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Ostholsteiner Anzeiger

17. Oktober 2017 | 00:21 Uhr

Seine Liebe galt Charlotte und Äpfeln

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Neue Serie: OHA-Autorin Marina Vogler beleuchtet Straßennamen der Region und ihre Bedeutung / Johannes Vahldiek hat in Eutin viele Spuren hinterlassen

von
erstellt am 08.Feb.2014 | 00:33 Uhr

Charlotte und die Äpfel: Für beide hat sich Johannes Vahldiek (1839–1914) ganz offenbar begeistert. Während er die eine geheiratet hat, wurden die anderen von ihm veredelt.

In Eutin sind zwei Straßen nach dem engagierten Mann benannt, die Vahldiekstraße und der Vahldieksweg. Die Vahldiekstraße beginnt an der Weberstraße und geht schnurgerade in den Vahldieksweg über, der Fußgänger weiter zur Weidestraße führt. An der Anschlussstelle knickt die Vahldiekstraße beinahe rechtwinklig in Richtung Bürgermeister-Steenbock-Straße ab.

Diese Straßen liegen außerhalb des ursprünglichen Stadtgebietes von Eutin, also sozusagen vor den Toren. Zusammen mit dem Juristen Gustav Böhmker und dem Bauunternehmer Steenbock, nach denen auch Straßen und Wege in diesem Gebiet benannt wurden, engagierte sich Vahldiek um die Wende zum 20. Jahrhundert, ab etwa 1903, für den Straßenbau.

Im südlichen Teil Eutins, jenseits der Bahnlinie, kaufte Vahldiek Grundstücke in der Nähe seines Wohnhauses. Bauland wurde erschlossen und eine Straße gebaut, die man nach seinem Erbauer benannte. Erst zehn Jahre später wurde sie von der Stadt offiziell übernommen. Auch im Norden Eutins hat Vahldiek eine Straße gebaut, den Kalkhüttenweg, der von der heutigen Sielbecker Landstraße zum Ufer des Kellersees führt.

Vahldiek war Fotograf, Kunstmaler und Züchter von Rosen, Haferpflanzen und Obst. Letzteres tat er mit großem Erfolg, aber er war auch sonst vielseitig interessiert.

Der geborene Braunschweiger kam 1877 nach Eutin und blieb dort. Er wird als kleiner Mann mit rotblondem Haar und Vollbart beschrieben. Fotos oder Portraits von ihm sind allerdings nicht bekannt.

Vahldiek wohnte anfangs in der Carl-Maria-von-Weber-Straße Nr. 14 und später in der Charlottenstraße Nr. 2. Zum Besitz der Vahldieks
gehörten ein großer, angsteinflößender Hund und einige edle Araber-Pferde, die einen Landauer (Pferdekutsche) zogen.

In der Kaiserzeit (1871– 1918) gehörte Johannes Vahldiek zu den prägenden Gestalten in Eutin und Umgebung. Man kannte ihn als Mitglied der „Literarischen Gesellschaft“, Befürworter der Einrichtung einer Gedenkstätte für Carl-Maria von Weber und als Mitglied des Ausschusses zum Bau des Kaiser-Wilhelm-Turmes in Fissau. Bereits vor dessen Fertigstellung 1891 hat Vahldiek den Turm in einer Zeichnung verewigt (Stadtarchiv Eutin).

Einige Bilder Vahldieks sind im Bestand des Ostholstein-Museums, viele sind aber nicht mehr auffindbar. Gern hat er in freier Natur die Landschaft Ostholsteins gemalt und typische Szenen des Landlebens festgehalten, so zum Beispiel in den „Apfelpflückern“, dem „strickenden Bauernmädchen“ oder dem „Spätherbst in Holstein“. Verkauft wurde zu Lebzeiten Vahldieks angeblich nur eines seiner Gemälde. Im Gegensatz zu vielen anderen Malern war er auf die Vermarktung seiner Werke nicht angewiesen, denn er war ein reicher Mann.

Von 1878 bis zu ihrem Tod 1902 war Vahldiek mit Charlotte, geborene Ross, verheiratet, die ein beträchtliches Vermögen mit in die Ehe brachte. Sie war ganz offenbar eine „gute Partie“. Was Charlotte angeht, so wurden nach ihr die Charlottenstraße und das Charlottenviertel benannt. (Davon später mehr, die Dame hat eine eigene Geschichte verdient).

Bleiben also die Äpfel. Vahldiek muss ein sehr geduldiger Mann gewesen sein, denn die Vermehrung von Apfelbäumen dauert erfahrungsgemäß länger als die von Mäusen, Erbsen oder Fruchtfliegen.

Dennoch ist es ihm gelungen. Aus der Apfelsorte „Cox Orange“, die 1825 von dem Briten Richard Cox gezüchtet wurde und schon bald der beliebteste Apfel Englands war, entwickelte Vahldiek den sogenannten „Holsteiner Cox“. Dessen Verbreitung wurde durch den Eutiner Gartenbauverein gefördert.

„Vahldieks Sämling Nr. 3“ fand schnell weitere Anhänger und wurde später „Holsteiner Cox“ genannt. Der gelb-rote Herbstapfel mit dem intensiven, leicht säuerlichen Geschmack entwickelte sich zu einem Markenzeichen unserer ostholsteinischen Gegend und gehört zu den am häufigsten angebauten Apfelsorten in Schleswig-Holstein. Er wurde und wird noch immer auf dem Obstgut Schönborn, seiner „Geburtsstätte“, angebaut.

Hier, am Kellersee zwischen Fissau und Sielbeck, züchtete Vahldiek Obst. Außerdem war auf Schönborn das „Pomologische Institut“ angesiedelt, eine apfelkundliche Forschungs- und Ausbildungsstätte. 1896 verkaufte Vahldiek diesen Besitz an Friedrich Fischer.

Mittlerweile wird der Holsteiner Cox an vielen Orten von anderen Sorten verdrängt. Das liegt laut Werner Rutta, dem langjährigen Besitzer des Obstgutes Schönborn, an der Gleichmacherei des Handels. Im Supermarkt haben Äpfel oft einen einheitlichen Preis pro Kilogramm. In der Produktion aber gibt es große Ertragsunterschiede. Entscheidet man sich als Produzent dafür, den Holsteiner Cox anzubauen, dann erntet man pro Hektar nur etwa drei Fünftel der Menge, die ein ertragreicher Apfel bringen würde. Auf dem Obstgut Schönborn baut man den Holsteiner Cox weiterhin an.

Johannes Vahldiek starb am 22. Januar 1914. Sein Erbe bot Anlass für Streit, weil das Testament ungültig war. Kaiser Wilhelm II. persönlich entschied, dass die Erbschaft der Marinestiftung zu übertragen sei. Die Werke Vahldieks wurden zusammen mit seiner Sammlung von Bildern, Kupferstichen, Skulpturen und wertvollen Möbeln am 30.10.1916 in Berlin versteigert. Darunter fanden sich auch Werke von van Dyck und Rubens. Den Erlös verwendete die Marinestiftung zum Kauf und Umbau des Hotels „Holsteinische Schweiz“ am Kellersee und machte daraus ein Kurheim für ehemalige Marineangehörige. Heute ist dort das Bildungszentrum der Steuerverwaltung des Landes Schleswig-Holstein.

Johannes Vahldiek wurde in Eutin begraben. Sein Grabstein steht am Rand des Friedhofs, nahe der Plöner Straße. Die Namen auf den benachbarten Steinen (von Halem, Janus, Aye usw.) erinnern an weitere Geschichten aus dem alten Eutin.

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