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Ostholsteiner Anzeiger

20. Oktober 2017 | 02:30 Uhr

Rückkehr aus der Arche Noah

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Nach 350 Jahren könnte dieser Ibisvogel, die Waldrappe, in Europa wieder heimisch werden

von
erstellt am 02.Jan.2014 | 00:33 Uhr

Im Bestimmungsbuch ist die Beschreibung zum Waldrapp, einem zu den Ibissen ( „Schopfibis“ ) zählender Stelzvogel, kurz und knapp gehalten sowie sein heutiges Vorkommen genannt, ohne die seit gut zehn Jahren eingeleitete Wiedereinbürgerung in Europa zu erwähnen. Die letzten 2000 Exemplare leben nur noch in Zoos; frei lebende Waldrappe finden sich heute in einer letzten Kolonie an der marokkanischen Atlantikküste und vielleicht noch im türkisch-syrischen Grenzgebiet.

Als Sinnbild der Seele verehrten die Ägypter den Waldrapp als den Gott Ach, dem Lichtbringer und Sinnbild für den menschlichen Geist, was in ihren Hieroplyphen und Schmuckstücken zu erkennen ist. Unter seinem Namen „Klausrabe“ diente der Ibisvogel in Venedig als Vorbild für Karnevalsmasken und etliche Hexengestalten, und er fand sich auf mittelalterlichen Kirchenbildern von Alpentälern genauso wieder wie in Klosterchroniken, die von stabilen Populationen dieser Vogelart berichten. Und türkischen Muslimen gelten Waldrappe als Wegweiser nach Mekka, da sie im Herbst in Richtung ihres Heiligtum aufbrachen.

Sein seltsamer Name stammt ebenfalls aus dem Mittelalter, da schon Conrad
Gesner in seinem 1669 erschienenen Vogelbuch (heute im gewichtigen Reprint nachzulesen) den „Waldrab“ erwähnt. Ein klösterliches Wandbild aus jenen Tagen deutet auf das wohl letzte Verhängnis dieses Vogels hin: Dort ist er als Fastenspeise abgebildet. Die geselligen Tiere galten bei Adel und Klerus als beliebte Mahlzeit. Wahrscheinlich machten Hungersnöte im Zuge des Dreißigjährigen Krieges der europäischen Waldrapp-Population den Garaus.

Nachdem aus den USA bekannt wurde, dass ein amerikanischer Pionier und Vogelkundler handzahme Gänse aus ihrem Brutgebiet in den Winteraufenthaltsort begleitete, indem er die zielunkundigen Jährlinge hinter einem Ultraleichtflugzeug fliegend in den Süden verbrachte, überlegte man sich, ob diese Form einer sicheren Wanderung nicht auch mit den Waldrappen zu machen wäre. Die 1.400 Kilometer lange Flugroute aus Österreich über die Alpen in die Toskana war diesen Zootieren natürlich nicht bekannt, da diese Vogelart die Zugroute erst von den erwachsenen Vögeln lernen muss.

Der erste Versuch startete mit Küken aus den Zoos in Zürich, Prag und Wien sowie aus der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle Grünau. Die menschlichen Ziehmütter und -väter haben die rosig glänzenden Jungtiere zunächst mit Babylöffeln aufgezogen – zur frühen Anpassung unter Fluglärm und mit aufgesetztem Helm. Von morgens bis abends wurden stündlich die hungrigen Schnäbel gestopft, begleitet vom Gestank der zerkleinerten, gekochten Ratten und Würmer. Dazu mussten die Vögel gekrault und geputzt werden. Dieser enge Kontakt war notwendig, um die Jungtiere von ihren Pflegern abhängig zu machen und ein unsichtbares Band entstehen zu lassen, an dem die Waldrappen in der Luft geführt werden sollten.

Inzwischen ist aus dem Experiment einer geleiteten Herbstmigration mit Vögeln ein voller Erfolg geworden. Geschlechtsreife Altvögel führen ihre Jungen bereits ohne menschliche Begleitung in die Toskana und auch nach Oberösterreich zurück. Ein Fernziel sind völlig wild lebende Waldrappe, wie sie auf den mittelalterlichen Gemälden abgebildet sind. Nach 350 Jahren könnte dieser Ibisvogel wieder heimisch werden. Die Rückkehr aus der Arche Noah hat gerade erst begonnen, da kommt die erste Nachricht aus dem Süden : Hohe Verluste durch illegale Jagd auf Waldrappen in Italien....



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