„So geht man nicht mit alten Leuten um“

Klagen, Urteile, Unsicherheit: Bewohner der Seniorenresidenz sind in Sorge

shz.de von
08. Juli 2015, 15:19 Uhr

Als Marte und Günther Jöhnk einst in die Seniorenresidenz Wilhelmshöhe zogen, fühlten sie sich angekommen. „Hier können wir alt werden“, dachte sich das Paar. Ringsherum ein Blick ins Grüne, „tolle Veranstaltungen, es war richtig familiär“, erinnert sich die 77-Jährige.

Doch die Zeiten seien seit rund eineinhalb Jahren vorbei, seitdem der erste Verkaufsversuch der Familie Ohlmann an den Unternehmer Carsten Maßmann unternommen wurde.

„Wir haben mittlerweile ganze Stapel gelber Briefe vom Amtsgericht“, sagt Marte Jöhnk. „Wir sind ja noch zu zweit, relativ fit und können uns gegenseitig austauschen und Hilfe holen. Doch viele von uns sind über 90 und hatten nie etwas mit dem Gericht zu tun.“ Es geht um falsche Betriebskostenabrechnungen und doppelte Mietzahlungsforderungen. Was das Paar besonders schockierte: „Mit dem Urteil zur Zahlungsaufforderung lag auch eine Blanko-Haftandrohung im Brief.“ Auch ihr Mann ist entsetzt: „So kann man doch mit uns alten Leuten nicht umgehen.“

Geklagt hatte der Alteigentümer Ohlmann, da er im Juli 2014 den Geldfluss an Maßmann versiegen und die Mieten wieder selbst kassieren wollte, nachdem der vereinbarte Kaufpreis nicht geflossen war. Die Bewohner waren verunsichert, an wen sie zahlen sollten, nur die wenigsten überwiesen an Ohlmann. Der Rest bekam nach und nach Post vom Gericht. „So werden wir unschuldig zu Schuldigen, wir hatten ja gezahlt, warum holt man sich das Geld nicht von der Service-Gesellschaft?“, fragt Jöhnk.

Eduard Reidel, Geschäftsführer der Käufergesellschaft, weiß um die Sorgen der Bewohner: „Solange wir nicht als neue Eigentümer eingetragen sind, sind uns die Hände gebunden.“ Die Anlage habe viele Potenziale, Reidel viele Ideen, derzeit aber keine Möglichkeiten. „Um vor Ort die Organisation und Verwaltung aufrecht zu erhalten und eine Ansprechpartnerin für die Bewohner zu haben, haben wir Katja Hüstreich eingestellt“, sagt Reidel. Viele Bewohner bezeichnen sie als die gute Seele.

Für heute sind Gespräche zwischen dem Anwalt der Service-Gesellschaft und den Bewohnern geplant. Zwangsverwalter Peter Woidt: „Eigentlich ist es ein juristischen Unding, dass Bewohner und Service-Gesellschaft strittig sind, aber den gleichen Rechtsbeistand haben.“

Bürgermeister Klaus-Dieter Schulz zeigte sich fassungslos: „Wenn das alles so stimmt, ist es wirklich schlimm, was da läuft.“ Er will sich kundig machen, wie den Bewohnern geholfen werden kann.

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