Günther Jansen wird 75 : Politische Sorgen ganz privat

In Eutin geboren und hier trotz aller politischen Höhenflüge immer festen Boden unter den Füßen behalten:  Günther Jansen  wird heute 75 Jahre alt.  Foto: Buhmann
In Eutin geboren und hier trotz aller politischen Höhenflüge immer festen Boden unter den Füßen behalten: Günther Jansen wird heute 75 Jahre alt. Foto: Buhmann

Günther Jansen kündigt zu seinem 75. Geburtstag am 14. Juli den kompletten Rückzug aus der politischen Arbeit an.

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14. Juli 2011, 08:53 Uhr

eutin | "Ich privatisiere mich jetzt ganz. Deshalb will ich zu politischen Fragen öffentlich nichts mehr sagen", erklärt Günther Jansen am Telefon. Doch der Tonfall lässt erahnen, dass der Eutiner Vollblutpolitiker, der heute im familiären Rahmen seinen 75. Geburtstag feiert, diesen Worten noch nachlauscht und dann selbst schmunzeln muss.

Bei allem Verständnis für den Willen, seine Kräfte nun komplett auf eigene Familie und Gesundheit zu konzentrieren: Viel zu sehr hat sich der ehemalige Süseler Bürgermeister, SPD-Landesvorsitzende, Bundestagsabgeordnete und Sozialminister unentwegt mit solchem Elan für die demokratische Gestaltung der Lebensumstände in unserer Gesellschaft eingesetzt, als dass er ganz vom politischen Vordenken lassen könnte.

Und so wird nach der Ankündigung, dass er im Herbst seine allerletzten ehrenamtlichen Verpflichtungen aufgeben werde - den Vorsitz im Patienten-Ombudsverein und die vier Jahrzehnte getragene Mitverantwortung für die Gustav-Heinemann-Bildungsstätte - das Telefonat mit jedem Satz immer mehr ein Gespräch über die politische Großwetterlage. Euro-Krise ("Schäuble verdient Vertrauen, er quält sich richtig"), Atom-Ausstieg, Abwendung der Wähler von den Parteien: Unverhohlen sorgt sich Günther Jansen angesichts der elementaren Herausforderungen um die Glaubwürdigkeit und Bindungskraft der Politiker in der Bevölkerung.

Sein Bekenntnis: "Was ich gelernt habe in all den Jahren, ist dieses: Die Menschen wollen keine Politik, die sich nur als Reaktion auf Wahlen und Ereignisse hin und her wendet. Sie wollen eine Politik, die in die Zukunft weist und für deren absehbare Probleme gut begründete Lösungen anbietet. Die Politiker müssen klar sagen, was geht und was nicht, sonst sind sie schnell bei den Menschen auf dem Verliererweg." Aber als Bürger nur auf "die Politiker" zu schimpfen, bringe nichts: "Auch die Menschen haben eine eigene Verantwortung für die Zukunft und das Zusammenleben."

In welche Abgründe einen Staat der Massenverlust an Vertrauen in die politische Klasse führen kann, hat Günther Jansen indirekt als Junge in Eutin erlebt. 1936 geboren, kurz bevor Adolf Hitler am 1. August in Berlin die Olympischen Spiele eröffnete, raubte der Soldatentod ihm 1945 den Vater. Bei Kriegsende durchkämmte der Neunjährige die Schlacke am ehemaligen Gaswerk nach Kohleresten: "Damit wir ein wenig heizen konnten." Als seine Mutter beim Sozialamt neue Bettwäsche beantragte, habe eine Mitarbeiterin des Amtes alle Schränke kontrolliert, um zu sehen, ob die Ausgabe wirklich notwendig sei. Der 75-Jährige erinnert sich: "Ich stand als kleiner Junge hilflos daneben. Das hat mich wütend gemacht."

Das Gefühl der Erniedrigung damals und der Empörung darüber mag ein Schlüsselerlebnis für seine spätere politische Karriere gewesen sein. Sie begann 1962 mit dem Eintritt in die SPD, 1967 wurde der Mitarbeiter der Kreisverwaltung in Eutin Landesvorsitzender der Jungsozialisten, 1970 hauptamtlicher Bürgermeister von Süsel.

Danach wurde Günther Jansen eine feste Größe im politischen Leben der Bundesrepublik - nicht zuletzt wegen seines frühen, nach den ersten Demonstrationen 1976 in Brokdorf sehr entschiedenen Eintretens für den Ausstieg aus der Atomenergie: "Den hat die SPD in Schleswig-Holstein schon gefordert, als es die Grünen noch gar nicht gab."

Deswegen musste Jansen sogar Anfang der 90er Jahre seinen ihm als Energieminister von Amts wegen zugestandenen Platz im Aufsichtsrat der Hamburger Elektrizitätswerke räumen: Das Hamburger Oberlandesgericht befand, dass ein Atomkraftgegner den HEW-Geschäftsinteressen hinderlich sein könnte. "Dieses ungewöhnliche Urteil gegen einen ordentlich bestellten Minister hat damals kaum einen aufgeregt", wundert sich Jansen noch heute.

Dass über Nacht der Atom-Ausstieg politischer Konsens in Deutschland ist, will Jansen nicht als späten Triumph seiner Vorreiterrolle für Windkraft und Sonnenenergie verstanden wissen: "Es ist doch schade, dass erst so etwas Schlimmes wie Fukushima passieren musste. Dass Tschernobyl noch nicht genug war. Man weiß schon so lange, wie gefährlich die Atomenergie ist. Warum muss es erst die Menschheit schädigende Ereignisse geben, bevor schon vorher mögliche Schritte aus der Gefahr gegangen werden?" Eine Frage, die dem Jubilar wohl auch beim nächsten Geburtstagsgespräch nicht zufriedenstellend beantwortet werden kann.

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