Produktionsschule ohne Zukunft

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CJD stellt den Betrieb der beruflichen Bildungsstätte und auch des Bildungszentrums mit Gästehaus zum Ende dieses Jahres ein

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14. September 2018, 15:44 Uhr

Produktionsschulen seien besonders mit Blick auf die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt „unersetzlich“. Diese Feststellung traf Arbeitsstaatssekretär Thilo Rohlfs (FDP) im März dieses Jahres bei einem Besuch in der Produktionsschule des CJD in Malente. Fast auf den Tag genau ein halbes Jahr später bestätigt das Christliche Jugenddorfwerk dem Ostholsteiner Anzeiger auf Nachfrage die Schließung der Produktionsschule Ostholstein/Plön zum Jahresende. Geschlossen werden soll außerdem das über 50 Jahre alte Bildungsinstitut.

Die Sorgen um eine nachhaltige Finanzierung der Produktionsschule mit 40 Plätzen, von denen aktuell nur 16 belegt sind, waren schon im März dieses Jahres dem Staatssekretär vorgetragen worden. Und sie wurden wiederholt Politikern vermittelt, auch bei einem Aktionstag, zu dem die Produktionsschule Anfang Juni einlud.

„Alle haben gesagt, ja, eine ausreichende Finanzierung ist wichtig. Aber es ist bei Worten geblieben, Taten sind ausgeblieben“, sagte der Schulleiter, Lutz Mathesdorf (kleines Foto), gestern dem OHA. In Schleswig-Holstein gebe es für einen Schüler, der in der Produktionsschule auf die Arbeitswelt vorbereitet werde, 800 Euro. In Mecklenburg-Vorpommern seien es 1200. Mathesdorf: „Es gibt Förderprogramme für Hochbegabte mit 2400 Euro pro Teilnehmer, wir bekommen 800 für eine teilweise schwierige Klientel.“

Zu der unzureichenden Finanzierung komme hinzu, dass die Jobcenter immer weniger Schüler in die Produktionsschule schickten. Das hat, wie die Gesamtleiterin des CJD Nord, Kornelia Hennek, bestätigte, die finanzielle Situation der Einrichtung verschärft.

Ein dritter Faktor sei die enge räumliche und teilweise auch finanzielle Verflechtung zwischen Produktionsschule und dem Bildungsinstitut, ein Seminarhaus mit 72 Betten: Die stetig zurück gehende Auslastung dieses Hauses wirke sich auch direkt auf die Produktionsschule aus, beispielsweise bei der Abrechnung der Küchenleistungen.

Das Bildungszentrum sei anfangs häufig für berufliche Fortbildungen auch von Unternehmen wie Bayer oder Daimler-Benz genutzt worden, im Laufe der Jahre seien nicht mehr Lehrlinge, sondern Schulklassen gekommen. Lutz Mathesdorf: „Das ist auch immer weniger geworden. Klassenfahrten gehen heute wohl eher nach Mallorca, Barcelona oder London und nicht nach Malente.“

Die Entscheidung des Vorstandes, die Produktionsschule und das Bildungszentrum zum Jahresende zu schließen, fiel übrigens nach Auskunft von Kornelia Hennek bereits am 5. Juli. Die Tatsache, dass eine Anfrage des OHA zu dem Thema mit einigen Tagen Verzögerung erst gestern beantwortet wurde, begründete Kornelia Hennek mit der Notwendigkeit, erst die betroffenen Mitarbeiter und Schüler zu informieren, bevor es in der Zeitung stehe.

Hennek unterstrich im Gespräch mit dem OHA, dass der Betrieb von Produktionsschule und Bildungsinstitut schon sei Jahren nicht mehr kostendeckend gewesen sei. Der CJD als gemeinnütziger Verein könne solche Defizite nicht einfach durch Querfinanzierung aus anderen Bereichen decken.

Beim Bildungsinstitut komme zu einer sinkenden Belegung auch noch ein Investitionsstau hinzu. Und bei der Produktionsschule seien die auf zwei Jahre begrenzten Förderzeiträume ein Problem: „Um die Zuschüsse muss man sich immer für einen Zeitraum von zwei Jahren bewerben. Der letzte Förderzeitraum läuft am 31. Dezember 2018 aus, wir haben beschlossen, uns nicht erneut zu bewerben“.

Die Produktionsschule wird Ende 2018 nach elf Jahren geschlossen. Hennek: „In diesen elf Jahren hatten viele junge benachteiligte Menschen, die in anderen Systemen nicht zurechtkamen, an der Produktionsschule die Chance, einen ersten Schulabschluss zu machen. Deutlich höher ist die Zahl von Produktionsschülern, die in Beruf und Ausbildung vermittelt werden konnten. Der Betrieb wird für die jetzt noch anwesenden Produktionsschüler bis Jahresende weitergeführt. Für die jungen Menschen werden von den Mitarbeitenden aus den Jobcentern weitere Anschlussmaßnahmen geprüft.“

Keine Überlegungen gebe es für eine neue Nutzung der Gebäude auf dem großen Grundstück in der Godenbergstraße, die von den drei Häusern des Mutter-Kind-Heimes getrennt stehen. Hennek: „Wir denken daran, die Gebäude zu verkaufen.“

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