Selbstbewusste Schiedsrichterin

Vor dem Spiel bittet Nadine Rogge die Spieler an die Eckfahne, damit beide Mannschaften gemeinsam auflaufen können, den Spielball hat sie in der rechten Hand.
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Vor dem Spiel bittet Nadine Rogge die Spieler an die Eckfahne, damit beide Mannschaften gemeinsam auflaufen können, den Spielball hat sie in der rechten Hand.

Nadine Rogge gibt seit zwei Jahren den Lesern Fußball-Rätsel auf / Wir haben sie bei einem Einsatz als Spielleiterin begleitet

shz.de von
26. Mai 2018, 09:49 Uhr

„Früher war ich eher ein stilles Mäuschen, seit ich Schiedsrichterin bin, ist mein Selbstvertrauen gewachsen. Ich bin selbstbewusster geworden“, sagt Nadine Rogge. Sie spielt Fußball und kam 2014 beim TSV Ratekau zur Schiedsrichterei. Heute ist sie beim Schiedsrichterausschuss des Kreisfußballverbandes Ostholstein für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig – und betreut die „Rätsel mit Pfiff“, in der unsere Zeitung die Leser mit Regelfragen und den – manchmal überraschenden – Antworten unterhält.

Aus dem Frauen-Trio ist nur sie dem Schiedsrichterausschuss erhalten geblieben. Nach dem bestandenen Anwärterlehrgang, der am Anfang jeder Schiedsrichterlaufbahn steht, bewies sie ihr Durchhaltevermögen.

Im A-Klassenspiel des Sereetzer SV II gegen den
VfB Lübeck III gibt es eine ungewöhnliche Begegnung. „Wusstest du, dass du am Dienstagabend unser Punktspiel pfeifst?“, fragte ein Freund per Mail. Das sei aber die große Ausnahme. In den meisten Fällen gebe es keine privaten Verbindungen. Auf dem Fußballplatz interessiert sie nicht, ob sie einen Spieler kennt, da sind alle gleich. Sie tritt entschlossen, aber auch verbindlich auf, verschafft sich mit klaren Entscheidungen und Gesten Respekt. Auf dem Platz kommt niemand auf die Idee zu protestieren. Nur unter den rund 30 Zuschauern regt sich bei einem Abseitspfiff Protest. Doch sofort kommt Widerspruch: „Die Schiedsrichterin hat keine Assistenten, das macht ihre Aufgabe nicht leichter.“ Und schon beim nächsten Abseits gibt es zustimmendes Kopfnicken: „Das war nicht einfach zu erkennen!“

Ihre Fußballschuhe hat Nadine Rogge nicht eingemottet, neben der Schiedsrichterei ist sie als Spielerin beim TSV Pansdorf aktiv. Das heißt, dass zu den zwölf Punktspielen, die eine Schiedsrichterin oder ein Schiedsrichter leiten muss, um vom Verband anerkannt zu bleiben, kommen die Partien, in denen sie selbst mitkickt. „Ich habe das Glück, dass mein Partner viel Verständnis für den Fußball aufbringt“, sagt die 28-Jährige, die beruflich als Kreditspezialistin für Baufinanzierungen arbeitet. Gerade in der ausklingenden Saison ballen sich die Ansetzungen in den Monaten April und Mai. Der Winter hat voll zugeschlagen. „Zeitweise waren sogar Kunstrasenplätze nicht bespielbar, weil sie vollkommen vereist waren“, sagt Nadine Rogge. Sie war über die längere Fußballpause nicht unglücklich, denn sie hat mit ihrem Freund Felix Drews ein Haus gekauft und ist umgezogen.

„Bei uns herrscht ein Schiedsrichtermangel. Der Verband ist streng, erst gibt es Geldstrafen, wenn man zu wenig Unparteiische stellt, als nächste Stufe gibt es Punktabzüge“, weiß Co-Trainer Paulo Chaves, der die Sereetzer Reserve in diesem Spiel betreut. Bei Wochentagsansetzungen werden auch die Spieler knapp, daher spielt Trainer André Frese heute als Torwart mit.

Während sich die Spieler beider Teams vor dem Kabinentrakt in Sereetz treffen, hat Nadine Rogge die Vorbereitungen begonnen: Platzbegehung. Sind die Tornetze in Ordnung, sind sie korrekt am Pfosten angebracht? Stehen die Eckfahnen? Sind
die Coachingzonen deutlich markiert? Soweit ist alles in Ordnung, aber es stehen zwei Trainingstore auf den Seitenauslinien. „Die müssen bitte weggeräumt werden, denn die Verletzungsgefahr für die Spieler wäre sonst zu groß“, stellt Nadine Rogge fest. Kein Problem: Paulo Chaves gibt die Anweisung weiter, die Tore werden hinter die Torauslinie getagen – sie sind keine Gefahrenquelle mehr. So steht dem Punktspiel Nummer 042000118 in der Kreisklasse A Lübeck nichts mehr im Wege.

Beide Teams laufen auf das Spielfeld, Nadine Rogge gibt das Tempo vor. Die Rituale sind stets dieselben, vor dem Anpfiff begrüßen die Mannschaften und Spielleiter die Zuschauer, danach klatschen sich die Spieler gegenseitig ab. Das Spiel beginnt: Es geht munter rauf und runter, die Sereetzer sind mit acht Punkten auf dem Konto Tabellenletzter, stemmen sich aber energisch gegen eine Niederlage. Der VfB Lübeck III steht im unteren Mittelfeld der Lübecker A-Klasse. Letztlich gehen die Gäste als 5:3-Sieger vom Platz. Das Spiel war fair, es gab wenige Freistöße, kaum Gelbe Karten.

Nach dem Sportgruß ist das Spiel für die Spielleiterin noch lange nicht beendet. Sie muss den Spielbericht ausfüllen, die Daten so schnell wie möglich online stellen, da ist es fast 21.30 Uhr, erst dann geht es unter die Dusche und danach nach Hause: „Das ist schon ein langer Tag, aber es macht mir Spaß, dem Fußball auch als Schiedsrichterin verbunden zu sein.“

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