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Eutin 2016 : Selbstversuch: Als Seebär unterwegs auf der Landesgartenschau

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Das Maskottchen „Käpt’n Eu“ kennen viele. Doch wie ist es, in seiner Haut zu stecken? Redakteurin Constanze Emde hat's getestet.

shz.de von
erstellt am 13.Mai.2016 | 04:04 Uhr

Eutin | Er ist flauschig, lächelt und winkt allen freundlich zu: Käpt’n Eu, das LGS-Maskottchen. Doch wie sieht die Welt aus der Perspektive des Seebären aus? Ich wage den Selbstversuch.

„Sie wollen heute rein? Ha, viel Spaß. Das wird heiß“, begrüßt mich eine LGS-Mitarbeiterin im Flur. Es ist warm draußen, 25 Grad Celsius zeigte mein Autothermometer auf dem Weg zum Alten Forsthof. „Ja ich will, und ich freue mich wirklich“, antworte ich. Schließlich habe ich mich in Studientagen für den Job des Bibers beworben – ein blaues Maskottchen der Leipziger Verkehrsbetriebe. Die Dame in der Marketingabteilung wusste viele Argumente dagegen: „zu schwer“ und „sie als Frau“ und „viel zu heiß“, „ein Knochenjob“. Doch ich meinte es ernst. Sie aber lachte mich freundlich, aber bestimmt an beim Verlassen ihres Büros und ich wusste: die ruft nicht wieder an. Im Hansapark war auf Nachfrage auch kein Reinkommen in die plüschigen Maskottchen. Doch jetzt sollte mein – zugegeben komischer Wunsch – wahr werden: Einmal als riesiges Plüschtier durch die Welt stapfen und Menschen mit der bloßen Anwesenheit erfreuen.

Zurück im Flur der LGS-Zentrale. Neben mir liegt er, der Käpt’n, zusammengefaltet im Karton. „Am besten Sie ziehen sich schon mal die Hose an“, sagt Dennis Koep, Marketingleiter der LGS. Er reicht mir die gelbe Hose, ich steig’ hinein. Sofort werden die Beine warm. „Das kann ja was werden“, denke ich und lächle. Meine Ballerinas schlüpfen in die großen blauen Seebären-Füße und dann kommt auch schon der Kopf. Davor hatte ich am meisten Respekt. Der Blick reicht nur durch zwei blaue Augen – sie sind die einzige Öffnung – zum Sehen und Atmen. Warm! „Sie sagen aber vorher Bescheid, wenn es kreislaufmäßig nicht mehr geht“, sagt Koep und reicht mir den mittleren Teil mit Bauch, Armen und Schwanz. „Klar sag ich Bescheid. Aber da passiert schon nichts.“ Schließlich will ich es unbedingt. Ich kriege die großen Fäustlingshandschuhe übergezogen und dann mache ich die ersten Schritte als Seebär übers Gelände.

„Das schlimmste für mich ist, dass ich gleich nicht mehr reden darf“, sage ich noch und dann geht auch schon das Tor des Alten Forsthofes auf. Wir stehen auf dem Gelände. Die ersten Schritte hake ich mich bei Koep unter. Ich muss erst ein Gefühl für den richtigen Blick durch das blaue Fliegengitter bekommen, denn genau so sieht das Auge des Maskottchens von innen aus. Meine Sehstärke als Seebär gleicht vermutlich jemandem, der mit zwei Dioptrien ohne Brille unterwegs ist. Ich sehe Farben und Bewegungen, grobe Umrisse, aber nichts Genaues, keine Details. Selbst Gesichter wirken nur wie eine farbige Fläche, auf der ich nur das Lächeln erkenne, wenn die weißen Zähne zu sehen sind. Dennis Koep sagt mir den Wechsel von Untergründen an, wann Schwellen kommen oder wie wir abbiegen. Das ist hilfreich, denn meine Füße sehe ich nicht.

Leider sehe ich auch noch keine Kinder, denn auf die hatte ich mich wirklich gefreut. Wie werden sie wohl reagieren und wie schaffe ich es, auf ihre Fragen nur mit Gesten zu antworten? „Der Käpt’n kann ja auch mal winken“, sagt Koep. Ich winke den Best-Agern zu – von ihnen laufen gerade viele übers Gelände. Es ist mittags. Manche winken zurück, einige sagen sogar „Hallo“. Die meisten lächeln, das ist schön. Aber wo sind die Kinder? Wir gehen in Richtung Bauhofareal. Eine Familie mit zwei kleinen Kindern wartet gerade auf ihr Essen. Ich winke dem kleinen Kind zu, schlängele mich am Tisch vorbei und erkenne erst zwei Meter vor ihnen den genauen Gesichtsausdruck, mehr gibt der Blick durch die Augen des Käptn’s leider nicht her. Das Mädchen beginnt zu weinen. Ich halte mir meine plüschigen blauen Hände vor die Augen und lege den Rückwärtsgang ein. Eine Karte lasse ich noch da und winke. Ich kann die Reaktion verstehen, mein Kleiner war am Anfang ähnlich verängstigt. „Das passiert eigentlich selten“, sagt Koep.

Wir gehen zur Spielwiese zwischen Torhäusern und Opernscheune. „Da sind ein paar größere Kinder“, sagt Dennis Koep. Wir steuern sie an, doch auf dem Weg dahin fragt eine Frau: „Darf ich den Käpt’n mal fotografieren?“ Ich nicke heftig. Koep bietet ihr an, ein Foto mit mir zu machen, ich leg’ den Arm auf ihre Schulter. „So, bitte lächeln“, sagt Koep. Ich lächle mit und muss grinsen, als mir klar wird, dass mein Gesicht gar keiner sieht. Ich schenke ihr noch eine Karte von mir, also dem LGS-Maskottchen, und sie freut sich. „Das ist klasse, wir kommen nämlich gerade von der LGS in Öhringen, da haben wir auch schon ein Foto mit dem Maskottchen gemacht.“ Wir winken und laufen weiter durch die Torhäuser in Richtung Küchengarten. Und da hören wir sie: Kinder! Vor dem Vogthaus sitzen sie – eine Gruppe des Sereetzer Kindergartens. Die Kinder haben im Rahmen des Plietsch-Grün-Projektes selber Papier geschöpft. „Da ist der Käpt’n!“, rufen sie lautstark, als sie uns entdeckten.

Sie saßen ganz brav an ihren Tischen. „Ihr dürft ihn ruhig auch mal anfassen“, ermuntert Dennis Koep die Vorschulkinder. Ich reiche einem Jungen meine plüschige Hand. Er greift sie, streichelt und lässt wieder los. „Kannst du sprechen?“, will der Junge neben ihm wissen. Ich schüttele den Kopf. „Warum nicht?“ Dennis Koep erklärt, dass ich ein Seebär bin und Seebären nicht sprechen können. „Warum nicht?“ Ich beginne in meinem Kostüm zu lächeln und genieße es fast, darauf keine Antwort wissen zu müssen. Ich verteile in der Warum-Frage-Zeit Karten mit meinem Konterfei an die, die eine wollen, und stupse ein Mädchen mit meinem Handschuh sanft an. Sie lächelt schüchtern. „Geh noch nicht“, rufen sie mir hinterher, als Koep uns verabschiedet. Ich drehe mich um und winke. „Das macht richtig Spaß“, flüster’ ich, als wir außer Hörweite sind.

„Können Sie noch?“, will er wissen. Ich zeige den Daumen nach oben. „Eigentlich den ganzen Tag, wenn es nicht so warm wäre, würde ich am liebsten noch zusätzlich sagen, aber da kommen die nächsten Besucher. Ich winke. Sie winken zurück und lächeln. Wie schön. Im Küchengarten brät mich die Sonne. Vorher wehte immer mal ein laues Lüftchen, aber hier ist es wirklich richtig heiß. Puh.

„Gehen wir durch den Schlossgarten zurück zur Geschäftsstelle?“, fragt Koep. Daumen hoch, zeige ich. Im Schatten sitzt ein Herr, der wie so viele fragt: „Ist das nicht unheimlich heiß da drinnen?“ Ich wiege den Kopf hin und her und winke. „Der Käpt’n ist gut im Training und macht das ja nicht den ganzen Tag“, fasst Koep zusammen. Sie reden über die Gartenschauen in Deutschland und ob es eine Bundesgartenschau gibt. „Eine Buga gibt es nicht, nur drei LGS in Deutschland und wir sind auf einer davon“, denke ich – aber ich darf ja nicht reden. Koep findet ähnliche Worte und wünscht einen schönen Tag. Ich winke.

Die Wechsel zwischen harten Schatten und Sonne machen mich kurzfristig fast blind – je nachdem, wie die Sonne gerade ins blaue Auge scheint. Auch der Wechsel zwischen Blick nach innen auf „meine Nase“ und nach draußen in die Entfernung durch die Gaze strengen meine Augen zu sehr an. Am liebsten würde ich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht wischen, aber gerade bleibt mir nur das regelmäßige Hochpusten mittels eigener Luft. Sonst atme ich eher flach. Das strengt irgendwie nicht so sehr an mit dem doch etwas gewichtigen Kopf auf den Schultern.

Wir stehen wieder kurz vor den Hausgärten. „Sie sind schon fast ’ne dreiviertel Stunde drin. Wollen wir langsam zurück oder noch zu Käpt’n Eus Farm?“, fragt mein persönlicher Begleiter. Ich zeige den Daumen nach oben. Na klar will ich noch. Da entdecken wir eine kleine junge Besucherin, die gerade auf dem Arm ihres Vaters kuschelt. Ich winke. Sie winkt zurück. Vorsichtig strecke ich meine große Hand zu ihr, sie berührt den flauschigen Handschuh mit ihrer sehr kleinen Hand ganz sanft und lächelt. Ein schöner Moment. Auch ihr schenke ich eine Karte und winke zum Abschied.

Die Schafe blöken, als wir ankommen, doch außer ihnen und den Ferkeln ist kein Kind zu sehen. Ich stapfe zurück. „Das war wirklich toll“, sage ich, als ich aus dem Kostüm schlüpfe „und gar nicht so heiß wie befürchtet“. Die Zeit verging wie im Flug, ich bin glücklich – und würde es jederzeit wieder tun.


Sie planen eine Fahrt zur Landesgartenschau? Alle Infos zum Besuch in Eutin gibt es hier.

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