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Ostholsteiner Anzeiger

20. August 2017 | 23:28 Uhr

Ameos-Klinik : Schutzraum der Gesellschaft

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Psychiatrische Klinik in Neustadt besteht seit 120 Jahren / Erinnerung an dunkle Zeiten

Am Anfang stand ein Bankrott. Die im Jahr 1883 gegründete Zuckerfabrik in Neustadt war schon wenige Jahre später pleite. Glück für das heutige Ameos Klinikum, denn das wurde am 1. Oktober 1893 auf dem Gelände der Fabrik eröffnet. Mit vielen Gästen wurde dieser 120. Geburtstag gestern gefeiert.

„Teile der alten Zuckerfabrik sind auch heute noch da“ berichtete Michael Dieckmann, Vorstandsmitglied der Ameos-Gruppe. „Das hier ist Geschichte und hier lebt Geschichte“, sagte Schleswig-Holsteins Sozialministerin Kerstin Alheit in ihrem Grußwort mit Blick auf die alten Gebäude, von denen zwei sogar unter Denkmalschutz stehen. „Im krassen Gegensatz dazu steht, wie sich das Psychiatrieverständnis geändert hat“, so Alheit weiter.

20 Patienten habe es bei der Eröffnung der Klinik, die damals noch den Namen „Provinzial-Pflege-Anstalt bei Neustadt in Holstein“ trug, gegeben, erinnerte Dieckmann. Die Klinik sei damals weitestgehend autark gewesen, die Patienten mussten sogar in der eigenen Landwirtschaft mitarbeiten. In den Anfangsjahren habe es sogar auf dem Galgenberg noch einen eigenen Anstaltsfriedhof gegeben.

Doch es gab auch dunkle Zeiten in der Geschichte der psychiatrischen Klinik in Neustadt. Fast alle der Festredner gingen auf die Rolle der Klinik in der Zeit des Nationalsozialismus ein. 1001 Patienten aus Neustadt wurden im Euthanasie-Programm der Nazis umgebracht. Inzwischen stellt sich die Klinik dieser Schuld, seit diesem Jahr erinnert eine Stele vor Haus Nummer 1 an diese Zeit. Und seit zehn Jahren trägt das Hans-Rahlfs-Haus auf dem Gelände der Klinik den Namen eines getöteten Künstlers, der 17 Jahre in der Neustädter Klinik lebte. „Die Erinnerung wird hier mit dem verknüpft, was Kreativität für psychisch kranke Menschen bedeuten kann“, sagte die SPD-Bundestagsabgeordnete Bettina Hagedorn in ihrer Rede.

Auf die Bewohner der Klinik ging auch Pastor Stefan Kramer, evangelischer Seelsorger der Einrichtung, ein. Im Gegensatz zu den Schrecknissen der Nazizeit aber erinnerte er daran, dass die Klinik für viele Menschen im Laufe der Zeit ihre Heimat geworden ist. Manch einer lebe bereits seit über 50 Jahren in der Klinik, schilderte Kramer. Prof. Dr. Matthias Lemke von der Landesarbeitsgemeinschaft der ärztlichen Leiterinnen und Leiter Psychiatrischer Krankenhäuser in Schleswig-Holstein, brachte es auf den Punkt: „Früher waren die Kliniken dubiose Gebäude auf dem Land. Heute sind sie für viele ein Schutzraum vor der Gesellschaft draußen.“

Doch auch einen Schutz der Gesellschaft bietet die Ameos Klinik: Seit 2005 übernimmt sie im Auftrag des Landes den Maßregelvollzug von psychisch kranken Straftätern. „Das Engagement der Mitarbeiter ist hier keine Selbstverständlichkeit“, lobte Ministerin Alheit. Und fügte mit Blick auf die Bereiche der Klinik hinzu: „Die Wirklichkeit ist viel differenzierter als man denkt.“

 

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erstellt am 21.Sep.2013 | 00:36 Uhr

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