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Ostholsteiner Anzeiger

22. Oktober 2017 | 07:15 Uhr

Sexualtherapie als letzte Chance

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

26-Jähriger bot Mädchen Geld für sexuelle Handlungen, sammelte Kinderpornos. Er wollte sein Leben beenden und hofft nun auf Hilfe

shz.de von
erstellt am 08.Feb.2016 | 11:25 Uhr

„Du kannst 100 Euro kriegen, wenn du mir auf der Rückbank einen bläst.“ Die Zehnjährige sagte fassungslos „nein“ und fuhr schnell mit ihrem Rad nach Hause. Bei der Polizei erfahren Mutter und Tochter – sie ist nicht das einzige Mädchen, das der 26-Jährige auf diese – juristisch als beleidigend eingestufte – Art und Weise angesprochen hat. Fünf Fälle in zwei Tagen.

Als die Polizei ihn schnappt, entdeckt sie auch noch mehrere kinderpornografische Videos und Bilddateien mit zahlreichen Minderjährigen, auch Sodomie.

Gestern musste sich Sebastian W.* (26) vor dem Eutiner Amtsgericht wegen Besitz und Verbreitung kinderpornografischer Videos und Bilddateien in 19 Fällen, drei Beleidigungen und einer exhibitionistischen Handlung verantworten. Als er neben seinem Pflichtverteidiger Platz nimmt, zieht der gebürtige Eutiner den Kopf ein. Seine Scham sei groß.

„Haben Sie eine Ahnung davon, was Sie bei den Mädchen mit Ihrem Verhalten anrichten können?“, will Richter Otto Witt wissen, bevor er sie nacheinander als Zeugen hereinruft. „Das war vielleicht ein bisschen krank, was ich gemacht habe“, räumt er ein. „Ein bisschen krank?“, fragt Witt zurück. Die Taten ereigneten sich auf teils sonst menschenleeren Straßen zwischen Eutin, Fassensdorf, Bockholt und Süsel. Alle sagen, sie haben Angst gehabt und alle seien heute noch vorsichtiger als sonst. „Ich gehe seitdem nicht mehr alleine zum Schulbus“, sagt eine Zeugin.

„Sehen Sie, das ihr Verhalten nachträglich wirkt?“, fragt Witt. „Ja. Die müssen denken, dass ich ein grausamer Mensch bin.“ Er sei in einem Ausnahmezustand gewesen, habe vorgehabt sich umzubringen, versucht er sich zu erklären. „Mir geht mein Leben auf den Sack. Es lief zu Hause nicht und mit der Arbeit auch nicht“, sagt W.. Den Hauptschulabschluss hat er nicht geschafft, zwei Ausbildungen abgebrochen und immer wieder von Hartz IV gelebt. Er fühle sich als Nichtsnutz und bekomme das von seinem Vater auch zu spüren.

Sebastian W. räumt alle Vorwürfe der Anklage ein. Das Problem für das Gericht schildert Dr. Christina Heisterkamp, Fachärztin für Sexualtherapie, eindrücklich: „Wir haben hier jemanden vor uns, der den Eindruck erweckt, als sei ihm alles egal. Da schrillen bei mir alle Alarmglocken.“ Die Suizidgedanken keimen einmal im Monat auf, er sei ein Mensch mit wenig Lebensfreude, schildert Heisterkamp. „Gleichzeitig sagte er, es könne so nicht weitergehen und er sei froh, dass er erwischt worden ist“, so Heisterkamp. Ihr gegenüber gab Sebastian W. an, dass sein Leben, hätte er eine Bekanntschaft, die ihn auf die schiefe Bahn gebracht hat, nicht gehabt, wohl anders verlaufen wäre. Gemeinsam mit ihm soll W. damals straffällig geworden sein, ein Tier auf massive Art und Weise gequält haben. Sein Registerauszug ist frei von früheren Vergehen. Heisterkamp betonte in dem Zusammenhang nur: „Das Problem besteht in der Frage: Was passiert, wenn er in ähnliche Grenz- und Ausnahmesituationen für ihn gerät, wie es bei diesen fünf Taten der Fall war? Fällt die Hemmschwelle dann noch weiter?“

Der Angeklagte selbst schloss mehrfach aus, dass er einem anderen Menschen gegenüber jemals Gewalt anwenden würde. „Ich habe viele Krisen erlebt, auch Gewalt gegen mich und habe niemals mit Gewalt gegen andere Menschen reagiert.“

Der Reiz, das sagt die Sachverständige im Prozess, liege bei vielen Menschen auch im Verbotenen, dem Kick, erwischt zu werden. W. selbst habe eine sexuelle Delinquenz, die „nicht so selten ist, wie wir gemein hin annehmen“. Er fühle sich von jungen Frauen im pubertären Alter angezogen, habe Heisterkamp gegenüber erzählt, dass Sex mit Tieren seit seinen ersten sexuellen Erfahrungen eine große Rolle für ihn spiele. Er sehne sich nach einer Partnerin. Doch seine Fantasien erfülle er sich derzeit in der Anonymität des Netzes. „Dass die Kinder dabei eigentlich viel zu jung sind und seelischen Schaden nehmen, blendet er beim Konsum völlig aus“, so Heisterkamp. Dass er diese Versuche, durch das Ansprechen in die Realität umsetze, sei ein weiterer Schritt, der nicht dazu beitrage, ihm eine durchweg positive Prognose zu geben. Sie riet zur Therapie, die er bis gestern nicht begonnen hatte. „Ich wusste nicht wie und dachte, ich muss ja sowieso in den Knast“, lautete seine Begründung.

Das Gericht gab ihm noch eine Chance: Otto Witt verurteilte ihn zu einem Jahr und neun Monaten Freiheitsstrafe, die zu einer dreijährigen Bewährungsstrafe ausgesetzt sind, unter der Bedingung, dass er einen Bewährungshelfer zur Seite bekommt, der „ihm den nötigen Tritt“ gebe und die Therapie begleite. Die Therapie gehe zu Lasten der Staatskasse, damit es beim Hartz-IV-Empfänger nicht aufgrund der Kosten scheitere. „Aber seien Sie sich gewiss, bei der kleinsten Sache landen Sie im Gefängnis.“

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