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Ostholsteiner Anzeiger

19. Oktober 2017 | 12:05 Uhr

Sanatorium ist jetzt Flüchtlingsheim

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Gemeinde informierte Nachbarschaft: Im ehemaligen Haus Almandin sollen bis zu 60 Asylbewerber leben, zwei Familien sind schon da

shz.de von
erstellt am 27.Nov.2015 | 00:34 Uhr

Eigentlich wollte die Gemeinde Malente die Anlieger informieren, bevor die ersten Flüchtlinge in das ehemalige Kneipp-Sanatorium „Haus Almandin“ im Godenbergredder einziehen. Doch am Ende wurden die Verantwortlichen von den Ereignissen überholt. Als sich am Mittwochabend an die 100 Anwohner auf Einladung der Gemeinde in Haus Almandin einfanden, waren einen Tag zuvor bereits die ersten Flüchtlinge dort eingezogen – zwei dreiköpfige Familien aus Syrien.

„Wir brauchen Wohnraum“, verdeutlichte der stellvertretende Bürgermeister Wolfgang Kienle den Handlungsdruck. Er vertrat Verwaltungschef Michael Koch, der sich zurzeit in Kur befindet. Zwar habe die Gemeinde das Haus gekauft, sei aber noch nicht eingetragene Eigentümerin. „Gott sei dank haben wir den Schlüssel bekommen, weil wir wirklich in Not sind“, sagte Kienle. Die Stimmung unter den Anwesenden war trotz kritischer Nachfragen und Anmerkungen ausgesprochen sachlich.

Eigentlich sollte das Haus erst im Januar in Betrieb gehen, erläuterte Ordnungsamtsmitarbeiter Heiko Langfeldt. Er zeigte mit Zahlen auf, wie sehr die Gemeinde unter dem Druck steht, Flüchtlinge unterzubringen. „Die Quote hat sich innerhalb von zwei Monaten vervierfacht.“ Bis September habe es geheißen, Malente solle 46 Flüchtlinge aufnehmen, Anfang Oktober sei diese Zahl dann auf 104 und im November auf 207 gestiegen. Bislang habe Malente jedoch erst 76 Flüchtlinge aufgenommen. Insgesamt lebten 110 Asylbewerber in der Gemeinde, davon allein 20 in Krummsee, wo die Alte Schule als Flüchtlingsheim dient.

Im ehemaligen Haus Almandin sollten 50 bis 60 Personen untergebracht werden, kündigte Oliver Franke an. Der Architekt vom Büro Planquadrate in Eutin ist von der Gemeinde mit dem Umbau des Hauses beauftragt. Zuvor hatte Bauamtsleiterin Britta Deubel bereits beruhigt: „100 bis 110 Flüchtlinge unterbringen, das wollen wir definitiv nicht.“

Rund 500  000 Euro hat Malente nach OHA-Informationen für das ehemalige Sanatorium bezahlt. Weiteres Geld fließt in den Umbau des Gebäudes. Aus Sicht von Architekt Franke hat die Gemeinde mit dem Gebäude keinen schlechten Kauf gemacht. Alles sei in einem sehr guten Zustand, und auch der Brandschutz sei schon sehr gut, weil die Anforderungen schon an den ehemaligen Beherbergungsbetrieb hoch gewesen seien, erklärte er im Gespräch mit dem OHA.

Keller, Erdgeschoss sowie zwei Obergeschosse sollten hergerichtet werden, wegen des dann notwendigen erweiterten Brandschutzes jedoch nicht das Obergeschoss, erläuterte Franke weiter. Jede Wohnung solle zudem mit einer Pantry-Küche ausgerüstet werden, ergänzte Langfeldt. So würden Probleme, die in Gemeinschaftsküchen generell zu Konflikten führten, ausgeschlossen. Konflikte vermeiden will die Gemeinde auch durch die Art der Belegung. Britta Deubel: „Wir versuchen, Flüchtlinge aus einem Herkunftsland unterzubringen, zumindest auf einem Flur.“

Vier zusätzliche Stellen schafft die Gemeinde nach Angaben Kienles, um Unterbringung und Betreuung von Flüchtlingen zu bewältigen. Neben zwei Sachbearbeitern sollten dafür in den nächsten Monaten ein Hausmeister und ein Sozialpädagoge eingestellt werden. Viele im Saal bezweifelten allerdings, ob das ausreichen werde, um Konflikte im Zusammenleben mit und unter den Flüchtlingen zu entschärfen. „Ich glaube, sie machen sich zu einfache Vorstellungen“, kritisierte Jutta Spiegel, die Flüchtlingen selbst ehrenamtlich Sprachunterricht erteilt.

Andere forderten einen permanenten Ansprechpartner vor Ort und verwiesen auf das gegenüber von Haus Almandin liegende ehemalige Hotel Godenberghorst, in dem sich laut Langfeldt derzeit sieben Flüchtlinge eingemietet haben. „Überbordende Müllberge“ führten zu Beschwerden der Nachbarn. Aufgrund baulicher Mängel versuche die Gemeinde jetzt darauf hinzuwirken, dass die Mietverträge aufgelöst würden, sagte Langfeldt.

„Es geht darum, zeitnah Regeln zu vermitteln“, erklärte Bernhard Kardell von der Malenter Awo, der mit Freiwilligen die Flüchtlingsbetreuung in Malente in die Hand genommen hat. Das hätten sich Verwaltung und Ehrenamtliche zur Aufgabe gemacht, und dafür werde auch das neue Personal eingestellt. Dabei gehe es etwa um Themen wie Kinderbetreuung, Arztbesuche oder auch das Verhältnis zwischen Frau und Mann. „Das ist ein Riesen-Themengebiet“, sagte Kardell, der auf ein 30-köpfiges Betreuerteam zurückgreifen kann. „Da wird auch vieles in die Hose gehen“, warnte Kardell. Aber vieles werde auch gut gehen.

Auf Fragen nach möglichen Konflikten zwischen Flüchtlingen, aber auch die Sicherung des Flüchtlingsheims selbst erklärte Kienle, dies sei vor allem Aufgabe der Polizei. „Dies wird ein Schwerpunkt für die Polizei werden, sich hier zu zeigen.“

Deutlich wurde, dass die Gemeindeverwaltung derzeit extrem gefordert ist. Verschärfend kommt hinzu, dass eine Mitarbeiterin des Ordnungsamtes, die für das Thema Asyl zuständig ist, aufgrund eines Unfalls seit Juli ausgefallen ist. „Das ist einfach nicht zu stemmen“, erklärte Britta Deubel. Zuvor hatte sich ein Vermieter beschwert, dass er vier Wochen nach der Besichtigung einer Wohnung, in der er Asylbewerber habe unterbringen wollen, nichts von der Gemeinde gehört habe.

Der Abschluss der Veranstaltung dürfte insofern Balsam auf die Seelen der anwesenden Mitarbeiter der Verwaltung gewesen sein. Nachdem sich ein Anwohner für die Einladung und das offene Gespräch bedankt hatte, spendeten mehrere Anwesende Applaus.

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