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Ostholsteiner Anzeiger

22. August 2017 | 23:03 Uhr

Sozialer Wohnungsbau für Schwalben

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Am Haus von Wilhelm Diestel dürfte es eine Rekordzahl von Mehlschwalben-Nestern geben / Motto des Naturschützers: „Leben und vom Leben umgeben“

Wenn Wilhelm Diestel Besuchern den Weg zu seinem Haus beschreibt, kann er getrost auf die Hausnummer verzichten. Da, wo Bewegung in der Luft ist, würde als Standortbeschreibung reichen. Bei der Fahrt in der Stendorfer Straße ist von weitem ein Grundstück auszumachen, über dem auffallend viele Vögel kreisen. Es sind fast ausnahmslos Mehl-Schwalben. Wilhelm Diestel bietet ihnen an drei Seiten des Hauses insgesamt 86 Nisthilfen an. Er tritt den Beweis an, dass auch in der Vogelwelt „sozialer Wohnungsbau“ möglich ist.

Mit dem Aufhängen von Nisthilfen allein ist es natürlich nicht getan. Diestel hat im Laufe von Jahrzehnten seine Methoden aufgrund von Erfahrungswerten immer mehr verfeinert. So gehört – wie bei allen Nisthilfen – eine gründliche Reinigung im Winterhalbjahr dazu.

1972, als der ehemalige Angestellte des Landes in das Haus einzog, hängte er zwei Nisthilfen auf. Neben den 86, die heute drei Reihen bilden, bietet Diestel auch noch Nistbaumaterial an. Das wird aber, wie er feststellt, kaum angenommen, auch Schwalben setzten sich offensichtlich gerne ins „gemachte Nest“.

Diestel hat auch gelernt, dass nicht alle Nestschalen besetzt sein müssen, wenn es ein erfolgreiches Jahr sein soll. Im Gegenteil: „Die freien Nisthilfen werden gerne von den Männchen zum Übernachten genommen, während die Weibchen brüten und später beim Nachwuchs im Nest bleiben.“

Und: Wenn die Schwalben eine zweite Brut beginnen, nehmen sie vorzugsweise neue Nisthilfen. Vor allem in diesem Jahr, mit dem zeitlich frühen Sommer, ist in diesen Tagen noch reichlich Brutgeschäft zu beobachten. Diestel: „Wie viele Nester belegt waren oder aktuell sind, kann man gut an den Kothaufen zählen.“

Der Kot ist freilich weder für Wände, noch für darunter wachsende Pflanzen eine Zier. Diestel sorgt vor mit Brettern, die er schräg an die Wand stellt oder auch unterhalb von Nestern quer anbringt. Solche Schutzbretter dürften nicht zu dicht am Nest sein, sonst werde die Brut aufgegeben, warnt der Experte. Und gut sei auch, die Nisthilfen am Dachunterstand zehn Zentimeter von der Wand abzurücken. Im übrigen sei der Schwalbenkot bester Dünger für den Garten.

Den Garten hat Diestel natürlich naturnah und tierfreundlich gestaltet. Denn der 72-Jährige kümmert sich seit mehr als 40 Jahren nicht nur um Vögel, sondern um ziemlich alles, was kreucht und fleucht. In den Wäldern zwischen Kasseedorf und Eutin betreut er mehr als 400 Nisthilfen, die alle regelmäßig kontrolliert und gesäubert werden wollen. Nachdem sich nicht nur Vögel in den Kästen ansiedelten, kamen der Schutz von Fledermäusen und auch der sehr seltenen Haselmaus hinzu, wobei Diestel im Lauf der Zeit immer neue Modelle selbst entwickelt hat, die teilweise sogar von Fachfirmen übernommen wurden.

Ein breites Spektrum seines ehrenamtlichen Wirkens gilt dem Amphibienschutz sowie Hummeln, Hornissen und anderen Insekten. Ein Ansiedlungskasten für Hornissen trägt sogar seinen Namen: Er heißt Diestel-Zapfen.

Wer Wilhelm Diestel erlebt, merkt sehr schnell, dass ihm jedes Wesen wertvoll ist, ob die seltene Schweb-Fliege, die im leeren Vogelhaus überwintert, der Ameisenstaat im Wald oder die Rauhaut-Fledermaus, die sich sommers in einem Kasten eingenistet hat.

Im Grund ist Diestel ein Einzelkämpfer. „Ich habe mir gedacht: Immer nur reden nützt nichts, am besten selbst was tun für den Naturschutz“, beschreibt er die „Initialzündung“ für sein ehrenamtliches Wirken. Als Mitglied der Ortsgruppe Eutin des Naturschutzbundes (Nabu) Deutschland ist er trotzdem mit dem organisierten Tierschutz vernetzt, und der Nabu profitiert von diesem regen Mitglied auch in Form von Öffentlichkeitsarbeit: Regelmäßig werden Interessierte zu Touren durch den Wald geladen, bei denen Diestel aus seinem schier unerschöpflichen Fundus an Wissen schöpft.

Schon 1990 wurde Diestels Wirken gewürdigt, er erhielt als erster den Umweltpreis des Kreises Ostholstein. Vor elf Jahren kam das Bundesverdienstkreuz hinzu. Der damalige Umweltminister nannte ihn „einen der aktivsten und profiliertesten Artenschützer des Kreises.“

Daran hat sich, wer in den Himmel über sein Haus in Kasseedorf schaut, nichts geändert. Diestel folgt dem Blick des Besuchers: „Das ist unser Motto: Leben und vom Leben umgeben sein.“

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erstellt am 04.Aug.2014 | 19:12 Uhr

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