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Ostholsteiner Anzeiger

19. August 2017 | 02:10 Uhr

Schon Verhandlung war Therapie

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Schöffengericht in Plön: Eine gehörige Standpauke des Vorsitzenden Richters brachte den 31-jährigen Angeklagten zum Einlenken

Es war die mittlerweile 18. Straftat Holger R. (Name geändert) aus Probsteierhagen, die gerichtlich bewertet und geahndet werden sollte. Doch der 31-jährige Drogenabhängige und Arrest-Erfahrene ging nach einer gehörigen Standpauke des Vorsitzenden Richters des Plöner Schöffengerichts über die ausgebreitete Brücke, die ihm kurz zuvor schon ein Gutachter empfahl: Holger R. stimmte einer Therapie zu und kam noch einmal mit seiner vierten Bewährungsstrafe davon.

Der geständige Holger R. brauchte Anfang 2013 dringend Geld und bot über Ebay im Internet Waren an, die er gar nicht hatte. So entstand in sechs Fällen ein Schaden von knapp 1300 Euro. „Ich war finanziell am Ende und es war ein blöder Einfall“, sagte der Angeklagte, der mittlerweile eine feste Arbeit hat und in einer Beziehung mit einer Lebenspartnerin lebt. Holger R. bezeichnete seine momentane Lebenssituation als „rosig“, räumte aber den täglichen Konsum von bis zu zwei Gramm Cannabis ein.

Hier setzte die 30-minütige Standpauke des Richters ein, der Holger R. einen
„uneinsichtigen Knochen“ nannte. Man könne seine
Situation nicht als „rosig“ bezeichnen und weiterhin Cannabis konsumieren. Holger R. müsse Veränderungen wollen. „Die Strafe soll eine Verhaltensänderung herbeiführen“, wies der bemühte Richter auf bereits diverse Rückfälle und „massive Ausschläge“ in der Vergangenheit hin. Holger R. habe über viele Jahre nichts gelernt und jetzt gehe es ohne fremde Hilfe nicht mehr. „Jetzt eine Freiheitsstrafe zu verhängen ist einfach“, sagte der Richter. Eine Strafe ausgesetzt zur Bewährung sei ein schwieriger Weg.

Die Bewährungshelferin beschrieb Holger R. als Mann mit einer instabilen psychischen Verfassung mit drpressiven Episoden, der THC zur Beruhigung oder zum Einschlafen nehme. Großen Halt erfahre er aktuell durch eine Partnerschaft und einen festen Job.

Der Gutachter berichtete von einer Persönlichkeitsstörung des Angeklagten mit einem Sozialisationsdefizit seit der Kindheit. Holger R. sei unfähig, sich an Regeln zu halten und früher schon als schwer erziehbares Kind unterwegs gewesen. Der Gutachter sprach von einer Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung, die in der Kindheit nicht behandelt worden sei. Der 31-Jährige benötige eine „starke engmaschige Anleitung“, müsse dafür aber Bereitschaft zeigen.

„Ich mache nichts, was ich nicht will“, sagte Holger R. mit klaren Worten und wünschte nach Aufarbeiten seiner Psyche eine Pause. Er habe Angst, dass Psychopharmaka sein gutes Wesen veränderten. Dennoch wolle er sein Leben in den Griff bekommen, damit es so bleibe, wie es jetzt ist.

Staatsanwalt, Verteidigung und Schöffengericht einigten sich auf ein Strafmaß von einem Jahr und sieben Monaten Freiheitsentzug, drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt. Auflagen sind die weitere Betreuung durch die Bewährungshelferin, der Beginn einer Psychotherapie sowie die Wiedergutmachtung des Schadens von 1300 Euro. „Ich nehme die Hilfe an und werde es schaffen“, sagte Holger R. und nahm das Urteil an.  

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erstellt am 09.Apr.2015 | 16:21 Uhr

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