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Ostholsteiner Anzeiger

16. August 2017 | 23:50 Uhr

„Quarkriegel Kohuke: unser Verhängnis“

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Mehr als die Hälfte meines Austauschjahres ist schon um. Unglaublich, dass ich schon seit über sechs Monaten in Estland lebe. Es scheint mir wie Gestern, dass ich in den Flieger gestiegen bin...

Andererseits scheint es auch schon Jahre her zu sein, dass ich auf eine andere Schule und in eine andere Klasse gegangen bin als meine hier in Tartu. Das Wissen, nun nur noch vier Monate hier sein zu dürfen, macht das altbekannte Gefühl der Zerissenheit zwischen zwei Ländern wieder stärker.

Dieses Gefühl, das jeden Austauschschüler seit der Zusage der Austauschorganisation begleitet und das einen sicher lange nicht mehr loslassen wird. Es ist schwer zu beschreiben: Man fühlt sich einfach oft zwischen Heimatland und Gastland hin- und hergerissen. Ich weiß nicht, wo ich lieber sein möchte, denn in einem Land zu sein bedeutet natürlich gleichzeitig, im anderen nicht sein zu können.

Estland ist jetzt schon eine Art zweite Heimat geworden und ich fühle mich mit dem Land und den Menschen verbunden, obwohl ich noch immer viele Aspekte der Kultur nicht verstehe. Auf der anderen Seite habe ich hier auch festgestellt, dass ich wirklich sehr deutsch bin. Doch in keinem der beiden Länder würde ich mein Leben lang wohnen wollen, denn in jedem fehlt mir etwas, dass ich im jeweils anderen sehr schätze.

Es klingt vielleicht paradox, aber durch die Tatsachen, dass ich jetzt zwei Länder mein zu Hause nennen kann, fühle ich mich irgendwie heimatlos. Doch dieses Gefühl nehme ich für all die Erfahrungen, die ich bereits hier machen durfte, gerne in Kauf – und ein so süßes Land wie Estland seine zweite Heimat nennen zu dürfen, ist es ebenfalls wert.

Es ist seltsam, sich das einzugestehen, doch ich habe Deutschland lieben gelernt. Es gibt vieles, das ich vermisse, wie etwa das deutsche Schulsystem (mündliche Noten, viel Freizeit nach der Schule), gesundes Essen, meine Muttersprache zu sprechen, offenere Menschen (die ich verstehe und die auch mich verstehen), die Tatsache, dass in Deutschland etwas geplantes dann auch funktioniert und natürlich meine Familie und Freunde.

Aber ich liebe auch Estland, denn es gibt vieles, von dem ich jetzt schon weiß, dass ich es vermissen werde. Meine vielen Freiheiten und Möglichkeiten in Tartu werden mir zum Beispiel fehlen, die zwei Kilometer Fußweg nach Hause abends, der lockere Umgang mit der Zeit (Deutsche würden es einfach Unpünktlichkeit nennen...), die Spontaneität und natürlich meine estnische Familie und meine Freunde.

Es hat mich viel Mühe gekostet, die richtigen Freunde und Hobbys zu finden und vor allem, sich anzupassen und die kulturellen Unterschiede zu verstehen, zu akzeptieren und zu versuchen, sie nicht zu bewerten. Doch jetzt wird es von Woche zu Woche einfacher und im Juni, wenn ich mich endlich wirklich in die estnische Kultur eingefunden habe (das hoffe ich zumindest), werde ich zurück nach Deutschland gehen müssen, ohne es genießen zu können.

Es ist sehr hilfreich, sich über diese Gedanken mit anderen Austauschschülern und Ehemaligen zu unterhalten. Außerdem ist es einfach „uskumatu lahe“ (es gibt keine gute Übersetzung, bedeutet so ungefähr „unglaublich toll“, nur wesentlich besser), Zeit mit YFU-Menschen
(Youth For Understanding, meine Austauschorganisation) zu verbringen.

Wir waren uns jedenfalls alle einig, dass die zwei Tage „Mitte-Seminar“ von YFU wesentlich zu wenig waren. Vor zwei Wochen haben wir uns alle für ein Wochenende in einem Tagungshaus am Taevaskoja, einem der schönsten Wälder Estlands (das soll schon was heißen, schließlich gibt es hier kaum etwas anderes als Wald) getroffen.

Das letzte Mal, dass wir uns alle zusammen gesehen hatten, war im Arrivalcamp, direkt nach der Ankunft in Estland. Viele haben sich in den sechs Monaten sehr verändert, aber so weit ich es beurteilen kann, nur zum Guten. Die beiden ehemals so schüchternen Mädchen aus Thailand zum Beispiel fangen jetzt von selbst Gespräche an und machen Witze (ziemlich gute).

Es hat sich richtig wie ein Familientreffen angefühlt, so vertraut und offen war die Atmosphäre. Aber so ist das eigentlich immer mit YFU-Menschen, irgendwie fühlen sich alle sehr verbunden.

Wir hatten unter Anleitung mehrerer Teamer (ehemalige Austauschschüler) einige Arbeitsgruppen, in denen wir besprochen haben, wo wir stehen, was wir noch erreichen wollen und wie wir mit unseren Problemen umgehen können. Außerdem hatten unsere ach so kreativen Teamer die Idee, wir sollten doch in Gruppen Kollagen über unser Austauschjahr erstellen.

Vera und ich habe die traurige Wahrheit der Gewichtsentwicklung aller Austauschschüler dargestellt (Der durchschnittliche Austauschschüler nimmt im ersten Halbjahr fünf Kilogramm zu). Wir haben einen sehr rundlichen Austauschschüler aus Kohuke-Papieren zusammengeklebt. (Kohuke ist unser Verhängnis: ein unglaublich leckerer Quarkriegel mit Marmeladenfüllung und Schokoladenglasur). Die anderen haben einen heulenden Esten gebastelt, der einen Tag ohne sein I-Pad überleben muss und verschiedene Kollagen. Die meisten haben sich allerdings einfach gegenseitig angemalt und Kohuke gegessen, damit Vera und ich genug Material bekommen... So liebenswürdig.

Wir hatten viel Freizeit und abends ging es selbstverständlich in die Sauna (kein Wochenende in Estland ohne Sauna) und zum Abkühlen haben wir uns durch den letzten Schnee gerollt und uns gegenseitig eingeseift. Bei der Schneeballschlacht Deutschland gegen Mexiko, Frankreich, Thailand und Tschechien haben wir Deutschen trotz Überzahl tragisch verloren.

Irgendwann sind alle auf irgendwelchen Betten oder Sofas eingeschlafen, um dann um 8 Uhr durch Kiistas „Pommirünnak“-Geschrei (Bombenattacken-Lärm) mit Hilfe eines Megafons (YFU-Estland-Tradition) zum Frühstück mit anschließender Wanderung geweckt zu werden.

Die Begeisterung unsererseits hielt sich anfänglich sehr in Grenzen, doch als dann alle langsam wach wurden, war es trotz der nieseligen zwei Grad sehr lustig. Die vier Kilometer bis zu den wirklich sehr sehenswerten Sandsteinfelsen haben sich auf jeden Fall gelohnt. Nach einem schnellen Essen mussten wir leider schon wieder zum Zug rennen.

Als wir in Tartu ankamen und alle auf unsere Anschlüsse warten mussten, stürmten alle Teamer und mehrere bestens angepasste Austauschschüler ins nächste Fastfoodrestaurant, um sich mit Burgern zu versorgen, da es die zwei Tage vegetarisches Essen gegeben hatte, vorüber sie sich, wenn auch mit ein bisschen Selbstironie, lauthals beschwert hatten. Nein, so ganz werde ich die Esten nie verstehen.

Der Abschied war gar nicht so schlimm, in ein paar Wochen werden sich die meisten von uns auch schon wiedersehen, dann geht es nähmlich mit YFU nach Narva, einer Grenzstadt zu Russland. Bis dahin werde ich weiterhin versuchen, mein Estnisch zu verbessern. Es ist so schrecklich nervig, sich auf dem gefühlten Sprachniveau einer Vierjährigen zu bewegen. Und ich will neue Kontakte knüpfen und die bleibende Zeit bestmöglich nutzen. Denn vier Monate sind nicht viel und ich will nicht sagen können, ich hätte die größte Zeit meines Auslandsjahres mit Nichtstun vergeudet.

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von
erstellt am 25.Feb.2014 | 12:35 Uhr

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