Eutin : Regentropfen zum Happyend

Das Ensemble der Operette „Der Vogelhändler“ nahm mit Freude den Applaus des Premierenpublikums entgegen.
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Das Ensemble der Operette „Der Vogelhändler“ nahm mit Freude den Applaus des Premierenpublikums entgegen.

Eutiner Festspiele: Premieren-Zuschauer bejubeln die Operette „Der Vogelhändler“.

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27. Juli 2015, 06:00 Uhr

„Kuhfladen“ heißt das Dorf, und der Name verrät: Adeliger Besuch hin oder her, hier geht’s nicht allzu vornehm zu. Wilddiebe treiben en masse ihr Unwesen, Betrug, Hochstapelei und Korruption feiern fröhliche Urständ, und mit der Treue scheint es auch nicht zum Besten bestellt. In diesem Ort anrüchigen Geschehens spielt jetzt in Eutin die Carl Zeller-Operette „Der Vogelhändler“ – eine leichtfüßig-lebhafte Inszenierung mit viel Spielwitz und schönen Stimmen.

„Grüaß enk Gott, alle miteinander!“ Früh im Stück kommt diese Nummer, und spätestens jetzt lassen sich die Zuschauer willig mitnehmen auf die Reise durch das Liebesgestrüpp voller Bockigkeiten, Missverständnisse und Berechnungen. Aber die Besucher wurden schon an den Entrées von jungen Leuten in Dirndl und rotweiß karierten Hemden begrüßt und sind auf die heitere mitteleuropäische Mischung aus Pfälzer Bodenständigkeit und Tiroler Mutterwitz eingestimmt, die der Wiener Carl Zeller 1891 zur Uraufführung brachte: Vogelhändler Adam liebt Christel von der Post, und bis das finale „Ja“ gesagt wird, sind in reichlich zweieinhalb, von nur einer Pause unterbrochenen, Stunden Nummern wie „Ich bin die Christel von der Post“, „Fröhlich Pfalz, Gott, erhalt’s“, „Schenkt man sich Rosen in Tirol“, „Ich bin der Prodekan“ zu hören – Ohrwürmer, die eigentlich nie aus der Mode gekommen sind.

Entsprechend kommt als Echo ein Summen, hier und da sogar Singen aus dem Zuschauerrund und wird von den Akteuren unbedingt begrüßt, wie Festspiel-Intendantin und Regisseurin Dominique Caron zuvor anfeuernd versichert: Das Team habe eine außerordentliche Freude an dieser Arbeit gehabt und hoffe, dies finde sein Echo. Die Freude an der Arbeit ist zu spüren – und findet Widerhall, auch, wenn die Ränge zur Premiere deutliche Lücken zeigen.

Dabei verdient Eutins „Vogelhändler“ allemal ein volles Haus. Caron und ihr Team zollen der Vorlage Respekt und räumen dieser zugleich einen Platz in der Gegenwart frei. Zellers Werk, ein Herzstück der goldenen Wiener Operetten-Ära, spielt an der Wende zum 19. Jahrhundert. Die reale „Obrigkeit“ duldete noch keinen Zweifel, ein Umstand der im Nachhinein insbesondere in musikalischen Bühnen- und Filmwerken für allerlei gruselig-kitschige Adaptionen gesorgt hat.

Dem Eutiner Team gelingt es da ganz unaufgeregt, den Adel auf den Boden der Kuhfladen-Tatsachen zu holen und zugleich den – durchaus hier und da charmant angestaubten – Humor zuzulassen. Die Kostüme (Ursula Wandaress) sind fröhlich bunt und eine wahrhafte Augenweide. Stoff gewordenes Historienepos indessen sind sie nicht. Man darf – die Petticoats der Damen und die Vespa, auf der die Post-Christel die Arena erobert, provozieren es – die 1950er/1960er Jahre vermuten, eine Zeit also, in der Geschlechterrollen zwar ebenfalls noch festgefügt waren, die aber vor Adel und Obrigkeit nicht mehr gar so tief buckelt. Und es gibt auch den Fingerzeig in die Gegenwart. Die Nummer „Man munkelt“ ist auf Euro und Griechenland, auf Eutin und Landesgartenschau-Arbeiten umgedichtet. „Statt Giros und Tzatziki gibt’s nur noch Hirsebrei“, heißt es da. Und: „Eutin wird jetzt verschönert zur Landesgartenschau.“ Das sind Verbeugungen vor der Unsterblichkeit gefälliger Melodien und zugleich kritische Anmerkungen zum politischen Tagesgeschäft. Das Publikum goutiert sie mit Applaus.

Überhaupt gibt es reichlich Applaus für die Inszenierung, den musikalischen Leiter Urs-Michael Theus und das Bühnenpersonal. Das nämlich ist in guter Form. Susanne Grosssteiner gibt eine zauberhaft agile Christel, Christian Bauer einen kernigen Vogelhändler Adam, Peggy Steiner eine kapriziöse Kurfürstin, Helena Köhne eine schockverliebte Adelaide, Theodore Browne einen windigen Stanislaus und Oliver Weidinger einen geschmeidigen Baron Weps.

Eine weitere Hauptrolle spielt der Festspielchor, dessen Mitglieder nicht nur lebhafte Bühnenpräsenz zeigen, sondern kommentierend und agierend am Spiel beteiligt sind: Was ein Dorf an Schwatzhaftigkeit, Sensationslust und Neugierde hervorbringen kann, holt die Inszenierung aus dieser Truppe heraus. Beteiligt am Spiel sind selbst Theus und das Festspielorchester. Er habe es nun verstanden, sagt Theus, wenn die Christel ihm zum wiederholten Male vorsingt, das sie die „von der Post“ sei. Wieder lacht das Publikum. Das geht am Ende bestens unterhalten und hat sich auch von den Regentropfen, die zur Premiere aufs Happyend fielen, nicht sonderlich beeindrucken lassen.


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