es nicht allein so. Nachdem wir die Spuren unseres „Lagers“ beseitigt haben, lädt uns Detlef auf einen Kaffee ein.

Was habe ich an diesem Wochenende gelernt?

Immer einen Pyrit in der Tasche zu haben, kann nicht schaden. Und ich werde nie wieder die Wärme meines weichen Bettes unterschätzen. Beim Verlassen des Waldes – alle meine Gedanken gelten nun nur noch der Tasse heißem Kaffee – spricht mir Geburtstagskind Olli aus der Seele: „Ich weiß nicht, ob ich durch den Kursus einen Monat in der Wildnis überleben würde, aber die Wahrscheinlichkeit ist jetzt höher.“ Ich stimme ihm zu. Und im Notfall gibt es ja auch immer noch „Christoph 12“.

Impressionen des Survivaltrainings gibt es auch im Video:

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