Spielstunde für kleine Kicker

Jeder, so schnell er kann: Mit Feuereifer üben sich die Kinder im Dribbling, sie lernen dabei, den Ball zu kontrollieren und den anderen Spielern nicht in die Quere zu kommen. Das ist nicht so einfach, wie es sich manch ein Erwachsener vorstellt.
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Jeder, so schnell er kann: Mit Feuereifer üben sich die Kinder im Dribbling, sie lernen dabei, den Ball zu kontrollieren und den anderen Spielern nicht in die Quere zu kommen. Das ist nicht so einfach, wie es sich manch ein Erwachsener vorstellt.

Der Schleswig-Holsteinische Fußballverband gibt Kindertrainern, die noch keine Lizenz haben, wertvolle Anregungen für das altersgerechte Training

shz.de von
20. Juni 2018, 21:44 Uhr

Für den Schleswig-
Holsteinischen Fußballverband (SHFV) war es eine Premiere, für viele der rund 40 Teilnehmer am Qualifizierungs-Lehrgang mit Schwerpunkt Kinderfußball auch. Trainer von Mannschaften, in denen die kleinsten Kicker dem Ball hinterher laufen, kommen oft unfreiwillig zu ihrem Ehrenamt. Meistens werden Trainer und Betreuer in den Sportvereinen in die Verantwortung genommen, denn Trainer sind Mangelware, fußballbegeisterte Kinder tummeln sich in großer Zahl auf den Sportplätzen, da ist jeder Erwachsene heiß begehrt, der sich als Übungsleiter oder Betreuer einbinden lässt.

„Die Teilnehmer sind schon Trainer in den Vereinen, die aber im Zweifelsfall noch keine Qualifizierung genossen haben. Das bedeutet: Sie sind die klassischen eingefangenen Mamis und Papis, die dann in ihrem Sportverein aushelfen“, sagt Andreas Heumeier, der im SHFV für die Qualifizierung zuständig ist. In den Sportvereinen sind die Lizenzinhaber oft in der Minderheit. Rund 20 Prozent der Trainer haben eine Lizenz, das heißt im Umkehrschluss, dass 80 Prozent keine spezielle Ausbildung bekommen haben. Mit dem Angebot will der SHFV die Schwelle senken, über die die Kindertrainer gehen sollen, um Fachwissen zu erwerben.

„Ihr seid alle Schiffe!“, sagt Corvin Marxen, der die Bambinis des TSV Malente schnell in seinen Bann zieht. „Wenn ich sage, dass sie zu den Hütchen laufen oder, je nach Kommando, aufs kleine Übungstor schießen sollen, verstehen die Kinder das oft nicht. Da ist es gut, wenn man ihre Fantasie nutzt. Wenn ich sage, dass sie beim Stichwort Insel ein Hütchen anlaufen und bei Schatz! ein Tor schießen sollen, wissen alle, was sie tun sollen.“ Auf dem abgesteckten Kleinfeld laufen Lionel Messi und Marco Reus, Manuel Neuer und Niklas, der ein HSV-Trikot trägt, munter durcheinander, klatschen sich auf Kommando ab, prellen den Ball, werfen ihn hoch und fangen ihn wieder auf. Dafür erntet Corvin Marxen, der drei- bis viermal im Jahr mit dem DFB-Mobil zu den Sportvereinen unterwegs ist, um dort Anregungen zu geben, einen spontanen Kommentar: „Wir spielen hier doch Fußball!“ Den Ball in die Hand zu nehmen ist bei den kleinen Kickern verpönt.

Für den Eckernförder SV sitzt ein Frauen-Trio am Rand des Kunstrasenplatzes und macht eifrig Notizen. „Unsere Fußball-Jugendabteilung ist gewachsen, wir haben zurzeit 16 Mannschaften im Spielbetrieb“, sagt Andrea Seemann, die von ihren Töchtern Jessica Augustinat und Rosa Zühlsdorff begleitet wird. Der ESV hat fleißig die Werbetrommel gerührt, mit Aushängen im Kindergarten und in der Kinderarztpraxis Kinder und Eltern auf den Sportverein aufmerksam gemacht. „Vernünftige Arbeit mit Kindern spricht sich rum“, weiß Jessica Augustinat.

„Aber Trainer zu finden ist schwierig“, stellt Andrea Seemann fest, denn Kindertraining findet in den Altersstufen U5, U6 und U7 in Eckernförde zwischen 15 und 16 Uhr statt. Für Kinder und Eltern super, für ehrenamtliche Trainer und Betreuer, die berufstätig sind, ein Problem. Insgesamt wollen im ESV in diesen Altersklassen rund 50 Kinder angeleitet werden. „Das Training ist bei diesen Altersgruppen nicht fußballspezifisch“, sagt Rosa Zülsdorff. Sie hat selbst Fußball gespielt und hilft den Kleinen bei den ersten Schritten auf dem Fußballplatz. „Man gibt den Kindern etwas mit“, sagt sie und stoppt die Zeit, in der die Malenter Jungen für Argentinien, Brasilien oder Deutschland kicken.

Dabei brauchen die kleinen Fußballer keinen Schiedsrichter, sie regeln die Entscheidungen selbst. Genau so soll es auch im Spielbetrieb zugehen. „Ab dem 1. Juli 2018 wird die Fair-Play-Liga für G- und F-Jugend verpflichtend eingeführt“, sagt Benjamin Abel, der die Kindertrainer im Lehrraum über die drei wichtigsten Regeln informiert: „Es wird ohne Schiedsrichter gespielt, die Kinder sollen selbst entscheiden. Es gibt eine Trainerregel: Die Trainer sollen ausschließlich eingreifen, wenn die Kinder sich nicht einigen können. Sie sollen die Kinder nur positiv unterstützen. Die dritte Regel ist die Fanregel, die besagt, dass die Eltern Abstand halten zum Spielfeld und die Kinder ebenfalls nur positiv unterstützen.“ Eine weitere Besonderheit der Altersstufen bis acht Jahre ist, dass keine Tabellen geführt und veröffentlicht werden. Ergebnisse werden zwar notiert und an die jeweiligen Staffelleiter weitergegeben, werden aber nur dazu verwendet, die Mannschaften nach Spielstärke zu beurteilen. So sollen sich möglichst gleich starke Teams miteinander messen.

Corvin Marxen sagt: „Den Begriff Training benutzen wir im Bambini-Alter nicht gerne, im DFB wird hauptsächlich der Begriff der Spielstunde benutzt. Die Kinder bekommen verschiedene Bewegungsangebote, sie lernen sich zu bewegen, lernen den Ball kennen, wie springt er, wie bewegt er sich. Dazu kommen Fußballinhalte, die Kinder sollen den Ball auch einmal am Fuß haben, mit ihm ein wenig dribbeln und auch Tore schießen.“ Das DFB-Mobil ist pro Monat zehn bis 20 Mal im Einsatz. „Im Winter sind wir mehr an Schulen, das ist dann vormittags, im Sommer sind wir vor allem in Vereinen unterwegs, das ist am Nachmittag, wir haben zehn bis 15 Teamer, die von Kiel aus starten. Die Einsätze werden, je nachdem, wer gerade Zeit hat, anteilig verteilt“, gibt Corvin Marxen einen Einblick in die Arbeit des DFB-Mobils.

Wichtig sind Vorbilder. „Die Kids orientieren sich ganz stark an den Spielern, die sie auch in Fernsehen sehen, an den Cristiano Ronaldo, Lionel Messi und Marco Reus, von denen haben sie Trikots an. Und deswegen ist es auch total cool für sie, wenn sie mit ihren Vorbildern verglichen werden, wenn sie ein Tor schießen“, sagt Marxen. Die Profi-Kicker sind eine große Motivation. In den Spielstunden hat Corvin Marxen beobachtet, dass viele Kinder nicht mehr lernen, wie sie sich bewegen können, daraus entstehen koordinative Probleme, die die Trainer aufzufangen versuchen. Es sei wichtig, dass die Kinder in Bewegung seien, egal ob beim Eltern-Kind-Turnen oder einer Ballschule.

Andreas Heumeier ist mit der Premiere zufrieden. Er hofft, dass von den Teilnehmern einige die Lizenztrainer-Laufbahn einschlagen, die mit der C-Lizenz beginnt. Die Ausbildung ist in den Kreisfußballverbänden möglich und endet mit der Prüfung im Uwe-Seeler-Fußball-Park.

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