„Sich aufdrängende Alternativen“

Gutachter Dr. Lorenz J. Jarass.
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Gutachter Dr. Lorenz J. Jarass.

Neues Gutachten vorgestellt: Der Kreis Ostholstein informiert zum Sachstand der geplanten 380-kV-Leitung / Kritik an Habeck

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03. Juli 2018, 16:22 Uhr

Enttäuscht, vielleicht auch etwas wütend: Dass das im Januar vorgestellte Gutachten des Kreises zur geplanten 380-kV-Leitung (wir berichteten) keinen positiven Widerhall in Politik und Wirtschaft fand, lässt beim Kreis keine Partystimmung aufkommen. „Dass ein grüner Umweltminister das mit Bausch und Bogen vom Tisch wischt, verwundert uns sehr“, sagte Landrat Reinhard Sager gestern.

Dennoch wurde nicht resigniert – im Gegenteil. Die Gutachter Professor Dr. Lorenz J. Jarass und Professor Dr. Heinrich Brakelmann machten sich an die Erarbeitung einer Kurzdarstellung einer aus ihrer Sicht baubaren Alternative im Bereich 380-kV-Erdleitung, die nun im Beisein von rund zwei Dutzend Vertretern aus den betroffenen Gemeinden und Mitgliedern von Bürgerinitiativen im Kreishaus vorgestellt wurde.

Dabei wurde mit zwei Kernvarianten gerechnet – wobei eine Version zwei 380-kV-Freileitungssysteme mit fünf Prozent Verkabelung bei Göhl vorsieht. Gesamtkosten: 154 Millionen Euro. Die andere Variante splittet sich in eine vollständige Erdverkabelung auf (Kosten: 179 Millionen Euro) und eine Version, bei der sich der Trassenverlauf zur Hälfte „unter Tage“ wiederfindet (Kosten: 143 Millionen Euro) auf. Generell sind es nur kalkulatorische Varianten, die einen genauen Verlauf außer Acht lassen. Aber: „Das, was wir vorschlagen, wird von Tennet seit Jahren eingesetzt – störungsfrei“, sagte Jarass über die Argumente von Tennet, die Erdverkabelung in Ostholstein sei nur ein Pilotprojekt.

Sager zeigte sich in diesem Zusammenhang enttäuscht, „dass vom Pilotprojekt Erdverkabelung nichts übrig geblieben ist“, es gar „zum Mäuschen geworden ist“. Denn nur ein kleiner Abschnitt bei Göhl erfüllt laut Tennet die Bedingungen dafür, die Stromtrasse unter der Erde verlaufen zulassen.

„Es geht nicht darum, eine zusätzliche Trasse zu verhindern, sondern um vernünftige Lösungen“, betonte Jarass. Dreh- und Angelpunkt seiner Überlegungen und die seines Kollegens ist die maximale Einspeisung im Bereich des Umspannwerks Göhl. Die Gutachter sehen hier eine maximal zu übertragende Leistung von 870 Megawatt im Jahr 2031, die fünf Jahre später auf 808 Megawatt zurückgehen soll. Der maximal zu erwartende Zuwachs an der zu übertragender Leistung werde sich somit im Vergleich zum Wert von 2016 (453 Megawatt) rund verdoppeln. Aber: Tennet plane mit zwei Mal 1800 Megawatt. „Völlig überdimensioniert“, konstatierte Jarass, da die Auslastung nur bei etwa zehn Prozent liegen werde. Als Vorteil seiner Planungen führte der Professor der Universität Regensburg weiter ins Feld, dass die Trassenbreite im Bau weniger als 15 Metern, im Betrieb weniger als fünf Meter betrage – bei Tennet hingegen rund 40 beziehungsweise 20 Meter. Damit sei eine ressourcenschonende Bündelung der Stromtrasse mit der A1 im Bereich Neustadt möglich, so Jarass. Meint: Der bisher projektierte Bogen rund um Süsel könnte vermieden werden.

Horst Weppler vom Fachdienst Regionale Planung sprach angesichts des neuen Gutachtens von „sich aufdrängende Alternativen“. Auch vom Publikum wurde in Redebeiträgen viel Hoffnung in die neuen Varianten gesetzt.

Die beiden Gutachter hatten im vergangenen Jahr bereits Alternativen erarbeitet, die kostengünstiger, umweltverträglicher und sogar praktischer seien. So hatten sie aufgezeigt, dass der Neubau von zwei 110-kV-Kabelsystemen den Vorteil habe, das unterwegs Windparks angeschlossen werden können – bei einer 380-kV-Leitung hingegen nicht, betonte Jarass gestern erneut.

Die beiden Wissenschaftler hatten im ersten Gutachten mehrere Kabelvarianten auf der Basis von 110-kV- und 380 kV-Leitungen untersucht. Ihr Fazit: Die derzeit geplante Freileitung von Lübeck nach Göhl belaste massiv die Umwelt, da sie trotz größerer Umwege bebaute Gebiete berühren werde. „Sie wurde von der Bundesnetzagentur mit der schlechtesten Bewertung im Umweltbericht versehen“, wiederholte Jarass gestern im Kreishaus bei der Vorstellung der Ergebnisse seine im Januar getroffenen Aussage.

Sager betonte erneut, dass der Kreis die Notwendigkeit einer 380-kV-Leitung anerkennt. Aber es müssten die Eingriffe in sensible Bereiche und die Belastung für Mensch und Natur minimiert werden. Das vorgestellte Kurz-Gutachten sei richtungsweisend. „Wir sehen durchaus Chancen für ein Erdkabel“, sagte Sager. Der Vorschlag werde nun der Planfeststellungsbehörden vorgelegt. „Es lohnt sich, dafür zu kämpfen“, so Sager.

Jarass indes dämpfte aufkeimende Euphorie. Es habe den Anschein, als ob „Habeck einen viel stärkeren Windenergieausbau im Hinterkopf hat als bisher bekannt“. Das würde die Dimensionierung der Stromtrasse erklären. „Die wollen Freileitungen bauen“, konstatierte Jarass.




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