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Ostholsteiner Anzeiger

20. Oktober 2017 | 11:13 Uhr

Eutin : Sie kämpft um jeden Schüler

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Mit der Polizei zur Schule ist das letzte Mittel der Wahl: Die Schulsozialarbeiterin entwickelt ein System, um Schwänzern auf die Spur zu kommen.

shz.de von
erstellt am 20.Dez.2016 | 12:30 Uhr

„Klar schwänz’ ich. Mal komm ich mit dem Lehrer nicht klar, mal brauch’ ich einfach eine Auszeit“, sagt Tim (16)* auf Nachfrage. Sein Freund Paul* nickt zustimmend. Paul ist ein Jahr älter, schwänzt aber selten ganze Tage: „Eher nur Stunden, die ich für nicht so wichtig halte. Ich habe generell gerade viel Stress mit der Fahrschule und ich kümmer’ mich noch um ein paar Leute, da brauch’ ich einfach auch mal ’ne Auszeit.“

Sie hängen vorm Computer ab oder treffen sich mit Kumpels, während sie eigentlich zur Schule gehen sollten. „Schulabsentismus“, wie der sachliche Begriff für das Schwänzen lautet, sei in Eutin kein Thema, weil es lediglich eine Zuführung in diesem Jahr gab, versichert Büroleiter Andreas Lietzke: „Wir hatten lediglich eine Zuführung in diesem Jahr.“ Heißt, Ordnungsamt und Polizei holen den oder die Schülerin morgens zum Unterricht ab. „Doch obwohl genau dies das Bild ist, das viele im Kopf haben, ist das der letzte Schritt am Ende einer langen Kette von Handlungsempfehlungen, den wir nur wählen, wenn alles andere vorher ausgeschöpft wurde“, sagt Schulsozialarbeiterin Heike Junge.

Im Gegensatz zur Stadt sieht sie das Fernbleiben vom Unterricht – ob aus Unlust, aufgrund psychischer Probleme, Mobbing oder anderer Gründe – als ständiges Thema an, mit dem jede Schulform zu kämpfen hat.

Fakt ist: Allein in der Wilhelm-Wisser-Schule fehlten 56 Schüler mehr als zehn Tage im Schuljahr 2015/2016 und 28 Schüler sogar mehr als 20 Tage. „Der Schwerpunkt liegt dabei auf den Klassen sieben und acht“, sagt Schulsozialarbeiterin Heike Junge. Speziell für die Wisserschule hat sie ein ganz eigenes Konzept eingeführt, um regelmäßig und in kurzen Abständen über auffälliges Fehlverhalten aller Schüler informiert zu sein. „Normalerweise tragen Lehrer die Anwesenheit ins Klassenbuch ein. Das ist aber oft sehr unübersichtlich und auf ein ganzes Schuljahr ausgelegt. Ich habe sie gebeten, mir alle sechs Wochen eine Übersicht für ihre Schüler zu erstellen, so können wir rechtzeitiger reagieren.“ Was besonders wichtig sei: „Wenn Schüler merken, dass jemand registriert, das sie fehlen, dass sie vermisst werden und das nicht egal ist, macht das etwas mit Menschen.“ Andernfalls könne Absentismus sogar eine ansteckende Wirkung auf andere Schüler haben.

Dass es überhaupt frühzeitig registriert wird, wenn Schüler fehlen, ist keine Selbstverständlichkeit. Die wenigsten Schulen erfassen in einem so engen Raster die Fehlzeiten. Außerdem gebe es landesweit keine validen Zahlen, teilte das Bildungsministerium auf Nachfrage mit – denn wenn erhoben wird, dann nicht nach vergleichbaren Kriterien.

Auch Tims Fehlen wurde es erst nicht bemerkt. „Es war einfach egal. Später gab es mal ein Gespräch mit den Eltern.“ Nun, nach dem Schulwechsel, ist das anders. „Aber es ist auch irgendwie besser, wenn man die Probleme gleich löst“, finden die beiden Schüler. Heike Junge kann in so einem Fall die richtige Ansprechpartnerin sein. Sie spricht bei Auffälligkeiten mit der Klassenlehrerin und ruft danach nicht selten auch die Schüler an oder besucht sie Zuhause: „Mein Vorteil ist, ich bin kein Lehrer und gebe keine Zensuren. Die Beziehung, die ich versuche aufzubauen, ist eine ganz andere.“

Nicht immer sei es die Unlust auf Schule, immer häufiger wird die Schulangst aufgrund psychischen Drucks oder Mobbing in ihrem Büro als Ursache für das Fernbleiben genannt. „Und nicht zu unterschätzen ist auch der Anteil derer, die zurückgehalten werden. Nicht direkt mit Worten wie ‚Du darfst nicht in die Schule‘, sondern eher ‚Du kannst mich doch jetzt nicht allein lassen‘, wenn beispielsweise ein Elternteil psychisch erkrankt ist“, so Junge. Oftmals überschneiden sich die verschiedenen Gründe und führen in einen Kreislauf, aus dem oft nur mit Hilfe ausgebrochen werden kann: Aus einer Unlust heraus und den Fehltagen kommen Misserfolge und fehlende Anerkennung in der Schule. „Wer viel gefehlt hat, hat Angst davor, wieder anzufangen“, weiß Junge. „Das Fehlen, egal aus welchem Grund, baut eine Hürde auf.“ Der Betroffene sowie die Klasse wird von Junge in Zusammenarbeit mit der Lehrerin auf das Wiederkommen vorbereitet, um den Start zu erleichtern. „Ich versuche ganz schnell, die Schüler selbst wieder ins Handeln zu bringen, damit sie ihre Selbstwirksamkeit spüren“, sagt Junge. Denn schließlich seien die Schüler auf ihrem Weg zu ihrem Abschluss, den sie brauchen, um Arbeiten zu können, sich einen Beruf auszusuchen. Das Problem des Schwänzens aus Junge’s Sicht: „Im ersten Augenblick erlebt der Schüler keine Konsequenzen seines Handelns. Was man sich damit langfristig verbaut, ist erst viel später spürbar.“ Von Bußgeld als einem möglichen Sanktionsmittel hält Junge nicht viel: „Wenn Geld das einzige Mittel ist, wird es die Kinder nicht zurück in die Schule bringen. Aber wenn bisher jeglicher Gesprächsversuch unsererseits auch von den Eltern abgeblockt wird, kann ein Bußgeld manchmal Türen öffnen, wo vorher keine waren“, weiß Junge. In rund zehn Fällen pro Jahr bleiben die Türen zu, dann sehen sich die Parteien vor Gericht, wie eine Nachfrage ergab. Nicht selten gehe es dabei um Beträge von 100 Euro und mehr für eine erhebliche Zahl an unentschuldigten Tagen.

„Vielen geht es auch beim Schwänzen nicht gut, sie vermissen ihre Klassenkameraden. Ich versuche auf dem Weg zurück in die Schule zu begleiten“, sagt Junge. Nicht selten spielt sie dafür auch kurzzeitig Fahrdienst oder arbeitet eng mit den Eltern zusammen. „Aber der eigene Antrieb muss da sein. Es nützt nichts, wenn die Schüler dann nach der ersten Stunde wieder gehen.“ Oft beginne der Weg zurück in die Schule auch mit regelmäßigen Treffen in ihrem Büro direkt auf dem Schulgelände. Gemeinsam überlegen sich die Schüler dann mit ihr, wie der Neustart gelingen kann oder wie das eigene Verhalten geändert werden kann, sodass es Unterrichtskompatibel ist.

Neben dem Kontakthalten, Fahrdiensten und Projektrunden kann die Attestpflicht eingeführt werden, das ist ein Mittel der Schule, das Schwänzen zu erschweren. „Jedes Fehlen muss entschuldigt sein, vom Arzt, nicht den Eltern“, erklärt Junge. Danach kommt die Vorstellung beim Schulärztlichen Dienst und dem Schulpsychologen, dann das Ordnungsgeld und wenn all das nicht mehr hilft, der Antrag auf Zuführung mit der Polizei. Das Schwierige aus Junges Sicht: „Ein zweites und drittes Mal mit der Polizei nach dem ersten oft beeindruckendem Mal wäre oft hilfreich, doch bevor das geht, muss die ganze Kette wieder durchlaufen werden.“ Junge würde sich eine bessere und einfacherer Zusammenarbeit mit dem Ordnungsamt der Stadt wünschen. „Wir haben leider immer noch Schüler, die wir nicht zurückkriegen. Aber die Hoffnung darf man bei keinem Kind verlieren.“


* Namen geändert

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