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Ostholsteiner Anzeiger

18. Oktober 2017 | 23:19 Uhr

„Privatisierung war falscher Weg“

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Bittere Abrechnung: Grete Priebe-Herrmann bedauert, dass sie als Kreisrätin den Weg in die Krankenhaus-Privatisierung unterstützt hat

von
erstellt am 02.Apr.2017 | 21:53 Uhr

Sie sei entsetzt und traurig, sagt Grete Priebe-Herrmann. „Ich hätte nie vermutet, dass es eine solche Richtung nimmt“, erklärt die kürzlich nach Eutin gezogene 83-Jährige und meint das Krankenhauswesen in Ostholstein. Als Kreisrätin und Vorsitzende des Gesundheitsausschusses des Kreistages hatte sie Ende der 1980er Jahre die Privatisierung des Neustädter Krankenhauses mitgetragen. „Ich bedaure dies zutiefst“, bekennt sie heute.

1974 bis 1990 gehörte sie dem Kreistag an. Die examinierte Hebamme und Krankenschwester, Lehrschwester und leitende Krankenschwester hat über 40 Jahre Berufserfahrung. Und sie war im Kreistag die SPD-Expertin für Gesundheitspolitik. In den 1980er Jahren trat sie wegen einer absehbaren Krise der Kreiskrankenhäuser für den Bau eines Schwerpunktkrankenhaus mit 600 bis 800 Betten in Lensahn ein. Diese Einrichtung in der Mitte Ostholsteins hätte den ganzen Kreis versorgen sollen. Das fand keine Mehrheit.

Deshalb sei sie für eine Privatisierung des Kreiskrankenhauses Neustadt eingetreten. „Ich sah keine andere Möglichkeit, in Neustadt ein Krankenhaus zu retten.“ Dafür nahm sie auch den Bruch mit der Partei in Kauf. Die Angriffe aus den SPD-Reihen – „das wurde sehr persönlich“ – bewegte sie 1989 zum Wechsel in die CDU.

Sie hätte nie gedacht, dass der Kreis die Häuser in Eutin, Oldenburg und Burg ebenfalls privatisieren würde, sagt sie heute. Die Folgen seien erschreckend. Nach mehreren Krankenhausaufenthalten in Ostholstein rechnet sie ab: „Betritt man ein Krankenhaus, so glaubt man, dass man sich im Eingangsbereich eines Luxushotels befindet, aber hinter der glänzenden Fassade beginnt das Dilemma. Ist man in der Aufnahme, ist nicht die erste Frage nach dem Ergehen, sondern ob man über eine Zusatzversicherung verfügt. Ist man Kassenpatient, findet man sich nach der Aufnahme im Vierbettzimmer wieder – ohne eigene Dusche und WC. Ein Zweibettzimmer kann man nur bekommen, wenn man pro Tag kräftig zuzahlt. Es gibt zu wenig und überlastete Ärzte, denen eine allmächtige Verwaltung vorschreibt, wie die Behandlung durchzuführen ist und das möglichst kostengünstig.

Der Pflegenotstand ist nicht zu übersehen. Zu wenig Pflegekräfte. Leere Stellen werden mit Praktikanten oder unausgebildeten Pflegehelfern besetzt. Diese kosten wenig oder gar nichts. Ausgebildete Pflegekräfte sind rar. Berufsmüdigkeit, weil sie nicht so pflegen können, wie sie es gelehrt bekommen haben. Dazu eine schlechte Bezahlung und Arbeit in einem wenig angesehenen Beruf. Fürsorge, etwas Zuwendung und Informationen gleich Null. Im Kreis gibt es Einrichtungen, die Pflegekräfte 3000 Euro bezahlen, wenn sie nur bei ihnen anfangen.

Die Beköstigung im Krankenhaus ist gleichzeitig Behandlung, aber Diäten gibt es offensichtlich nicht. Es ist durch Cateringunternehmen auch wohl nicht zu leisten, aber billig. Die Hygiene ist mangelhaft. Ich kann das sehr gut beurteilen.

Private Krankenhausträger versprechen anfangs viel, aber sind sie gut im Geschäft, werden ganze Abteilungen geschlossen, weil sie nicht den erwarteten Gewinn abwerfen. Die Privatisierung ist keine Lösung für kranke Menschen. Krankheiten sind keine Ware, die auf dem Markt gehandelt werden kann.

Am Geld scheitert eine mitmenschliche Krankenversorgung nicht. Krankenkassen zahlen Unsummen für ein minderwertiges Gesundheits- und Krankenhauswesen. Wir leben in einem der reichsten Länder der Welt. Eine ordentliche Gesundheitsversorgung sollte für jeden selbstverständlich sein.“

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