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Gespräch mit Heinrich Alt : Sorge um die Zukunft der Jobcenter

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Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Landrat Reinhard Sager fordert eine bedarfsgerechte, den regionalen Besonderheiten entsprechende und ausreichende Ausstattung für die Jobcenter zur Betreuung von Langzeitarbeitslosen.

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erstellt am 28.Mai.2014 | 04:00 Uhr

Die Jobcenter, die für Betreuung von Langzeitarbeitslosen zuständig sind, bekommen immer weniger Geld aus Berlin. Zugleich steigen ihre Personal- und Verwaltungskosten, und die Zahl der Kunden sinkt nicht in dem Maß, wie es die reduzierten Zuweisungen vermuten ließen.

„Mit Sorge blicke ich auf die mittelfristige Finanzplanung des Bundes für die Jobcenter. Wenn langzeitarbeitslose Frauen und Männer mehr noch als bisher von der guten Personalnachfrage der Unternehmen profitieren sollen, müssen die Jobcenter eine bedarfsgerechte, den regionalen Besonderheiten entsprechende und auskömmliche Finanzausstattung haben,“ forderte Landrat Reinhard Sager gestern bei dem Gespräch mit Heinrich Alt, Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit.

Einige Zahlen, die Sager nannte: In den Jahren 2010 bis 2013 seien die Zuwendungen für die Jobcenter um 30 Prozent gekürzt worden. Bei steigenden Verwaltungsausgaben vor allem wegen tariflicher Gehaltserhöhungen fehle immer mehr Geld für Eingliederungsleistungen, das werde in die Verwaltungsbudgets umgeschichtet.

Problematisch sei auch der Finanzschlüssel bei der Geldverteilung an die Jobcenter. Zum einen würden strukturelle und personelle Bedingungen, etwa des ländlichen Raumes, nicht berücksichtigt. Zum anderen würden Jobcenter indirekt bestraft, die bei der Eingliederung überdurchschnittlich erfolgreich seien.

Sagers Zustandsbeschreibung sei ohne Abstriche korrekt, stellte Heinrich Alt fest. Und in einem knapp einstündigen Referat nannte Alt – neben dem Aspekt einer ausreichenden Finanzausstattung – die Felder, bei denen er Handlungsbedarf sieht.

Dazu zähle die Definition, wer erwerbsfähig ist: „Wer drei Stunden am Tag arbeiten kann, ist in Deutschland grundsätzlich erwerbsfähig. Das ist im internationalen Vergleich sehr ehrgeizig.“ Dabei würde es Sinn machen, in der Praxis zu ermitteln, wer wirklich arbeitsfähig sei, wer eine Reha brauche oder aus gesundheitlichen Gründen nicht integriert werden könne.

Alt: „Sind alle in der Grundsicherung richtig einsortiert? Es gibt Menschen, die sagen: ,Ich kann nicht mehr, und ich will auch nicht mehr.‘“ In der Betreuung der Kunden werde in den Jobcentern mehr Beratungskompetenz gebraucht, es müsse Vertrauen aufgebaut werden zu Menschen, die häufig mit dem Staat keine guten Erfahrungen gemacht hätten, es müssten ihre Stärken ermittelt werden.

Bürokratie und Förderinstrumente müssten vereinfacht werden; und für Kunden individuell passende Lösungen geschaffen werden. Bildung sei ein Schlüsselwort, für viele Langzeitarbeitslose aber ein Horror. Viele wollten sich schlicht nicht als Analphabeten outen lassen. Und wenn jemand über 30 eine Facharbeiter-Ausbildung mache, dürfe er nicht dafür finanziell bestraft werden, was aktuell geschehe. Alt nannte einen Strauß an weiteren Maßnahmen, von der engeren Zusammenarbeit mit den Arbeitgebern bis zur finanziellen Förderung von Eigeninitiative bei Alleinerziehenden, von denen 600.000 in der Grundsicherung („Hartz IV“) seien.

Der Bundestagsabgeordnete Ingo Gädechens (CDU) sprach sich für eine „dezentrale Gestaltbarkeit“ bei der Arbeit der Jobcenter aus, während seine SPD-Kollegin Bettina Hagedorn den bevorstehenden wahlterminfreien Zeitraum als gute Chance sah, die Probleme zu lösen, die sich nicht als Thema für Parteiengezänk eigneten. Hagedorn ergänzte, was Alt zur regional unterschiedlichen Verteilung von Arbeitslosigkeit festgestellt hatte: Bei einer Arbeitslosigkeit von zwei Prozent in Süddeutschland sei auch der Anteil von Langzeitarbeitslosen klein. In Regionen von Mecklenburg-Vorpommern mit 25 Prozent Arbeitslosenquote sei auch der Anteil der Langzeitarbeitslosen mit 45 Prozent sehr hoch.

Hagedorn präsentiert eine Karte aus einer Untersuchung des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes: Danach sei Deutschland immer noch geteilt.

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