Archäologie : Slawen und Deutsche lebten Tür an Tür

Ein Zapfhahn gehörte zu Metallfunden am Grellenkamp. Wegen der Form dieses Gefäßverschlusses lässt sich der Name Zapfhahn leicht erklären. Foto: krauskopf
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Ein Zapfhahn gehörte zu Metallfunden am Grellenkamp. Wegen der Form dieses Gefäßverschlusses lässt sich der Name Zapfhahn leicht erklären. Foto: krauskopf

Untersuchungen der Funde am Grellenkamp bestätigen: Im Mittelalter haben Zuwanderer aus dem Westen und ansässige Slawen gemeinsamen ein Dorf bewohnt.

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04. März 2011, 12:38 Uhr

Grellenkamp | Die "Archäologischen Nachrichten" 2010 der Archäologischen Gesellschaft Schleswig-Holstein berichten von einem Forschungsvorhaben in unserer unmittelbaren Nähe, nämlich beim Hof Grellenkamp zwischen Nathenkuhl und Bad Malente-Gremsmühlen. Schon seit längerer Zeit war durch einzelne Oberflächenfunde slawischer Scherben bekannt, dass in jener Gegend möglicherweise einst eine slawische Siedlung war. Der Bau einer Biogasanlage durch den Besitzer des Hofes machte es erforderlich, das Areal archäologisch zu untersuchen, was im Herbst 2009 erfolgte.

Zahlreiche Siedlungsspuren

Unmittelbar beim Hof Grellenkamp wurde eine größere Ausgrabungsfläche freigelegt. Die topographischen Verhältnisse des Raumes, eine leichte Geländeerhöhung, die in die einstige Schwentine-Niederung hineinragte, ließ von vorneherein vermuten, dass sich ein möglicher Siedlungsplatz in dieser natürlichen Schutzanlage befunden hat. Das Forschungsergebnis bestätigte diese Vermutung.

Auf einer 700 Quadratmeter großen Ausgrabungsfläche zählten die Vorgeschichtsforscher über 500 Pfostenlöcher, die sich durch die dunklere Bodenfärbung deutlich abhoben, ebenso wie die zahlreichen einstigen Siedlungs gruben. Aus dem für den Laien unentwirrbaren Muster der verschiedenen Bodenverfärbungen lasen die Forscher deutlich drei sichere Gebäudegrundrisse heraus. Sie waren einschiffig mit einer Seitenlänge von 20 bis 30 Meter und einer Breite von neun bis zwölf Meter. Zwei dieser Hausgrundrisse wiesen eine Besonderheit auf: die Längsseiten waren leicht nach außen gebogen.

Die slawischen Wohnhäuser, wie wir sie vorbildlich rekonstruiert im Wall-Museum in Oldenburg sehen können, waren wesentlich kleiner, etwa 8 mal 5 Meter, oft leicht eingetieft, mit Wänden aus Spaltbohlen oder Flechtwänden mit Lehm beworfen und verstrichen. Sie hinterlassen keine tiefen Pfostenlöcher und sind daher archäologisch nur schwer nachweisbar.

Die Größe und die ungewöhnlich "gebogene" Form der Längsseiten der zwei großen Hausgrundrisse zeigen, dass es keineswegs Wohnstätten slawischer Menschen gewesen sind, sondern solche deutscher Siedler; und zwar gab es diese besondere Bauweise im Mittelalter im holländischen und westlichen westfälischen Siedlungsbereich.

Deutsche Besiedlung

Es ist allgemein bekannt, dass im Jahre 1143 der Herzog Adolf II. einen Aufruf in dem damals überbevölkerten westlichen Teil des alten deutschen Reiches erließ, nach Ostholstein zu kommen und in den durch die Kämpfe der Holsten mit den Slawen teilweise entvölkerten Gebieten zu siedeln.

Der Chronist Helmold von Bosau hat geschildert, wie "daraufhin eine zahllose Menge aus verschiedenen Stämmen" aufbrach, Familie und Habe mitnahm und nach Wagrien kam, um das Land in Besitz zu nehmen. Graf Adolf II. handelte sehr überlegt, wenn er die Siedler gleicher Herkunft in geschlossenen Räumen ansiedelte, so Holländer im Raum um Eutin, Friesen um Süsel und Westfalen im Raum östlich von Segeberg. Die genannte "gebogene" Hausform dürfte ein Beweis sein, dass hier im 12./13. Jahrhundert holländische Siedler gelebt haben.

Der dritte, kleinere Hausgrundriss hat parallele Seitenwände und wird als Speicherhaus gedeutet. Auch diese Trennung von Wohnhaus und Speicher oder Stall ist ein Charakteristikum für deutsch-holländische Siedler. Das dreischiffige sogenannte Niedersächsische Bauernhaus war dagegen ein einheitliches Wohn-Stall-Scheunenhaus. Der Bauer lebte mit seinem Vieh unter einem Dach; das Vieh stand in den Küppungen beiderseits der Großen Diele, an deren Ende (Flett) sich das offene Herdfeuer und der Wohnteil befanden. Die Erntevorräte lagerten auf dem Dachboden. Dieser Bauernhaustyp hat sich durchgesetzt und Jahrhunderte lang das Bild unserer Dörfer bestimmt.

Reiche Keramikfunde

Außer auf die Rekonstruktion der Hausgrundrisse bezog sich das Interesse der Archäologen auf das reichhaltige, überwiegend keramische Fundmaterial. Es lagerte zumeist in Siedlungsgruben, "die unregelmäßig über die gesamte Fläche verstreut und keinem bestimmten Gebäude zugeordnet werden können". Von Bedeutung ist nun, dass die älteren Abfallgruben ausschließlich Keramikscherben slawischen Ursprungs, sogenannte Jung slawische Gurtfurchenware, enthielten. Es ist als recht sicher anzunehmen, dass sie aus einer Zeit stammen, als an dieser Stelle ausschließlich slawischstämmige Bewohner siedelten, also aus der Zeit vor der deutschen Einwanderung.

Dagegen fand man in anderen Gruben zu etwa gleichen Anteilen sowohl jungslawische als auch "Harte Grauware", also Scherben einer Keramikart aus grundfarbigem Ton, die typisch für die deutschen Kolonisten sind. Darunter waren auch Scherben von "deutschen" Kugeltöpfen.

In weiteren, noch jüngeren Abfallgruben dominierte dann die frühdeutsche Harte Grauware deutlich; nur noch geringe Teile slawischen Ursprungs sind hier zu finden.

Im Laufe des 14. Jahrhunderts ist das Gehöft offensichtlich aufgegeben worden, da keine Relikte aus dieser und der folgenden Zeit gefunden wurden.

Deutsche Einwanderung

Über das erste Eintreffen deutscher Kolonisten in Wagrien/Ostholstein nach 1143 schreibt Professor W. Lammers: " Es gibt eine Reihe von Hinweisen, dass die Zuwanderer sich zunächst nicht in unbewohnte Räume, sondern in bereits kultivierte Siedelflächen begaben und ihre Arbeit als Ausbau vorhandenen Landes begannen. Beim Eintreffen von Kolonisten ist daher häufig mit dem Untergang einer slawischen Siedlung und deren Verlegung zu rechnen." 1)

Die drei großen Hausgrundrisse beweisen, dass die neu ankommenden Siedler hier bei dem heutigen Grellenkamp eine slawische Siedlung besetzt und überbaut haben.

Wie aber war das weitere Verhältnis zwischen Neusiedlern und ansässigen Slawen? Professor Wolfgang Prange schreibt: "Aber um abschätzen zu können, wie häufig es bei bloßer Berührung im Zeitpunkt des Abbruchs der einen und des Beginns der anderen Siedlung geblieben und wie häufig es zu einem Nebeneinander gekommen ist und wie lange dieses angedauert hat, bedürfte vor allem archäologischer Untersuchungen." 2)

Diese Untersuchungen sind jetzt hier bei Grellenkamp vorgenommen worden. Die zeitliche Abfolge der Gruben und ihre Inhalte geben Aufschluss: Nach einer rein slawischen Zeit (älteste Gruben) lässt der Grubeninhalt der mittleren Epoche (2. Hälfte des 12. Jahrhunderts) mit den gleichen Anteilen slawischer und deutscher Keramik auf ein gemeinsames Bewohnen dieses Ortes von Slawen und Deutschen schließen. Die jüngeren Gruben deuten auf ein allmähliches Zurückdrängen der Slawen hin.

Das Gebiet zwischen Eutin und Malente war altes slawisches Siedlungsgebiet, wo rauf die slawischen Namen Dodau (ursprünglich Dodow = Dorf des Dadow) und Beutin (ursprünglich Boltin, Dorf des Balota) hinweisen und Einzelfunde belegen. Dass hier in der ersten Zeit der deutschen Besiedlung (nach 1143) ein deutsches Einzelgehöft angelegt wurde, wäre allerdings ungewöhnlich. Denn grundsätzlich wurden die Einwanderer in geschlossenen Siedlungen von mindestens drei Bauernfamilien (Jungfernort), fünf Bauernfamilien (Bockholt) oder meist zwölf Bauernfamilien (Eutin, Neudorf) angesetzt. Das war schon allein erforderlich bei den gemeinsamen Aufbauleistungen, etwa Rodung von Neuland, und auch bei der möglichen Abwehr von Feinden.

Aufklärung über manche noch offenen Fragen und über die in diesem Bericht geäußerten Vermutungen ist zu erwarten, wenn eine Magisterarbeit am Institut für Ur- und Frühgeschichte an der Christian-Albrechts-Universität Kiel erscheint. Sie wird eine detaillierte Auswertung der Funde und Befunde enhalten.

Literatur

1) W. Lammers, in Geschichte Schleswig-Holsteins. Bd. 4 S. 303. Neumünster 1981

2) W. Prange, in Festschrift f. K. Jordan S. 254. Stuttgart 1972

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