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Ostholsteiner Anzeiger

18. November 2017 | 05:52 Uhr

Sie leiden unter den Vorurteilen

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

OHA-Praktikant Gia Abdullah sprach mit Bewohnern des Lindenbruchredders über ihre Erfahrungen in Eutin

shz.de von
erstellt am 17.Mai.2017 | 00:23 Uhr

„Was machen Sie da?“, fragte eine Polizistin, als Gia Abdullah gerade Bilder vom Lindenbruchredder für seine Geschichte machte. „Ich fotografiere für den Ostholsteiner Anzeiger und mache dort ein Praktikum.“ Danach wünschte sie ihm einen schönen Tag und ging weiter. Gia Abdullah spürt die Unruhe, die seit der Messerstecherei auf dem Marktplatz (wir berichteten) unter den dort 28 wohnenden Flüchtlingen herrscht. „Heute ist der richtige Zeitpunkt, um den Menschen zu zeigen, dass es im Lindenbruchredder auch viele Flüchtlinge gibt, die daran arbeiten, ihre Träume zu verwirklichen“, sagte Gia Abdullah gestern Morgen. Den Wunsch, den Lindenbruchredder als Eutins schlechteste Wohnadresse aus dem Schatten ins Licht zu rücken, hatte er schon vor seinem Praktikum. Der Grund: „Wenn ich mich mit netten und interessanten Menschen unterhalte, kommt immer irgendwann die Frage, wo ich wohne. Sobald ich ehrlich antworte, wenden sie sich ab, als ob die Adresse wichtiger wäre als der Mensch.“ Gia Abdullah sprach mit zwei weiteren Bewohnern des Lindenbruchredders, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben – und da so schnell wie möglich weg wollen.


Sorge um den eigenen Sohn


Maher Jamal (53) lebt seit einem Jahr und drei Monaten in Eutin. In Syrien war er Besitzer eines Geschenkeladens. In Deutschland angekommen, lebt er in einem sechs Quadratmeter großen Zimmer, in einem Holzhaus im Lindenbruchredder – Eutins schlechtester Wohnadresse, wie er selber schon zu spüren bekam. Doch das ist für ihn zur Zeit nicht das Schlimmste, „denn es ist nur für eine begrenzte Zeit“, wie der 53-Jährige sagt. Maher Jamal ist traurig, weil er auf seine Familie wartet, die er seit drei Jahren nicht gesehen hat. „Aber mein größtes Problem ist, dass ich immer an meinen kleinen Sohn denken muss, der dringend medizinische Hilfe benötigt.“ Sein Sohn Masen ist sieben Jahre alt und leidet an der Mondscheinkrankheit, einer seltenen Hauterkrankung, die unbehandelt zum frühen Tod der Betroffenen führt. „In Syrien kann niemand diese Krankheit behandeln“, weiß sein Vater . „Wenn mir jemand wirklich helfen will, dann dabei, meine Familie hierher zu bringen, damit mein Kind behandelt werden kann.“

Ein anderer Wermutstropfen ist der fehlende Kontakt zu Deutschen. In Niedersachsen habe er mehr Kontakt zu den Deutschen gehabt. Der Ort, in dem er wohnte, war kleiner, jeder habe jeden gekannt. „Die Deutschen hier sind auch nett, am meisten danke ich aber Frau Müller.“ Die Ehrenamtlerin Tanja Müller ist mittlerweile die einzige, die sich regelmäßig um die Bewohner des Lindenbruchredders kümmert. „Sie hat mir sehr geholfen, als es mir psychisch noch schlechter ging, weil ich mich so nach meiner Familie sehnte“, sagt der 53-Jährige. Sein größter Wunsch ist, seine Frau und seinen Sohn wieder in die Arme schließen zu können.


„Jede Arbeit ist besser als gar keine“


„Ich kann nicht mehr warten. Immer, wenn ich etwas beginnen will, muss ich erst einmal warten“, sagt Amer Houranie (34). Der Syrer lebt seit eineinhalb Jahren in Eutin im Lindenbruchredder.

Sein Deutsch ist gut, er versucht Kontakte mit anderen zu knüpfen, aber wann immer er ehrlich auf die Frage „Wo wohnst du?“ antwortet, kehren sich die Leute von ihm ab. „Die Adresse zählt dann mehr als der Mensch. Das geht doch nicht“, sagt der 34-Jährige.

Weil er es satt hatte mit dem Warten, suchte er sich selbst eine Ausbildung in Neumünster. „Eigentlich bin ich Grundschullehrer, aber um zu unterrichten, brauche ich in Deutschland noch ein besseres Sprachniveau. Auch muss ich wissen, was die Deutschen denken, wie Familie funktioniert“, sagt er. Amer Houranie macht ab August eine Ausbildung zum Lagermechaniker bei einer Heizungs- und Lüftungsbaufirma in Neumünster. Es sei seine Chance, jetzt arbeiten zu gehen und Geld zu verdienen, dafür verzichte er auf das, was ihm eigentlich Spaß mache, Kinder zu unterrichten. „Für mich ist das gut, dann ist endlich das Warten vorbei und ich kann etwas tun“, sagt er. „Ich möchte Geld verdienen und nicht länger auf einen weiteren Kursus in der Sprachschule warten.“

Warum ist er geflohen? „Die Situation in Syrien, da wo ich herkomme, war schrecklich. Es gibt kein Strom, kein Wasser. Wer etwas aus seinem Leben machen will, der kann nur in ein anderes Land gehen. Deshalb bin ich hier“, sagt der 34-Jährige. Viele denken das, aber nicht alle haben die Kraft und den Antrieb, sich selbst zu kümmern, so Houranie.

Er freut sich auf den Umzug nach Neumünster und hofft auf mehr Kontakte zu den Deutschen. „Nur allein oder unter Flüchtlingen zu sein, hilft nicht. Das hilft keinem. Das Problem bei vielen im Kopf ist aber leider, dass sie glauben, alle Flüchtlinge sind radikal. Aber das ist nicht so. Ja, auch aus unserem Land gibt es schlechte Menschen, aber nicht alle sind schlecht“, sagt Amer Houranie. Er hofft darauf, in Deutschland neue Freunde zu finden. Seine alten Freunde und seine Eltern hat er für ein erhofftes, besseres Leben zurückgelassen.

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