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Ostholsteiner Anzeiger

13. Dezember 2017 | 20:03 Uhr

Eutin : Seniorenzentrum als Übungsobjekt

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Die drei Eutiner Feuerwehren und der Rettungdienst probten am Sonnabend morgen in der oberen Peterstraße in Eutin den Ernstfall

von
erstellt am 24.Nov.2014 | 04:00 Uhr

Für Erich Reichow war es offensichtlich eine willkommene Abwechslung. Der 94-Jährige gehörte zu elf Bewohnern des Pro-Talis-Seniorenzentrums „Am Mühlenberg“, deren Sonnabend-Routine durch eine Gebäude-Evakuierung unterbrochen wurde. Es war eine Übung, die die drei Eutiner Feuerwehren gemeinsam mit dem Rettungsdienst am Vormittag absolvierten.

Das von Gemeindewehrführer Heino Kreutzfeldt entworfene Szenario: In einem Zimmer im 2. Stock ist Feuer ausgebrochen, ein an die Albert-Mahlstedt-Straße reichender Gebäudeteil mit 14 Zimmern ist über alle drei Etagen verqualmt.

Die vordringlichste Aufgabe der unter schwerem Atemschutz vorgehenden Feuerwehrleute: Menschen aus der unmittelbaren Umgebung des Brandes retten und das Flammen löschen. Auf die Brandschützer warteten zwei Puppen, die hilflose Person in einem Zimmer und in einem Treppenhaus darstellten. Und es warteten elf Bewohner, die meisten von ihnen auf Rollator oder Rollstuhl angewiesen.

Die Bewohner wurden der mit sieben Sanitätern vertretenen Schnelleinsatzgruppe (SEG) West des Rettungsdienstes übergeben. Kreutzfeldt: „Im Realfall hätten wir die Betreuung innerhalb des Seniorenzentrums vorgenommen, da wir aber den Betrieb möglichst wenig stören wollten, haben wir einen Raum in der Ladenpassage genutzt.“

Der Erstangriff der mit 48 Kräften angerückten Wehren Eutin, Neudorf und Fissau-Sibbersdorf sei, wie es im Ernstfall auch geschehen würde, über den Haupteingang erfolgt, die weiteren Rettungs- und Löscharbeiten über das Treppenhaus im betroffenen Gebäudeteil. Damit sei ebenfalls der Betrieb im Seniorenzentrum wenig gestört worden. „Dafür hat uns die Einrichtungsleiterin Tanja Boller ausdrücklich gelobt.“

Teil der Übung war der Einsatz der Drehleiter, die als potenzieller Fluchtweg in der Mahlstedt-Straße postiert wurde, und einer Schiebeleiter als möglichem zusätzlichen Angriffsweg zur Brandstelle. „Zum erstenmal haben wir die hauseigene Löschanlage mit Hydranten in den Fluren ausprobiert,“ sagte Kreutzfeldt. Sie habe einwandfrei funktioniert. Und über einen Anschluss in der Bahnhofstraße am ehemaligen Postgebäude lasse sich in dieses System einwandfrei Wasser einspeisen.

Fazit des Gemeindewehrführers: Das Übungsziel sei erreicht worden. „Es kann nichts schaden, wenn Feuerwehrleute die Örtlichkeiten gut kennen.“ Neue Überlegungen müsse man bei der Anfahrtsordnung für die Fahrzeuge anstellen. Deutlich geworden sei, dass es in der oberen Peterstraße eng werden könne, vor allem für die Drehleiter. Und dass dort parkende Fahrzeuge im Brandfall ein echtes Problem wären.

Erich Reichow machte den Eindruck, dass er die Großübung als willkommene Abwechslung empfindet. Feuerwehrmann und Rettungsassistent, die ihn zum Betreuungsraum begleiten, erzählte er bereitwillig aus seinem Leben. Vergangenes Jahr sei seine Frau gestorben, 70 Jahre sei er verheiratet gewesen. Im Kriegsjahr 1943 habe er geheiratet.

„Ihr werdet dafür bezahlt, dass Ihr Menschen helft“, sagt er in Richtung eines Rettungsassistenten der Johanniter Unfall-Hilfe, „ich bin im Krieg dafür ausgebildet worden, zu zerstören: Ich war Feuerwerker, ich hatte gelernt, mit Sprengstoff umzugehen. Und nach meiner Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft 1947 galt ich als ,gefährliche Person‘, ich musste mich ein Jahr lang regelmäßig melden.“

Den OHA-Redakteur verabschiedet er mit der Feststellung: „Sie müssen jetzt arbeiten. Meine Arbeit besteht darin, morgens aufzustehen, über den Tag zu kommen und abends ins Bett zu gehen. Das wünsch’ ich keinem.“

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