Malente : Rettungszentrum fürs Gehirn

Setzen bei der Diagnostik auf bildgebende Verfahren: Dr. Klaus Stecker und Sportneuropsychologin Franka Weber.
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Setzen bei der Diagnostik auf bildgebende Verfahren: Dr. Klaus Stecker und Sportneuropsychologin Franka Weber.

Leichte Schädel-Hirn-Verletzungen kommen im Sport häufig vor. Die Malenter August-Bier-Klinik reagiert darauf mit speziellen Angeboten.

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20. Dezember 2018, 12:16 Uhr

Malente | In seinem Vortrag zum Thema Schädel-Hirn-Trauma zeigt Dr. Klaus Stecker exemplarisch eine Szene aus dem WM-Finale 2014. In der Partie stößt der deutsche Nationalkicker Christoph Kramer in der 17. Minute heftig mit dem argentinischen Abwehrspieler Ezeqiuel Garay zusammen. Kramers Kopf wird nach hinten gerissen, der Spieler bleibt danach benommen liegen. Was anschließend passiert, zeigt aus Sicht des Chefarztes der August-Bier-Klinik, was falsch läuft beim Umgang mit leichten Schädel-Hirn-Verletzungen, landläufig auch Gehirnerschütterungen genannt.

Kramer spielt weiter. Dabei ist er so desorientiert, dass er den Schiedsrichter fragt, ob es sich um das Finale handele. Erst nach einer Viertelstunde wird der Spieler ausgewechselt. Bis heute weiß er von dem Zusammenprall nur durch andere, und auch seine Erinnerung an die Feier nach dem 1:0-Sieg der deutschen Kicker ist lückenhaft.

Stecker kennt ähnliche Beispiele, auch aus anderen Sportarten, von Eishockey über Handball bis zum Radsport. „Eine leichte Schädel-Hirn-Verletzung sollte nicht als Bagatelle abgetan werden“, warnt der Mediziner. Im individuellen Fall drohten schwerwiegende und langfristige Folgen. Der Psychologe und Neurologe nennt nicht nur Kopfschmerzen oder Konzentrationsstörungen. Auch das Risiko, sich eine weitere Sportverletzung zuzuziehen, steige mit einer akuten Gehirnerschütterung um 50 Prozent. Komme es wenig später erneut zu einer Gehirnerschütterung, könnten die Folgen lebensbedrohlich sein. Häufige Kopfverletzungen erhöhten außerdem die Wahrscheinlichkeit zerstörerischer Prozesse im Gehirn. Das Phänomen wird in den USA mittlerweile für Gedächtnisverlust, Depressionen und Demenz bei Football-Spielern verantwortlich gemacht.

Das Thema betrifft nicht nur Spitzensportler. „In Deutschland gibt es etwa 300.000 traumatische Kopfverletzungen im Jahr, davon 80 bis 90 Prozent leicht, viele davon geschehen im normalen Lebensalltag“, weiß Stecker. Solche Fälle will die Malenter Fachklinik für Neurologie, Neurotraumatologie und Rehabilitation stärker in den Fokus nehmen – diagnostisch, therapeutisch und mit präventiven Ansätzen. Von der Gesellschaft für Sport-Neuropsychologie (GSNP) in Würzburg ließ sich die Klinik daher als „Concussion Center Schleswig-Holstein“ (CCSH) – übersetzt „Zentrum für Gehirnerschütterungen“ – zertifizieren.

Deutschlandweit gehört Malente damit zu den Vorreitern. Lediglich in Hamburg-Bergedorf und Würzburg gebe es noch zertifizierte Concussion-Center, sagt Stecker. Bundesweit fänden sich außerdem nur 14 zertifizierte Sportneuropsychologen. Eine von ihnen ist Steckers Mitarbeiterin Franka Weber. Zum Team gehörten außerdem erfahrene Neurologen, Physiotherapeuten, Neuropsychologen und Sportpsychologen. Zusätzlich habe die Klinik ein Netzwerk aufgebaut aus Sportmedizinern, Sportwissenschaftlern, Neurochirurgen, Radiologen und Augenärzten.

Bei der Behandlung kämen computerbasierte Therapiemethoden zum Einsatz, die bei Bedarf durch Physio-, Ergo- und logopädische Therapien ergänzt würden. In Absprache mit Mannschaftsärzten könnten individuelle Reha-Pläne erstellt und der optimale Zeitpunkt für die Rückkehr in den Sport bestimmt werden. Das Angebot richtet sich nicht nur an Sportler. „Wir betreuen auch Menschen, die leichte Schädel-Hirn-Verletzungen bei der Arbeit, auf Arbeitswegen oder bei Verkehrsunfällen erlitten haben – oder Schüler, denen dies auf dem Pausenhof oder beim Schulsport passiert“, nennt Stecker weitere Beispiele.

Sport- und Mannschaftsärzten, Sportphysiotherapeuten und Vereinen bietet die Klinik Fachvorträge an. Ziel sei es, möglichen Folgen von Gehirnerschütterungen vorzubeugen. „Für Sportler, Clubs und Mannschaftsärzte stellen die leichten Schädel-Hirn-Verletzungen eine große Herausforderung dar“, schildert Stecker. Die Diagnostik gestalte sich häufig schwierig, besonders in dem engen Zeitfenster am Spielfeldrand. Offensichtliche Symptome wie Bewusstlosigkeit oder Erbrechen seien eher selten. Stecker präsentiert eine kleine laminierte Taschenkarte, die Tipps bereithält, wie ein Verdacht auf Gehirnerschütterung zu erkennen ist. Neben möglichen Symptomen wie Gleichgewichtsproblemen oder verschwommenem Sehen spielt ein schneller Gedächtnistest eine entscheidende Rolle. Dabei wird der Spieler etwa gefragt, wo das Spiel gerade stattfindet und wer zuletzt ein Tor erzielt hat.

Im Idealfall lässt sich aus Steckers Sicht eine ganze Mannschaft, besonders in körperbetonten Sportarten wie Eishockey, vorbeugend untersuchen. Dazu gehörten nicht nur ein umfassendes Anamnesegespräch, sondern auch Reaktionstests und neurologische Untersuchungen. „Im Falle von Verletzungen ist so ein Vergleich mit dem Zustand vor der Verletzung möglich“, erklärt Stecker.

Die bisher im Sport oft praktizierte Sorglosigkeit im Umgang mit möglichen Gehirnerschütterungen ist indes nicht nur medizinisch höchst fragwürdig. Auch aus sportlicher Sicht führt falsch verstandene Härte gegen sich selbst bisweilen ins Verderben. Das musste erst vor einigen Monaten der von Jürgen Klopp trainierte FC Liverpool im Championsleague-Finale gegen Real Madrid schmerzlich erfahren. Die Engländer verloren das Spiel, auch weil der aus Deutschland stammende Torhüter Loris Karius durch scheinbar unerklärliche Patzer zwei Gegentore kassierte. Wenige Minuten zuvor hatte ihn Real-Verteidiger Sergio Ramos mit den Ellenbogen am Kopf getroffen. Später attestierten Ärzte Karius eine Gehirnerschütterung.

> Das Concussion-Center Schleswig-Holstein (CCSH) in der August-Bier-Klinik ist unter Tel. 04523/405-0 oder per E-Mail an info@august-bier-klinik.de zu erreichen.

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