Pro & Contra : Präsident am Pranger

Steht Bundespräsident Christian Wulff zu Recht am Pranger? Redakteur Achim Krauskopf findet ja, Redakteur Hartmut Buhmann widerspricht ihm da.

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16. Dezember 2011, 08:53 Uhr

Pro
Menschen, für die mühelos das Verfahren der Heiligsprechung vollzogen werden kann, gibt es nur sehr wenige auf der Welt. Ein Bundespräsident muss auch kein Heiliger sein. Aber er muss ein Mindestmaß an Integrität besitzen. Bei Christian Wulff mehren sich die Zweifel, dass er diese Anforderungen erfüllt.
Nach dem aktuellen Kenntnisstand werden die Verfehlungen in der Kreditaffäre nicht reichen, um Wulff aus dem Amt zu jagen. Es gab genug Vorgänger, die auch keine Heiligen waren, ob Johannes Rau (Stichwort Flugaffäre) oder Lübke (zweifelhafte Rolle im Nationalsozialismus).
Aber mit einem Makel wird Christan Wulff leben müssen: Seine persönliche Glaubwürdigkeit hat einen kräftigen Knacks erlitten. Viele Menschen verstehen schon nicht, warum ein Ministerpräsident einen Privatkredit in Anspruch nimmt, der seine persönliche Unabhängigkeit tangiert. Noch weniger verstehen, warum er nicht reinen Tisch gemacht hat, als er dazu im Ladtag befragt wurde und er ja angeblich nichts Unrechtes getan hatte.
Contra
Joachim Gauck war der bessere Kandidat fürs Amt des Bundespräsidenten. Doch auch wenn ich Gauck lieber als obersten Repräsentanten meines Vaterlandes gesehen hätte, halte ich jetzt nichts davon, Christian Wulff durch bellendes Skandal-Getöse aus dem Schloss Bellevue zu jagen. Was hat der Mann denn richtig Falsches getan? Er hat sich zum Heimkauf fürs neue Eheglück Geld leihen müssen. Viel Geld, zugegeben, für, von außen betrachtet, nicht gerade imponierend viel Haus. Aber er holte das Geld nicht von den Kredithaien im erzbösen Bankenviertel, sondern konnte auf Finanzhilfe aus dem Freundeskreis zählen. Wünschen wir uns nicht alle, es im Notfall lieber mit Freunden als mit Banken zu tun zu haben? Und müssen wir nicht froh sein, dass ein Spitzenpolitiker noch echte Freunde hat? Die ihm zur Seite stehen, ohne dass er ihnen geschäftlich groß nützen könnte? Dass Wulff seine privaten Dinge in Hannover nicht an die große Glocke hängen wollte, ehrt ihn mehr, als dass es ihm schaden sollte. Für echte Skandale ist der erste Mann im Staate schlicht zu bieder.

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