Raser und Lkw: Die Sorgen der Anwohner

Besorgte Bockholter: (v.li.) Inga Vonnemann, Karin Sderra, Claus Ehlers und Vanessa Kühl.
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Besorgte Bockholter: (v.li.) Inga Vonnemann, Karin Sderra, Claus Ehlers und Vanessa Kühl.

Bockholt wird als Schleichweg genutzt / Im 400-Einwohner-Dorf mehren sich die Beschwerden / B 76-Sperrung wird als große Last empfunden

shz.de von
30. Mai 2018, 15:57 Uhr

Eigentlich geht es in Bockholt beschaulich zu. Links und rechts der Dorfstraße ein paar Häuser, dazu kaum Verkehr, so dass Kinder beinahe unbeaufsichtigt auf der Straße spielen können. Doch seit der B 76-Sperrung hat sich vieles für die rund 400 Einwohner verändert. Die täglich 11 000 Fahrzeugbewegungen auf der Bundesstraße müssen sich nun andernorts abspielen. Und trotz ausgeschilderter Umleitung nutzen viele Auto- und Lkw-Fahrer nicht den offiziellen, empfohlenen Weg zur B 76, sondern den Schleichweg von Eutin über Bockholt nach Fassensdorf und weiter in Richtung Middelburg. Leidtragende sind die Anwohner – in Bockholt insbesondere die, die an der Straße „Im Dorfe“ wohnen, die mitten durch den Ort führt. Eine von ihnen ist Vanessa Kühl. Die junge Frau beobachtet seit Wochen intensiv den Verkehr in ihrem Wohnort, springt wagemutig vor zu schnell fahrende Fahrzeuge oder filmt Lkw, die verbotenerweise den Ort durchqueren. Bereits mehrfach hat Kühl die Polizei über Raser und Lastwagen im Ort informiert. „Viele Fahrer halten sich nicht an die Schilder“, berichtet Kühl. Im Ort gilt seit der B 76-Sperrung Tempo 30 und ein Verbot für Lkw. „Die bremsen nicht mal ab, wenn man auf der Straße steht“, sagt Kühl und erwähnt das Ergebnis einer Geschwindkeitsmessung im Ort, bei der ein Autofahrer „mit 90 Sachen geblitzt“ worden sei, so Kühl.


Kreis: „Verkehrsbelastung hat deutlich zugenommen“

„Die Verkehrsbelastung hat deutlich zugenommen“, bestätigt Michael Bornhöft vom Kreis Ostholstein. Allein zwischen
2. und 16. Mai – also seit dem Beginn der B 76-Sperrung – hat die Ordnungsbehörde fast 20 000 Fahrzeuge bei elf Geschwindigkeitskontrollen in Groß Meinsdorf, Bockholt, Gothendorf und Barkau registriert, dabei mehr als 2300 Verstöße festgestellt. In Fassensdorf sei aufgrund der Streckenführung keine Messung möglich gewesen, sagte der Leiter des Fachdienstes Straßenverkehr. Die Messstelle Bockholt wiederum gehöre zu den Schleichstrecken. „Hier wird sonst keine Messung durchgeführt“, so Bornhöft. Und auch wenn direktes Vergleichsmaterial fehlt: Im vergangenen Jahr zählten die Mitarbeiter bei den fünf Messungen in Groß Meinsdorf und Barkau gerade einmal rund 3100 Fahrzeuge und 360 Verstöße.

Stadt: „Umleitungen werden von vielen Autofahrern nicht genutzt“

Davon, dass die Straße intensiv genutzt wird, zeugen auch die Banketten. „Vor zwei Wochen sind die erst instand gesetzt worden, nun sind die schon wieder kaputt“, moniert der Bockholter Claus Ehlers. Laut Eutins Stadtmanagerin Kerstin Stein-Schmidt ist der Bauhof bislang rund fünf bis sechs Mal im Einsatz gewesen. „Die ganze Strecke wurde ein Mal von einer externen Firma bearbeitet. Die Schwerpunkte lagen vielfach in den Kurvenbereichen. Die Rechnungen liegen abschließend noch nicht vor, einige Tausend Euro kommen allerdings zusammen“, sagt Stein-Schmidt. Auch die Stadt Eutin ist auf den Schleichweg über Bockholt-Fassensdorf-Middelburg aufmerksam geworden. „Die offiziellen Umleitungen werden von vielen Autofahrern nicht genutzt, da diese die Schilder missachten und rein nach Navigation fahren“, sagt Stein-Schmidt.

Polizei: „Wir sind da und sind präsent“

Die Polizei kontrolliert den Verkehr im Bereich des Schleichwegs im Rahmen der Streife. „Genaue Ergebnisse liegen jedoch noch nicht vor“, sagt Polizeisprecher Stefan Muhtz und spricht über eine größere Kontrolle, bei der der Schwerlasttrupp der Polizei den Fokus auf den Lkw-Verkehr legte. Eine weitere größere Kontrolle hatte Gurtmuffel und Handy-am-Steuer-Verstöße im Blick.

Abseits des durchfahrenden Verkehrs wurden der Polizei seit der B 76-Sperrung auf der Gemeindestraße Eutin-Middelburg sechs Unfälle gemeldet – zwei Mal gab es leichten Blechschaden, vier Mal flüchteten die Unfallverursacher, so Muhtz. Auf der offiziellen Umleitungsstrecke – auf der K 55 – sah das Ganze schon anders aus: „Mehrere Lkw waren dort in Schieflage geraten, einer sogar umgekippt“, sagt Muhtz. Alle Lastwagen waren in die Banketten geraten, mussten teilweise durch Spezialunternehmen aufwändig geborgen werden.

Laut Vanessa Kühl habe man ihr bei der Polizei gesagt, Kontrollen in größerem Umfang seien nicht möglich – man sei unterbesetzt. Die Polizei sieht das anders: „Wir sind da und sind präsent“, sagt Muhtz. Doch Kühl ist nicht die einzige, die sich über den Verkehr im Ort beschwert. Den Spaziergang mit Hund „Vigo“ bezeichnet Karin Sderra als „Spießrutenlauf“. „Ich musste schon mehrfach in den Straßengraben hüpfen, um nicht angefahren zu werden“, berichtet die Bockholterin. Auch Inga Vonnemann hat Ähnliches erlebt, als die junge Mutter mit Hund „Spock“ Gassi ging. Ihre beiden Kinder dürfen indes nur noch im Garten spielen. Claus Ehlers hat Autofahrer erlebt, die hupen, um sich Platz im Ort zu verschaffen oder sogar Fußgänger beschimpften.


Unternehmer: Sperrung ist „werbetechnisch nett“

Dirk Rossen vom gleichnamigen Autolackier-Betrieb in Bockholt kann die Sorgen und Nöte der Anwohner verstehen – „die fahren hier teilweise wie die Deppen“, sagt er und hat aber auch eine andere Sichtweise parat: Die B 76-Sperrung sei „werbetechnisch nett“, so Rossen, denn nun würden mehr Autos durch den Ort fahren und auf seinen Betrieb aufmerksam werden. Die besorgten Anwohner indes fordern zumindest mehr Kontrollen, eine deutlichere Ausschilderung der offiziellen Umleitung, eine Herabsetzung der Geschwindigkeit auch außerhalb des Ortes – „und mehr Rücksichtnahme“, ergänzt Sderra.
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