Rettete ein Arzt die Eutiner Juden?

Als Zeichen des Gedenkens legen Friedhofsbesucher Steine auf jüdische Gräber.
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Als Zeichen des Gedenkens legen Friedhofsbesucher Steine auf jüdische Gräber.

1936 gab es laut NS-Jargon zwei alte und zwei getaufte Juden sowie zwei Mischlinge / Wie erging es ihnen? Eine Spurensuche

shz.de von
26. Januar 2015, 09:37 Uhr

Heute jährt sich die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz zum 70 mal. Grund genug für den OHA auf Spurensuche zu gehen: Wie viele Juden gab es in Eutin? Wie lebten und überlebten sie in einer Kleinstadt, deren Mehrheit sich bereits ein Jahr vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten für deren Politikstil entschieden? Und welche Spuren jüdischen Lebens lassen sich heute noch finden?

Stolpersteine, die an deportierte Juden erinnern, gibt es in Eutin nicht. Denn dem Befehl der Geheimen Staatspolizei vom 22.Januar 1945, arbeitsfähige Juden aufzulisten, damit sie „zum geschlossenen Arbeitseinsatz“ geschickt werden können, beantwortete der stellvertretende Bürgermeister sowie der Obermedizinalrat mit einer mutigen Entscheidung, wie Rainer Millmann aus dem Stadtarchiv sagt: „Der Arzt schrieb die beiden in Frage kommenden Männer einfach krank.“ In den Akten ist zu lesen, dass Eduard Driels wegen „Versteifung der rechten Schulter“ und Julius Seckels wegen seines „schweren Asthmas“ und weil er selbst „Weltkriegsteilnehmer“ war, nicht arbeitsfähig waren. So hatte er nicht nur das Leben dieser beiden bis dahin in Eutin gebliebenen Juden gerettet, sondern auch das einiger inhaftierter Sozialdemokraten. Weshalb sich die NS-Spitzen mit den Krankmeldungen zufrieden gab, ist nicht bekannt.

Aus der sogenannten „Judenkartei“ geht hervor, dass Driels und seine Familie zu den Mischlingen gehörte – wie Nationalsozialisten diejenigen bezeichneten, die entweder Juden als Großeltern oder in einer Ehe als Partner hatten. Eduard Driels und seine Familie lebte in der Charlottenstraße 7, laut den Bemerkungen in seinem Karteieintrag war er vor der Machtübernahme Sozialdemokrat. Julius Seckels, geboren in Aurich, war selbstständiger Viehhändler, bis den Juden die Ausübung einer Tätigkeit verboten wurde. Als seine Frau beim Gauleiter eine Arbeitsgenehmigung für den vierfachen Familienvater erbat, bekam sie zu hören: „Es ist nun einmal Tatsache, dass für die Juden im neuen Deutschland sehr schlechte Arbeitsmöglichkeiten bestehen.“ Seckels lebte mit seiner Familie in der Bahnhofstraße 18. Das Gebäude von 1890 ist noch heute – direkt gegenüber des Busbahnhofs – erhalten.

Die beiden ältesten jüdischen Familien, davon zeugen auch die Gräber auf dem jüdischen Friedhof am Kleinen Eutiner See, sind die Nathans und Würzburgs. Letztere besaßen eine Bürsten- und Pinselfabrik, die nach dem Tod des letzten Familienmitglieds 1926 „ausgerechnet an einen führenden Anhänger der Hitlerpartei verpachtet wurde“, wie Lawrence D. Stokes in seinen Studien zur Geschichte von Eutin bemerkt. Dieses Pachtverhältnis, so Stokes, wurde aber nach nur einem Jahr gelöst und vom langjährigen Werkmeister weitergeführt. Keiner der Würzburgs erlebte die Machtergreifung der Nazis, sie starben alle früher. Das rote Backsteingebäude der einstigen Fabrik steht noch in der Friedrichstraße.

Nach Aufzeichnungen aus dem Stadtarchiv sind die ersten Mitglieder, der ältesten in Eutin lebenden, jüdischen Familie Nathan bereits 1801 aus Moisling hierher übergesiedelt. „Die Nathans waren vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten eine der angesehensten Familien in Eutin“, erzählt Millmann. Bis zur Enteignung im Juni 1939 lebte letztlich nur noch Jenny Nathan in der Augustenstraße 20, heutige Albert-Mahlstedt-Straße. Das Haus von einst steht nicht mehr. Jenny Nathan, 1935 war sie 82 Jahre alt, und ihre Schwägerin Alice (64) wurden bis 1935 weitgehend in Ruhe gelassen. Doch ab Frühsommer 1935 gab es einige Einzelaktionen gegen Juden auch in Eutin. Dazu gehörte das Umwerfen der Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof ebenso wie „stürmische Proteste gegen die Judenbagage Nathan“, über die auch der Anzeiger für das Fürstentum Lübeck berichtete, der Vorläufer des OHA – in einem erschreckenden NS-Jargon. „Die Nathans tun doch keinem was zu Leide“, sollen im August 1935 einige Wenige gerufen haben. Größer war der Hass der Menge, die sich laut Verfasser des Artikels glücklich schätzen könne, dass Eutin „verhältnismäßig wenige Juden in seinen Mauern beherbergen“ müsse. Dennoch reiche es, „um von einer Judenfrage zu sprechen“. Jenny Nathan wird im fortlaufenden Artikel beschuldigt, sich unehrbar verhalten und einen Fotografen beauftragt zu haben, von der Grabschändung auf dem Friedhof Bilder für „die Auslandspresse“ zu machen. Diese Bilder wurden ihr von der „Polizei“ abgenommen – „gerade noch rechtzeitig“ , bevor sie sie veröffentlichen konnte. „Die Judenknechte sollen ihre Lehre daraus ziehen“, hofft der Verfasser. Ebenfalls schreibt er, dass auf „großen Stürmerkästen“ die Bevölkerung über die Judenfrage aufgeklärt werden solle und nun (1935) Schilder an den Ortseingängen aufgehangen werden, „die durchfahrende Juden
veranlassen sollen, die Rosenstadt zu meiden“.

Trotz aller Schikanen und angsteinflößender Proteste: Drei ungarische Frauen jüdischen Glaubens sind nach Quellenlage die einzigen, die in Eutin gewaltsam starben – auf der Durchreise bei einem Fliegerangriff der Alliierten. Jenny Nathan, die letzte Jüdin Eutins, stirbt am 29. Dezember 1940, nachdem sie völlig vereinsamt, halb verhungert und unterkühlt in ihrem unbeheizten Haus aufgefunden und ins Krankenhaus gebracht wurde, an einer Lungenentzündung. Die Beerdigung nahm
der Landespropst Wilhelm Kieckbusch persönlich vor – eher ungewöhnlich
für die damalige Zeit.

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