„Pralles Leben“ im Gericht

Amtsgericht Plön verurteilt fehlenden Angeklagten zu 1500 Geldstrafe und Führerscheinentzug

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11. Juli 2019, 15:14 Uhr

Plön | Zwischen den Aktendeckeln der Gerichtsordner spielt sich das eigentliche Leben ab – diese Erkenntnis trifft (manchmal) auch auf das Amtsgericht Plön zu. Es ist nicht immer leicht, auch für einen Amtsrichter. Mittwochmorgen, 9 Uhr. Prozessbeginn in Saal C des Gerichts.

Alle sind da, der Richter, die Vertreterin der Staatsanwaltschaft, die Protokollantin, selbst zwei Zeugen, einer sogar aus Wilhelmhaven – nur einer fehlt: der Angeklagte. Der wegen Wohnungseinbruchs unter Bewährung stehende Angeklagte ist nicht erschienen.

Diesmal sollte er sich wegen eines gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr, sprich eines von ihm verursachten Unfalls bei Kirchbarkau auf der B 404, bei dem er mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit in den Gegenverkehr geraten war, verantworten. 15 Minuten gibt der Richter ihm anstandshalber, dann erlässt er nach Rücksprache mit der Staatsanwaltschaft einen Strafbefehl über 1500 Euro und zwölf Monate Fahrverbot. Demnächst wird der Mann Besuch eines Gerichtsvollziehers erhalten.

Beim zweiten Fall an diesem Morgen geht es um einen Betrug. Ein Autofahrer soll an einer Tankstelle in Laboe getankt und nicht bezahlt haben. Beim Unterschreiben eines „Schuldscheines“ an der Tankstelle soll er einen falschen Namen angegeben haben. Der Angeklagte ist zwar mit seinem Verteidiger erschienen, doch sehr schnell wird klar, dass er nicht der Fahrer des Wagens war. Weder der Tankstellenmitarbeiter kann ihn wiedererkennen, noch das Foto der Sicherheitskamera kann ihn identifizieren. Er habe sein Auto damals an einen „Freund“ verliehen, sagt der Angeklagte. Staatsanwaltschaft und Richter glauben ihm nach eingehender Befragung. Das Urteil: ein klarer Freispruch. Für das Gericht ist es erwiesen, dass der Angeklagte nicht getankt hat.

Der dritte Prozess verzögert sich etwas, der Anwalt steht im Stau. Erneut geht es um einen Unfall. Diesmal zwischen einem Rettungswagen und einem gestylten schwarzen BMW auf der Ausfahrt der B 76 zum Gewerbegebiet Raisdorf im Januar 2018. Angeklagt ist ein 28-jähriger aus Kiel, der laut Anklage den ebenfalls abfahrenden Rettungswagen trotz Blaulicht und Martinshorn in der Kurve mit hoher Geschwindigkeit noch überholt haben soll. Beim Ausweichmanöver des RTW kam es zu einer leichten Berührung des BMW, dessen Spiegel abknickte und dessen Kotflügel einen Kratzer erhielt. Dieses Überholen sei ein gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr gewesen, so die Anklage.

Der Angeklagte, kurioserweise ebenfalls Rettungsassistent im Dienste des Kreises Plön, beteuert seine Unschuld. Er habe den RTW gar nicht geschnitten, sondern weit vorher überholt. Und in der Kurve der Ausfahrt links auf dem Grünstreifen gehalten, um den RTW Platz zu machen, weil rechts ein silbernes Auto den Weg versperrte. Seine Ehefrau mit Kleinkind im Arm bestätigt diese Angaben mit fast dem gleichen Wortlaut.

Ans Licht kam der Fall ohnehin nur, weil der Angeklagte später zum Krankenhaus Preetz fuhr, um darüber mit seinen Kollegen zu sprechen und den angeblich vom RTW verursachten Schaden der Leitstelle zu melden. Als wenig später der beteiligte RTW seinen Patienten im Krankenhaus ablieferte, ließ die RTW-Besatzung die Polizei rufen, um die Sache zu klären.

Beide schildern dem Gericht den Fall allerdings ganz anders, sie seien im letzten Moment trotz Blaulicht und Martinshorn überholt und geschnitten worden, mussten eine Notbremsung machen und konnten gerade noch ausweichen. Von einer Berührung habe man nichts gemerkt, auch am RTW selbst gab es keine Kratzer. Staatsanwaltschaft und Gericht glaubten ihnen letztlich mehr, ziehen die beredten Argumente des Angeklagten in Zweifel. Auch wenn sein Verteidiger vehement Freispruch fordert. Das Urteil: wegen einer vorsätzlichen Gefährdung des Straßenverkehrs wird der Angeklagte zu einer Geldstrafe von 1050 Euro, Führerscheinentzug und einer Sperre von neun Monaten verurteilt. Ein hartes Urteil für den Rettungsassistenten mit 1900 Euro Monatsgehalt.

Und auch Fall Nummer vier an diesem Tag endet wie schon beim ersten Fall mit einem Strafbefehl, weil der dem Vernehmen nach in Hannover wohnende Angeklagte sich nicht die Zugfahrt nach Plön zum Prozess-Erscheinen leisten konnte oder wollte. Wegen der nicht bezahlten Bestellung von Waren im Internet darf er nun noch einmal Strafe zahlen.

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