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Ostholsteiner Anzeiger

24. August 2017 | 13:16 Uhr

Spritztour endet mit Totalschaden

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

19-Jähriger auf der schiefen Bahn: Seit er straffähig ist, steht er vor Gericht – hauptsächlich wegen Diebstahls und Fahren ohne Führerschein

Es lief offensichtlich viel schief im jungen Leben von Marcel T. (19). Er wurde in diversen Einrichtungen groß, begann vor sieben Jahren mit starken Drogen und steht seit fünf Jahren regelmäßig vor Gericht. Dabei wurde er mit einer großen Bandbreite von Sanktionen konfrontiert: von der Ermahnung bis zum Dauerarrest. „Aber Sie haben noch nicht begriffen, was die Stunde geschlagen hat“, sagte Eutins Amtsrichter Otto Witt gestern. Er verurteilte den mehrfach einschlägig vorbestraften Heranwachsenden wegen besonders schweren Diebstahls und vorsätzlichen Fahrens ohne Fahrerlaubnis in Tateinheit mit Gefährdung des Straßenverkehrs zu einer Jugendfreiheitsstrafe von einem Jahr und zwei Monaten – dabei wurde eine zur Bewährung ausgesetzte Freiheitsstrafe aus einem Urteil vom Februar 2015 (neun Monate) eingerechnet.

„Schon damals haben wir händeringend nach Argumenten gesucht, Ihnen nochmal eine Bewährung auszustellen, und trotzdem nutzen Sie die Chance nicht, sondern begehen drei Monate nach dem Urteil gleich die nächste Straftat“, sagte Witt.

Diesmal wurde Marcel T. vorgeworfen, im Mai 2015 ein Auto gestohlen zu haben. Betrunken setzte er sich ans Steuer und fuhr mit einem Kumpel durch Eutin über Plön, Selent und Lütjenburg. Die Spritztour endete an einer Hauswand. Totalschaden. „Sie können von Glück sagen, dass Sie sich beide nicht nachhaltig verletzt haben“, erklärte Witt. Vier Monate später soll der Angeklagte einem Kollegen 500 Euro aus dem Rucksack gestohlen haben. „Ich weiß, ich habe Scheiße gebaut“, gestand Marcel T. Er habe damals in schwierigen Verhältnissen gelebt, sei stark drogenabhängig gewesen, habe nicht auf sich geachtet, war „eher verwahrlost“. 200 Euro habe er schon zurückgezahlt. Außerdem sei er dank der Unterstützung der Freien evangelischen Gemeinde seit knapp einem Jahr drogenfrei, habe eine Freundin, mit der er zusammenlebe und einen Saisonjob in Aussicht.

Das Gericht anerkannte die Entwicklung. Für Unverständnis sorgte allerdings, dass Marcel T. von den vor sechs Monaten angeordneten 100 Arbeitsstunden bis gestern erst fünfeinhalb geleistet hatte. Witt: „Mir fehlt es an Ernsthaftigkeit. Wenn man wirklich will, kann man in sechs Monaten mehr arbeiten.“ Nach den Vorträgen der Jugendhilfe und des Bewährungshelfers könne er keine positive Prognose geben und die Strafe nochmals zur Bewährung ausstellen. Witt: „Ich bin aber gleichwohl bereit, in das Urteil zu schreiben, dass wir die Möglichkeit haben, die Strafe zur Bewährung auszusetzen, wenn Sie sich weiterhin stabilisieren sollten.“ Die Steilvorlage will der Verteidiger nutzen, Berufung einlegen, um nicht nur Zeit für seinen Mandanten und dessen Saisonjob zu gewinnen, sondern auch Zeit, in der Marcel T. beweisen kann, dass er sich wirklich geändert hat.*Name geändert

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erstellt am 21.Mär.2016 | 11:18 Uhr

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