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Ostholsteiner Anzeiger

23. Oktober 2017 | 14:00 Uhr

Ringen mit der deutschen Schuld

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Die Kunst, mit der Ulrich Kloth an die Opfer des Dritten Reichs erinnert, ist auf besondere Weise mit dem KZ Neuengamme verbunden

shz.de von
erstellt am 02.Okt.2015 | 12:02 Uhr

Am Anfang stand ein Zehn-Liter-Eimer voller Erde. Es war nicht irgendwelche Erde, sie stammte aus dem ehemaligen Konzentrationslager Neuengamme in Hamburg, genauer von dem Platz, an dem einst der Verbrennungsofen stand. Ulrich Kloth hatte sie dort abgefüllt und mit nach Hause genommen. Der Architekt und Künstler ist in Malente aufgewachsen, lebt aber seit 1976 im niederländischen Roermond, wo es ihn der Liebe wegen hingezogen hat.

Die Geschichte seines Heimatlands hat den 66-Jährigen nie losgelassen. Fachleute, die sich mit der menschlichen Seele beschäftigen, wissen, dass kollektive Traumata wie die Verbrechen des Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg in irgendeiner Form an die nachfolgenden Generationen weitergegeben werden, sei es bei den Opfern oder den Tätern. Wenn er an die deutsche Vergangenheit dachte, empfand Ulrich Kloth Schuldgefühle.

Nach dem Tod seiner Mutter 2002 begann der ehemalige Wisser-Schüler, der in Eutin eine Bauzeichner-Lehre absolvierte und danach in Lübeck und Berlin Architektur studierte, seinen Vater zu fragen. Heinz Kloth starb 2007, er war nach dem Krieg als Straßen- und Wegemeister für die Gemeinde tätig. Wie sind die Nazis in Eutin und Malente an die Macht gekommen? Welche Rolle spielte sein Vater im Dritten Reich? Der Sohn erfuhr vieles und wollte ein Buch darüber schreiben. Dazu kam es nicht: „Ich habe gemerkt, dass ich meine Emotionen besser in der Malerei ausdrücken kann.“ Vor zehn Jahren begann er zu malen.

Kloth hörte von seinem Vater, wie die Nazis ein Klima der Angst schufen, etwa, indem SA-Leute einen Malenter durchs Dorf trieben, mit einem Schild um den Hals: „Ich habe meine Frau geschlagen, die mich seit 36 Jahren versorgt hat.“ Der Maler hat das in einem Bild verarbeitet. Es trägt den Titel „Die Saat der Angst“ und gehört zum Gemäldezyklus „Die Last der Kinder“.

Sein Vater war während des Krieges in Norwegen stationiert. Er beteiligte sich an der Verfolgung von Partisanen und ergriff selbst die Initiative für eine Aktion, die zur Gefangennahme mehrere Russen und Norweger sowie eines Finnen führte, die sich in einer Höhle versteckt hatten. „Sie wurden hingerichtet“, ist sich Kloth sicher. Er machte sich selbst auf den Weg nach Skandinavien. Mit geschichtsinteressierten Norwegern, die er heute zu seinen Freunden zählt, machte er sich auf Spurensuche. „Sie waren sehr froh, von den Geschehnissen zu erfahren“, erinnert er sich.

Im Jahr 2012 besuchte Kloth eine Lesung ehemaliger KZ-Häftlinge in in der Gedenkstätte Neuengamme. „Da habe ich den Direktor gefragt, ob ich Erde mitnehmen darf – für ein Bild.“ Er wollte sie für seinen Gemäldezyklus „Die Last der Kinder“ verwenden. Es war ein hoher Anspruch an sich selbst: „Ich hatte immer Schiss davor, dass ich es nicht schaffe, habe gedacht: Du musst das hinkriegen“, erinnert sich Kloth.

Ein Jahr später entstanden zwei Drucke mit dem Titel „Seelenwanderer“. Mit Ätztinte auf Aquarellpapier, der Erde aus Neuengamme sowie Gräsern und Klatschmohn – „als Symbol der Hoffnung auf Leben“. Der erste Druckversuch – mit dicken Muttern auf Gewinden zum Pressen – misslang, worauf schweres Gerät zum Einsatz kam: „Wir sind mit einem großen Gabelstabler darüber gefahren – und das hat funktioniert.“ Es sei wie eine Befreiung gewesen. „Ich habe das Fürchterliche des KZs weggelacht“, sagt Kloth. Seitdem habe er die deutsche Geschichte für sich verarbeitet. „Ich habe meinem Vaterland vergeben.“ Gewidmet hat der Niederländer die Drucke neun Opfern des Nationalsozialismus, davon acht aus Malente.

Geehrt fühlt sich Kloth, dass er seine beiden Drucke von Februar 2014 an in Neuengamme ausstellen durfte. Der Größere der beiden hängt noch bis Ende dieses Monats in der Kantine des Gebäudes, das die Hauptausstellung beherbergt. Er sei damit, neben ehemaligen KZ-Häftlingen, der einzige Künstler, dessen Werke die Gedenkstätte bisher gezeigt habe.

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