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Ostholsteiner Anzeiger

21. August 2017 | 01:30 Uhr

Eutin : Sie wollen etwas zurückgeben

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Ein Syrer empfängt neue Flüchtlinge mit Willkommensgruppe am Eutiner Bahnhof. Eine Patin kümmert sich um eine Familie.

Es ist kurz nach zehn Uhr. Peter Bethke steht mit Mitgliedern der Willkommensgruppe für Flüchtlinge am Eutiner Hauptbahnhof. Eine Frau kommt vorbei, steckt ihm spontan zehn Euro zu – „für Ihre Flüchtlinge“, sagt sie. Peter Bethke ist erfreut und verwundert zugleich. „Das ist toll, vielen Dank“, ruft er ihr hinterher.

Neben ihm steht der 24-jährige Sefi aus Syrien. Auch er schaut überrascht. Er wartet zum ersten Mal mit den Ehrenamtlern hier, die Woche für Woche die Flüchtlinge begrüßen und auf ihren ersten Amtsgängen bis zur Wohnung begleiten. Vor etwas mehr als zwei Wochen wurde er hier selbst empfangen. Es sei ihm eine Herzensangelegenheit, sagt er auf Englisch und zeigt auf seine Brust. Er wolle den Deutschen etwas zurückgeben, gleichzeitig aber auch anderen Flüchtlingen die Ankunft erleichtern. Peter Bethke sprach ihn kurzfristig an, weil ein Ehrenamtler der Willkommensgruppe derzeit verreist ist, ob er helfen könne. Selfi sagte sofort zu, sogar auf Deutsch.

Er spricht ein gutes Deutsch, weiß viele Begriffe und Sätze, höfliche Umgangsformeln. Der Grund: Als er wusste, dass er aus seinem Heimatland fliehen wird, begann er Deutsch zu lernen. Ganze zwei Monate. Jetzt lernt er hier dank einer Familie gemeinsam mit seinem Bruder Deutsch. „Ich mag die Sprache, überhaupt lerne ich gerne Sprachen, denn das braucht man, um zu kommunizieren“, sagt Selfi.

Er stand in Syrien kurz vor dem Abschluss seines Bachelor-Studiums „Economics and Management“. Nebenbei arbeitete er als Webdesigner. Auch in Deutschland will er so schnell wie möglich arbeiten, „gerne ein Praktikum in einem der beiden Bereiche machen“. Momentan wartet er auf seine Aufenthaltsgenehmigung, die Anerkennung seines Asylbewerberantrags, denn dann könnte er auch seine Familie in Sicherheit holen. Seine Mutter, der Vater und zwei Schwestern leben in Aleppo, derzeit nur einen Kilometer vom Krieg entfernt. „Keiner weiß, was passiert, wie schnell sich das ändert“, sagt Selfi. Brauchen die deutschen Behörden zu lange, wird es zu gefährlich für seine Familie, dann werden sie auf eigene Faust den Weg wagen.

Für Selfi war es ein Abenteuer in die Freiheit. Er wusste, dass ihn das Militär nach dem Studium zum lebenslangen Dienst an der Waffe verpflichtet. Klar, er habe viel geweint, als er sich von seiner Familie verabschiedet hat, aber er wollte es, nahm den langen Weg auf sich, in der Hoffnung, in Deutschland eine Zukunft zu haben.

Hier wohnt er im Lindenbruchredder zusammen mit sechs anderen Personen in einem Haus. „Es ist okay“, sagt er. Viel schlimmer seien die Zustände in der Erstaufnahmeeinrichtung in Neumünster gewesen. Er schildert Zustände, ähnlich denen in Hamburg. „Wir mussten stundenlang für Essen anstehen. Alles war unorganisiert.“ Die Flüchtlinge haben sich untereinander geholfen, jeder wusste etwas anderes. Er sei froh, jetzt hier zu sein.

Glücklich sehen auch die Gesichter der ersten Flüchtlingsfamilie aus Syrien aus, die Sefi gemeinsam mit der Willkommensgruppe in Empfang nimmt. 46 Menschen, darunter viele Familien, werden insgesamt erwartet. Auch die Eutinerin Ines Kirchhoff begrüßt eine Familie. Sie hat sich gemeinsam mit ihrem Mann entschieden, die Patenschaft für Vater, Mutter und zwei Töchter zu übernehmen. Ein Grund dafür fällt ihr nicht ein, zu selbstverständlich sei es für sie. „Uns geht es gut und ich möchte ja auch, das mir, sollte ich mal in Not sein, jemand hilft.“ Die neue Wohnung habe sie schon gesehen. „Kleinigkeiten fehlen noch, aber die bringe ich ihnen heute noch vorbei“, sagt die Eutinerin. In der Verwandtschaft werde nach fehlenden Dingen gefragt wie Kleidung und Radio. Das Buch „Deutsch für Asylbewerber“ von drei pensionierten Lehrern aus Bayern hat sie sich auch gekauft, um mit ihren Schützlingen zu lernen. Doch erst einmal wollte sie der Familie – nach all den Behördengängen – die praktischen Wege zur Selbstversorgung zeigen und einkaufen gehen. Natürlich zu Fuß. „Sie müssen das ja auch alles alleine finden, deshalb laufen wir.“

Beispiele wie diese für gemeinsames Helfen und Handeln werden es sein, die Integration gelingen lassen.

 

 

Wer Praktikumsplätze an Flüchtlinge oder direkt an Sefi vergeben möchte, kann sich bei uns unter redaktion.eutin@shz.de oder 04521/7791900

 

 

 

 

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erstellt am 11.Sep.2015 | 04:00 Uhr

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