Spielsucht treibt einen 28-Jährigen in den Ruin

Online-Wetten haben beim Angeklagten fast zum Ruin geführt.
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Online-Wetten haben beim Angeklagten fast zum Ruin geführt.

Gewerbsmäßiger Betrug: Plöner Schöffengericht verurteilt Angeklagten zu zwei Jahren Freiheitsstrafe auf Bewährung und 300 Arbeitsstunden

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07. Mai 2015, 14:52 Uhr

Spielsucht hat einen 28-jährigen, bisher unbescholtenen Mann aus der Gemeinde Lehmkuhlen an den Rand des Ruins getrieben. Er hat jetzt 25  000 Euro Schulden, keinen Job mehr und gilt als das „schwarze Schaf“ der Familie. Und jetzt ist er auch noch vorbestraft: Wegen gewerbsmäßigen Betruges wurde er vom Plöner Schöffengericht zu zwei Jahren Freiheitsentzug, drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt, verurteilt. Hinzu kommen 300 Stunden gemeinnützige Arbeit.

Der nach einer Sucht-
Therapie gefasst wirkende und umfänglich geständige Mann war angeklagt, 2013 und 2014 in 56 Fällen auf
der Internetplattform „eBay“ Spiele, Grafikkarten, Smartphones oder Festplatten verkauft zu haben, ohne die Waren zu besitzen. Dabei waren den „Kunden“ in ganz Deutschland ein finanzieller Gesamtschaden von knapp 13  200 Euro entstanden. Ein eigener Schuldenstand von 12  000 Euro kam hinzu und ließ den 28-Jährigen bereits eine eidestattliche Versicherung abgeben.

Nachdem die Staatsanwältin etwa 35 Minuten lang die Anklageschrift vorgelesen hatte, erzählte der 28-jährige Angeklagte seine bisher so bewegte „Geschichte“. Seine ganze Kindheit habe der Eigenbrödler mit Computerspielen verbracht, hatte keine sozialen Kontakte und war mal kurz im Fußballverein. Mit 12 Jahren erlebte er die Scheidung seiner Eltern, mit 17 ging er seine erste Sport-Wette am Lotto-Stand in Preetz ein.

Der Abiturient verspielte den Botenlohn, den er als Zeitungsausträger einnahm. Auch der Wehrsold ging komplett in die Online-Wetten. Aus einem Einsatz von 50 Euro machte er binnen weniger Tage auch mal mehrere 1000 Euro oder gewann an einem Tag sogar 5000 Euro. Aber alles meiste verlor er wieder. „Ich begann ein Studium der Volkswirtschaftslehre in Kiel“, sagte der gepflegt wirkende Mann im blauen Sakko, dessen Freundin im Gerichtssaal aufmerksam die Verhandlung verfolgte. Doch innerhalb von drei Jahren hatte er nur zwei- bis drei Mal die Uni besucht und keine einzige Klausur geschrieben. „Die Bafög-Zahlungen habe ich gleich wieder verwettet“, räumte er ein. Er flog aus dem Studium, arbeitete als Aushilfskraft in einer Druckerei und verwettete auch diese Einnahmen wieder. „Ich war immer nur der Außenseiter“, sagte er mit gesenktem Kopf. Auch seine Mutter sei heute „komplett fertig“.

„Irgendwann reichte das Geld nicht mehr aus und ich verkaufte Sachen bei eBay, die ich gar nicht hatte“, gestand der Angeklagte. Er verschuldete sich weiter durch Kreditkarten oder Handyverträge. 2012 begann er eine Lehre. Weil er während der Arbeitszeit am Computer sein Geld verwettete, flog er nach Abmahnungen raus. „Ich habe bis zu drei Mal am Tag gewettet, um das zuvor verlorene Geld wieder reinzuholen oder Wettschulden zu bezahlen“, sagte der 28-Jährige mit gesenktem Kopf.

Irgendwann häuften sich die Anzeigen Geprellter aus dem Internet. Es kam zu Bedrohungen der um ihr Geld betrogener „Kunden“ direkt vor dem Elternhaus, einer Hausdurchsuchung der Polizei und der Vorführung bei einer Haftrichterin, die ihn noch einmal
verschonte. „Als ich kurz in der Arrestzelle im Amtsgericht saß, machte es ,klick* bei mir“, sagte der 28-Jährige.

Er absolvierte eine Therapie in Schwerin und hatte auch Kontakt zur ATS-Suchtberatung in Preetz. Jetzt suche er nach dem Rauswurf Zuhause eine Wohnung in Kiel und eine neue Ausbildungsstelle. „Ich fühle mich stabil und habe einen Notfallplan in der Tasche, sollte die Sucht zurückkehren“, sagte der Angeklagte. Der Gutachter allerdings bescheinigte dem Angeklagten, dass ihn die Nachsorge der Suchttherapie noch einige Jahre begleiten werde. Der Angeklagte sei umfänglich schuldfähig. „Ihr Verhalten ähnelt in erschreckendem Maße vergleichbaren Fällen“, sagte der Vorsitzende Richter des Schöffengerichts und sah umfängliche Nachsorge als dringend erforderlich an.

„Der Angeklagte hat es geschafft, mit fremder Hilfe wieder in den Spiegel aber auch zurück zu schauen“, sagte der Verteidiger. Er verstecke sich nicht hinter seiner Sucht und habe als intelligenter Mensch eine Chance verdient.

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