Spaziergang hinter Palastmauern

Orgelmusik auch ohne Organist: Die Schlosskirche.
1 von 4
Orgelmusik auch ohne Organist: Die Schlosskirche.

Das Eutiner Schloss: OHA-Volontärin Christina Norden hat sich beim Rundgang durch das Eutiner Schloss auf eine Zeitreise begeben

Avatar_shz von
07. April 2012, 08:24 Uhr

Eutin | Als sich Kate und William vor fast einem Jahr in Westminster Abbey das Ja-Wort gaben, war ich dabei - auf dem Sofa vor dem Fernseher. Als Prinzessin Victoria von Schweden ihr Kind bekam, habe ich mit über den Namen der kleinen Estelle Silvia Ewa Mary spekuliert - im Internet.

Echte Adelsluft schnupperte ich aber erst im Eutiner Schloss, einst Haus von Fürstbischöfen, Herzöge und Großgerzögen. Als ich durch das große Eingangstor in den Innenhof gelange, fühle ich mich sofort in eine andere Zeit versetzt. Hier fuhren früher Kutschen, kommt es mir in den Sinn. In Gedanken höre ich förmlich die Räder über das Pflaster rattern.

An der Kasse werde ich freundlich begrüßt. Es sind noch nicht viele Besucher hier. Das Schloss hat erst Anfang des Monats nach einer Winterpause wieder geöffnet. Eine Mitarbeiterin erklärt mir den Audioguide, einen elektronischen Erzähler, der mich durch das Schloss führen wird. Über die Kopfhörer kündigt sich der erste Höhepunkt an: die Schlosskirche. Orgelmusik ertönt, ohne dass ein Organist anwesend ist. Mit etwas Mühe kann ich mir vorstellen, wie hier schon 1293 Gottesdienste gehalten wurden. In diesem Jahr wurde zumindest die erste Schlosskapelle geweiht.

Mein Blick fällt auf den Altarbereich. Ein riesiger goldener Schnitzrahmen ziert ein Bild von der Kreuzigung Jesu. Davor sehen Sitzbänke. Die gab es früher noch nicht, erklärt mir mein Erzähler. Nur die Fürstenfamilie und hochrangige Gäste durften während der Gottesdienste sitzen. Auf der Arp-Schnittger-Orgel spielte einst Hofkapellmeister Franz Anton Weber. Sein Sohn Carl Maria wurde hier getauft.

Direkt neben der Kirche soll das "Appartement" des Herzogs gewesen sein. Vom Vorzimmer, das ab 1850 als Billardzimmer diente, und Privatgemächern ist allerdings nicht mehr viel zu erkennen. Heute werden dort Schiffsmodelle und Jagdhörner ausgestellt. In einer Nische soll sich die so genannte Puderkammer befunden haben. Als bei der Oberschicht das Tragen von großen Perücken Mode war, gab es einen Raum, in den man nach dem Ankleiden eintrat, einen langen Umhang über die Kleider legte und vom Diener die Perücke eingestäubt bekam.

In den ersten Stock, die Bel Etage, führt eine breite Treppe mit sehr flachen Stufen - typisch Barock, denn die feinen Damen konnten mit ihren steifen, ausladenden Kleidern keine großen Schritte machen. Vorteilhaft damals, heute in Jeans eher ungewohnt. Als ich oben bin, fällt mir auf, dass eine kleine Besuchergruppe vor mir Pantoffeln über den Schuhen trägt. "Die stehen unten vor der Treppe und sollen den Holzfußboden schützen", erklärt man mir. Ups, das hatte ich glatt übersehen, ich husche schnell wieder zurück und besorge mir die Schloss-Hausschuhe.

Im Obergeschoss hatte die Herzogin ihre Gemächer. Hier fällt es mir leichter, mich in das damalige Leben hineinzuträumen. Weitaus mehr Mobiliar ist erhalten. Es heißt, die geräumigen Zimmer seien annähernd so eingerichtet, wie Fürstbischof Christian August (1673-1726)sie für seine Gemahlin Albertine Friederike herrichten ließ.

Ihr ehemaliges Schlafzimmer gefällt mir am besten. Heute steht dort zwar kein Bett mehr, aber das Deckengemälde "Raub der Europa" macht das Zimmer zu einem der dekorativsten im ganzen Schloss. Die Deckenstukkatur mit der tiefblauen Wandbespannung würde ich mir auch in meiner Wohnung wünschen.

Nicht weit davon hatte die Herzogin ihre private Teeküche - einen mit blau-weißen Kacheln gefliesten Raum. Ebenfalls ein echtes Schmuckstück, denke ich mir. Auf dem Herd steht noch originales Zinngeschirr aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. Fast so, als würde die Herzogin gleich die nächste Tasse Tee trinken wollen.

Im größten Raum des Schlosses, dem Rittersaal, verspüre ich plötzlich Lust, meine Jeans doch gegen ein edles Ballkleid zu tauschen und mit meinem Prinzen Walzer zu tanzen. Drei große Kronleuchter hängen an der Decke. An Decke und Wänden hängen große Gemälde. Hier wurden wohl viele große Feste gefeiert.

Kurz vor dem Ende meines Rundgangs finde ich doch noch ein Bett - wenn auch nicht im Schlafzimmer. Heute wird der Raum Paradebett-Zimmer genannt, und fest steht: Hier würde sich jede Prinzessin gerne in die großen, weichen Kissen kuscheln. Das Möbelstück aus vergoldeter Eiche soll für einen Besuch des Königs Friedrich II. von Preußen gebaut worden sein, der dann allerdings doch nicht kam. Stattdessen erlangte das Paradebett 1972 Bekanntheit, als sich Liza Minelli für den Film "Cabaret" darin räkelte.

Im letzten zu besichtigenden Zimmer entdecke ich noch eine Rarität - einen Toilettenschrank. Als der Nachttopf gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu unbequem wurde, baute man ein Plumpsklo mit direkter Verbindung zum Burggraben ein und versteckte diesen in einem Wandschrank. Das muss damals eine Innovation gewesen sein.

Mein Fazit: Um die Wohnkultur der Blaublüter mit prachtvollen Gemälden und Möbeln zu sehen, muss man nicht zum Buckingham Palace reisen. Das Eutiner Schloss bietet originale Architektur mit fabelhaften Stuckdecken. Mit etwas Fantasie kann man sich auch ohne viel Mobiliar in die Zeit zurückversetzen, in der in Eutin noch Adel residierte.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen