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Ostholsteiner Anzeiger

21. November 2017 | 20:32 Uhr

Rabiater Rausschmiss eines Blinden

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Bei der Schlagernacht sah sich der sehbehinderte Hartwig Lahann erst als Opfer eines Übergriffs und dann grob vor die Tür gesetzt

shz.de von
erstellt am 16.Mai.2017 | 15:53 Uhr

Die Schlagernacht auf dem Kalkberg in Bad Segeberg am ersten Mai-Wochenende wurde für Hartwig Lahann zu einem unvergesslichen Erlebnis – aber ganz anders, als der 68-Jährige sich das gedacht hatte: „Was mir dort widerfahren ist, hätte ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorstellen können“, sagt er.

Dazu muss man wissen: Der gelernte Gärtner ist seit einigen Jahren völlig blind. Deshalb hatte seine Frau Ute Plätze in der letzten Reihe der Kalkbergarena ausgesucht, um möglichen Gefahren auszuweichen. Vergeblich. Hinter dem Paar aus Grebin stand eine offenbar angetrunkene Frau, Ende 30, mit zwei männlichen Begleitern. Als Ute Lahann zur Toilette ging, setzte sich die Angetrunkene neben den Grebiner, der ein ungutes Gefühl bekam. „Ich habe neben mich gefasst und gespürt, dass es nicht meine Frau war“, schildert er. Er habe sie sofort aufgefordert aufzustehen. „Stattdessen kippte sie ihr Bier über mich. Ich bekam Panik und hatte Angst, dass sie mich beklauen wollte.“ Er habe sie angeschrien und zurückgestoßen. Doch die Frau habe sich stattdessen provozierend auf seinen Schoß gesetzt. „Ich habe sie nochmals angeschrien und versucht, sie mit aller Kraft von mir zu stoßen“, berichtet Lahann.

Ein Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes habe die aufreizend mit enger Lederhose und nur einem Top bekleidete Frau schon zuvor ständig im Blick gehabt, hatte Ute Lahann beobachtet. Doch statt diese zur Räson zu bringen, sei der Sicherheitsdienst auf ihren Mann losgegangen. Zwei Personen hätten ihn gepackt, erinnert sich Lahann. Ihm sei nicht klar gewesen, dass es sich dabei um Mitarbeiter des in Bad Segeberg beheimateten Sicherheitsdienstes „Mebo“ gehandelt habe. Sie hätten ihm brutal die Arme auf den Rücken gedreht und fortgeschleppt. „Ich habe geschrien: ,Ich bin blind und hilflos. Ihr brecht mir die Arme‘.“ Vor der Arena sei er sich selbst überlassen worden. Erst aufgrund seiner Hilferufe hätten sich Sanitäter um ihn gekümmert. „Ich habe mich an diesem Abend in der Kalkbergarena rechtlos und vogelfrei gefühlt. Vom Sicherheitsdienst wie Müll entsorgt“, schildert Lahann seine Ohnmacht.

Als Ute Lahann an ihren Platz zurückkehrte, war ihr Mann weg. „Dein Kerl, der hat mich angefasst, der hat mich sexuell belästigt. Der ist abgeführt worden“, habe die angetrunkene Frau ihr zugerufen. Erst bei den Sanitätern habe sie ihren Mann dann zu ihrer großen Erleichterung wiedergefunden. Trotz der Vorkommnisse hätten sie die Schlagernacht noch weiter verfolgen wollen, sagt Ute Lahann. Doch sie hätten Hausverbot bekommen, empört sich die ehemalige Justizangestellte. Begründung: „Wir wären eine Gefahr für die Sicherheit der anderen Besucher.“

Hans Scherer, dessen Flensburger Firma „Scherer & Friends“ zu den vier Schlagernacht-Veranstaltern gehört, hat inzwischen Kontakt zu den Lahanns aufgenommen. „Ich habe mich im Namen aller Veranstalter entschuldigt“, sagt er. Er sei über diese Geschichte geschockt und habe zugesagt, den Eintritt zu erstatten. Er habe das Paar für die nächste Schlagernacht eingeladen und angeboten, Gespräche mit Künstlern hinter der Bühne zu vermitteln. Von der beauftragten Sicherheitsfirma habe er einen Bericht angefordert.

Dirk Grube, Leiter des Sicherheitsdienstes bei Mebo, räumt die Vorwürfe weitgehend ein. „Das ist dumm gelaufen“, sagt er. Dem betroffenen Mitarbeiter – den Grube als erfahren und besonnen beschreibt – sei das sehr unangenehm. Rund 7500 Zuschauer seien bei der Schlagernacht gewesen, sein Unternehmen habe 60 Mitarbeiter im Einsatz gehabt, davon 20 in der Arena. Dem Sicherheitsdienst habe sich die Lage so dargestellt, dass Lahann die Frau geschlagen habe, das hätten mehrere Zuschauer so gesagt. Grube kann sich aber in Lahanns Abwehrreaktion hineinversetzen: „Wenn man das aus seiner Sicht betrachtet, ist das nachvollziehbar.“

Die Erblindung Lahanns habe sein Mitarbeiter nicht wahrgenommen. „Der ist aus allen Wolken gefallen, als er das erfahren hat“, sagt Grube. Der Mitarbeiter habe Lahann in die Augen gesehen und sei überzeugt gewesen, dieser könne sehen. Tatsächlich merkt man dem Grebiner nicht unbedingt sofort an, dass er blind ist. Oft scheint er einen im Gespräch anzusehen. Zwar trug Lahann bei der Schlagernacht ein Blindenabzeichen, doch war dieses bei dem Vorfall verdeckt, weil er sich zuvor eine Strickjacke angezogen hatte. Grube kündigte an, er werde sich bei den Lahanns melden, auch um die Sichtweise des Sicherheitsdienstes zu erläutern.

Als Ursache für den Vorfall sehen die Lahanns auch den erheblichen Alkoholkonsum einiger Zuschauer. Es seien Wein, Bier, Sekt, Cola-Rum und der Likör „Kleiner Feigling“ verkauft worden. Tatsächlich spricht auch Scherer von sehr vielen Betrunkenen. „Ich hab das noch nie erlebt, und ich habe schon viele Jahre die Oldie-Nächte gemacht.“ Grundsätzlich verbieten lasse sich Alkohol bei einer solchen Veranstaltung aber nicht, ist Scherer überzeugt.

Ute Lahann hat von der „Schlagernacht“ die Nase voll. Doch ihr Mann kann sich gut vorstellen, Scherers Angebot anzunehmen und die Veranstaltung noch einmal zu besuchen. „Das passiert ja nicht nochmal“, sagt er. So viel Vertrauen in die Menschheit hat er noch.

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