Eutin : Stimmung wie bei einer Beerdigung

Büchersortieren gehört zu den Aufgaben von Warenhaus-Mitarbeiterin Ursula Gähler.
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Büchersortieren gehört zu den Aufgaben von Warenhaus-Mitarbeiterin Ursula Gähler.

Das Second-Hand-Warenhaus des Eutiner Kinderschutzbundes schließt im August nach 21 Jahren wegen wirtschaftlicher Probleme

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29. Juni 2013, 09:27 Uhr

Eutin | Elfriede Krügers Blick geht ins Leere. "Ich bin am Boden zerstört, weil ich hier liebe Menschen treffe - jeden Mittwoch", sagt sie in ernstem Ton. Dann versagt ihr fast die Stimme. Die Eutinerin ringt um Fassung und verlässt fluchtartig den Raum. So wie Elfriede Krüger geht es derzeit fast allen Menschen im Second-Hand-Warenhaus des Kinderschutzbundes in der Weidestraße.

Die in einem Hinterhof versteckte Einrichtung wird aus wirtschaftlichen Gründen bald schließen. Ursprünglich sollte am 30. Juni Schluss sein. Kurzfristig hat Heidi Feilke, die Vorsitzende des Eutiner Kinderschutzbundes, den Ausverkauf der Bestände um sechs Wochen bis zum 14. August verlängert. "Unser Lager ist noch recht voll", begründete Feilke diese Maßnahme. Daher habe das Warenhaus bis zur endgültigen Schließung weiterhin montags bis freitags geöffnet.

An der traurigen Grundstimmung im Warenhaus ändert diese Entscheidung aber nichts. Egal ob Mitarbeiter oder Kunden, überall sind bedrückte Mienen zu sehen, niemand lacht oder ist fröhlich. Die Atmosphäre erinnert an eine Beerdigung. "So ist es ja auch", bestätigt Renate Behrens. "Hier neigt sich eine Ära dem Ende zu." Mit 85 Jahren ist Behrens die älteste Mitarbeiterin des Warenhauses, sie arbeitet dort seit 1993, nur ein Jahr eher wurde die Einrichtung gegründet. Dort steht Renate Behrens an einem kleinen Tisch, der als Kassiertresen dient, im 1. Stock.

Zahlreiche Regale stehen in dem Raum, alle sind vollgestopft mit Büchern, Geschirr und allerlei anderem Hausrat. Auch eine Etage höher, wo Kleidung angeboten wird, und in den Garagen im Erdgeschoss mit Möbeln verschiedenster Art stehen die Waren dicht an dicht gereiht. "Uns fehlt einfach der Platz, um die Waren ansprechender zu präsentieren", beklagt Feilke.

Trotzdem seien jeden Mittwoch zu den Öffnungszeiten des Warenhauses bis zu 100 Personen gekommen. Auch an diesem Tag herrscht reges Treiben in den Räumen der Einrichtung. Warum also steht die Schließung bevor? "Dafür gibt es viele verschiedene Gründe, die in der Summe ausschlaggebend waren", erklärt Feilke. "Die zahllosen privaten und gewerblichen Flohmärkte schießen wie Pilze aus dem Boden, Online-Händler wie bei Ebay-Kleinanzeigen und Ein-Euro-Läden haben uns zunehmend Konkurrenz gemacht." Bei vielen Bürgern sitze das Geld nicht mehr so locker, deshalb veräußern sie nicht mehr benötigte Produkte statt sie dem Warenhaus zu spenden. "Zudem hat das Sozialkaufhaus Möbioh neben besseren größeren Präsentationsräumen für ihre Produkte auch länger und häufiger geöffnet als wir und im Gegensatz zum Warenhaus gibt es dort eine Heizung für die kältere Jahreszeit", ergänzt Feilke.

Als Kritik wolle sie ihre Aussagen aber nicht verstanden wissen, sondern als Erklärungen für die wirtschaftliche Misere des Warenhauses. Diese habe im vergangenen Jahr begonnen. Nach Angaben Feilkes hat der Kinderschutzbund 2012 rund 30 000 Euro Schulden erwirtschaftet. "Da sich die Zahlen im ersten Quartal dieses Jahres nicht gebessert haben, musste ich nun die Notbremse ziehen."

Für diesen Schritt fühlt sich Henning Reimann, Geschäftsführer von Beschäftigung und Qualifizierung Ostholstein (BQOH), zu der das Sozialkaufhaus gehört, keineswegs mitverantwortlich. "Seit seiner Gründung im Jahr 2005 existieren Sozialkaufhaus und Warenhaus

nebeneinander und sind freundschaftlich miteinander verbunden."

Durch die Schließung des Warenhauses werden drei Bürgerarbeiter (Langzeitarbeitslose, die durch eine Anstellung in einer Einrichtung für Aufgaben im öffentlichen Interesse wieder in den Arbeitsmarkt integriert werden sollen) und drei hauptamtlich Beschäftigte arbeitslos. Eine davon ist Ursula Gähler. Die 66-Jährigen Malenterin hat zehn Jahre dort gearbeitet. "Ich hoffe, dass der Kontakt zwischen uns Kollegen weiterbesteht, denn wir waren wie eine Familie, die sich zusammengerauft hat."

Besonders leid tue ihr die Schließung für die Kunden. Viele von ihnen wissen jetzt noch nicht, wie es weitergehen soll. "Ich habe drei Kinder, kaufe hier seit einem Jahr regelmäßig mittwochs ein und bin nun echt aufgeschmissen", berichtet Sandra Sandmann. Die Eutinerin kauft gleich einen ganzen Wäschekorb voll mit Kleidung und Plüschtieren. Nicht ganz so viel nimmt Irute Braun mit. Die gebürtige Litauerin kommt nach eigenen Angaben seit zwölf Jahren zum Warenhaus, da ihr Budget eng begrenzt sei. "Jetzt muss ich erst einmal tragen, was ich am Leib habe."

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