Private Öko-Konten: Zug verpasst?

An das Engagement von Landwirten bei der Schaffung von Ausgleichsflächen machten Peter Bimberg sowie Christiane und Hubertus Boßmann (von links) in Gömnitz mit einem Plakat aufmerksam. Fotos: Achim Krauskopf
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An das Engagement von Landwirten bei der Schaffung von Ausgleichsflächen machten Peter Bimberg sowie Christiane und Hubertus Boßmann (von links) in Gömnitz mit einem Plakat aufmerksam. Fotos: Achim Krauskopf

Landwirte fürchten, dass die Deutsche Bahn bei der Suche nach Ausgleichsflächen für den Trassenbau nicht auf ihre Flächen zurückgreift

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21. August 2018, 11:12 Uhr

Ein Plakat mit einer großen Biene und dem Spruch „Auch Bauern können Naturschutz!“ empfing Ende vergangener Woche die etwa 50 Teilnehmer einer Veranstaltung der Stiftung Naturschutz in Gömnitz, die zu einer Wanderung über die „Wilden Weiden“ am Fuße des Gömnitzer Berges eingeladen hatte. Die „kleine Protestaktion“ war, wie ihre Initiatoren betonten, nicht gegen die Stiftung gerichtet. Es sei nur die Chance genutzt worden, eine breitere Öffentlichkeit zu erreichen, sagten Christiane und Hubertus Boßmann (Bujendorf) sowie Peter Bimberg (Gömnitz).

Es geht um die Frage, welche Ausgleichsflächen die Deutsche Bahn nutzt, wenn sie im Zug der Hinterlandanbindung für die Fehnmarnbeltquerung (FBQ) die Bahntrasse ausbaut. Auf mindestens 400 Hektar wird die Fläche geschätzt, die als Ausgleich für den Flächenfraß der Bahntrasse naturnah gestaltet werden müssten.

Das können viele kleine Flächen von verschiedenen Eigentümern sein. Es könnten aber auch, und in dieser Richtung ist die Bahn unterwegs, der Griff allein auf Flächen sein, die der Stiftung Naturschutz gehören.

„Wir fürchten, dass alle unsere Vorleistungen umsonst waren und die Bahn allein mit der Ausgleichsagentur der Stiftung zusammenarbeitet“, erläutert Hubertus Boßmann, der mit seiner Frau Christiane eine Agentur für Ökomanagement gegründet hat. Boßmann ist Landwirt, seine Frau Ingenieurin. In ihrer Agentur verwalten sie Flächen, die von ihren Eigentümern für die Nutzung als Ausgleichsflächen vorbereitet werden. Diese Aufwertung geschehe mit vielen verschiedenen Maßnahmen, erläutert Christiane Boßmann, darunter Schutzmaßnahmen für Insekten, Schaffung von Gewässern und Streuobstwiesen, Pflanzung von Knicks und extensive Grünlandbewirtschaftung mit Rücksicht auf Wiesenvögel – alles in Zusammenarbeit mit der Unteren Naturschutzbehörde.

Solche Flächen würden mit Punkten bewertet, diese in sogenannten Öko-Konten aufbewahrt. 148 private Öko-Konten gebe es in Ostholstein, sagt Boßmann, etwa die Hälfte davon würden von ihrer Agentur betreut. Dieses Engagement sei nicht zuletzt mit Blick auf die absehbare Bereitstellung von Ausgleichsflächen geschehen, die in Ostholstein durch Bahntrassenbau und Weiterbau der Autobahn, aber auch durch die geplante 380-kV-Leitung und neue Windräder in hohem Maß gefordert sei.

Auf mindestens 400 Hektar wird die Summe der Fläche geschätzt, die allein die Bahn als Ausgleichsfläche nachweisen und finanzieren muss, es können aber auch 600 werden. Allein die fast 150 privaten Öko-Konten basierten auf etwas mehr als 600 Hektar, rechnet Christiane Boßmann vor. Und das seien ausnahmslos Flächen, die zwei Bedingungen erfüllten: Sie lägen in Ostholstein und damit der Region, in der auch das Land für die Bahntrasse verbraucht werde, und sie förderten durch ihre Verteilung über die Fläche eine Vernetzung von Naturräumen.

Aber: „Signale der Bahn legen den Verdacht nahe, dass dieses Engagement ansässiger Bauern umsonst war und die Bahn allein mit der Stiftung Naturschutz zusammenarbeiten will“, sagt Peter Bimberg. Der in Gömnitz ansässige Landwirt lässt sein Ökokonto ebenfalls von Boßmanns verwalten. „Dann wären alle unseren Vorleistungen umsonst, und vielleicht werden Ausgleichsflächen geschaffen, die gar nicht in Ostholstein liegen.“

Die Bahn habe Interesse an einer Zusammenarbeit mit der Ausgleichsagentur der Stiftung Naturschutz bekundet, bestätigte Gerrit Werhahn, der bei der Tochtergesellschaft der landeseigenen Stiftung für Ostholstein zuständig ist. Nach seiner Auskunft könne die Agentur etwa 300 Hektar im östlichen Holstein als Ausgleichsfläche anbieten. Einen Bedarf von 600 Hektar könne die Agentur aber nicht mit Flächen in Ostholstein decken.

Landrat Reinhard Sager hatte Ende Juli, wie berichtet, in einem zweiseitigen Schreiben die Bahn aufgefordert, private Öko-Konten zu nutzen: „Alle Öko-Konten sind grundbuchlich gesichert, viele im ersten Rang. Die von meinen Mitarbeitern durchgeführten Kontrollen zeigen einen guten Pflegezustand. Vieles lässt sich privatrechtlich regeln, wie dies Femern A/S vorgemacht hat.“ Denn der dänische Tunnelbauer ist bereits mit privaten Öko-Konten-Besitzern ins Geschäft gekommen.

Die Bahn bleibt dem Landratsappell zum Trotz zögerlich: „Wir möchten eine wirtschaftliche, aber auch nachhaltige Lösung herbeiführen“, sagt Jörg Weiße, kaufmännischer Leiter im FBQ-Team der Bahn. Das Eisenbahn-Bundesamt habe just gestern die Genehmigung für den Kauf von Ökopunkten erteilt. Dabei baue die Bahn auf eine verlässliche Partnerschaft, mit der auch eine dauerhafte Unterhaltung der naturnahen Flächen sichergestellt werde. Dies könne besonders eine Stiftung sein.

Bei vielen privaten Konten sieht die Bahn hingegen die Gefahr, dass die auf 30 Jahre vorgeschriebene naturnahe Pflege der Flächen nicht garantiert sei, wenn ein Landwirt zum Beispiel den Betrieb einstelle. „Eine Umfrage unter Landwirten, ob es ihren Betrieb in 20 Jahren noch gibt, haben nur 25,5 Prozent mit Ja beantwortet“, zitiert Pressesprecher Peter Mantik aus einem Magazin, „28,3 Prozent waren sich nicht sicher, 7,4 Prozent haben sogar ihren Hof als nicht zukunftsfähig bezeichnet.“

Eine Umfrage, die für den Geschäftsführer des Kreisbauernverbandes, Holger Schädlich, wenig zu Öko-Konten sagt: „Eine Betriebsaufgabe heißt ja nicht automatisch Eigentumswechsel bei Flächen“, sagt Schädlich, im übrigen könnten, wie auch der Landrat betont hatte, Ausgleichsflächen im Grundbuch gesichert werden.

Damit sei die Pflege der Grundstücke aber nicht gewährleistet, ergänzt Peter Mantik. Darauf lege die Bahn ebenfalls Wert. Sei alles machbar, sagt Hubertus Boßmann, dies könne man zum Beispiel durch einen Garantiefonds sicherstellen.

Klar ist, dass der Bauernverband keine Stiftung zur Vermarktung der Öko-Konten gründen wird: „Das ist nicht unsere Aufgabe und können wir auch gar nicht leisten. Als Moderator kann der Verband gerne tätig werden“, sagt Schädlich.

Statt einer Stiftung sei auch „ein anderes, nachhaltiges Model“ denkbar, ergänzt Jörg Weiße. Private Öko-Konten-Inhaber seien willkommen, planungssichere Modelle anzubieten. Für Boßmann und Kollegen ist der Zug also noch nicht restlos abgefahren.

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