Ostholstein : Planungen auf den Kopf gestellt

Größenvergleich: Ein 380-kV-Mast neben herkömmlichem Strommast für 220-kV-Leitungen.
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Größenvergleich: Ein 380-kV-Mast neben herkömmlichem Strommast für 220-kV-Leitungen.

Ein Gutachten des Kreises zeigt Alternativen zur projektierten 380-kV-Freileitung: Erdkabel wäre möglich und teilweise sogar billiger.

shz.de von
05. Januar 2018, 04:00 Uhr

Ein Ostholstein ohne Strommasten – diese Vision ist durchaus denkbar. Zumindest ist es die Quintessenz eines Gutachtens, das der Kreis gemeinsam mit zwölf ostholsteinischen Kommunen in Auftrag gegeben hat. Die Untersuchung zum geplanten Bau einer 380-kV-Leitung von Göhl nach Lübeck stellt demnach viele Teile der bisherigen Planungen auf den Kopf.

Die Gutachter Prof. Dr. Lorenz J. Jarass und Prof. Dr. Heinrich Brakelmann haben mehrere Kabelvarianten auf der Basis von 110 kV- und 380 kV-Leitungen untersucht. Ihr Fazit: Die derzeit geplante Freileitung von Lübeck nach Göhl belastet massiv die Umwelt, da sie trotz größerer Umwege bebaute Gebiete berühren werde. „Sie wurde von der Bundesnetzagentur mit der schlechtesten Bewertung im Umweltbericht versehen“, sagte Jarass gestern im Kreishaus bei der Vorstellung der Ergebnisse. Zudem sei die 380-kV-Leitung „völlig überdimensioniert, da die Auslastung nur bei etwa zehn Prozent liegen wird“, so Jarass.

Die beiden Wissenschaftler haben Alternativen erarbeitet, die kostengünstiger, umweltverträglicher und sogar praktischer sind. So habe der Neubau von zwei 100-kV-Kabelsystemen den Vorteil, das unterwegs Windparks angeschlossen werden können – bei einer 380-Kv-Leitung hingegen nicht, so Brakelmann.

Apropos Windparks: Die geplante Ostküstenleitung soll Windstrom aus dem Norden des Kreises abtransportieren. Doch der gerade neu überarbeitete Regionalplan sieht weniger Windvorranggebiete in Ostholstein vor – somit bleibt weniger Bedarf an leistungsstarken Stromtrassen.

Die beiden Gutachter sind der Meinung, dass bei ihrer „380-kV-light“-Variante die Kabel gebündelt in der Erde verlegt werden können. Statt bisher 21 Meter breite Trassen würde zwei bis vier Meter Breite genügen. Naturschützer und Landwirte wird’s freuen, denn sie sorgten sich im Zuge des Dialogverfahrens um „Flächenfraß“ und um eine mögliche Erwärmung der (Acker-) Flächen, unter denen die Kabel hindurchlaufen.

Eine Stromtrasse „unter Tage“ war zuletzt nur noch in einem Bereich mit „hohem Siedlungsdruck“ im Norden Ostholsteins festgelegt worden (wir berichteten). Das bisher geplante Erdkabel sei laut Tennet fünf bis zehn Mal so teuer wie die Freileitung – und deren Kosten liegen zurzeit bei rund 154 Millionen Euro. Im Gegensatz dazu wird im Gutachten anders kalkuliert: Je nach Variante der Erdverkabelung könnten zwischen zehn und 20 Prozent eingespart werden.

Sofern das Gutachten Gehör findet, sei es möglich gänzlich andere Trassenverläufe zu planen als bisher geplant (siehe Infokasten). Doch pikant: Eigentlich sollte in ersten Quartal dieses Jahres das Planfeststellungsverfahren zur geplanten 380-kV-Ostküstenleitung starten.

Mit dem Gutachten müssen sich nun Tennet, Land und Bund beschäftigen. Zumindest kündigte Sager gestern an, die Untersuchung an die betreffenden Stellen weiterzuleiten. Und auch die Bürger sollen Einblick erhalten. „Netzplaner sind angehalten, wirtschaftlich zu agieren und Eingriffe in die Umwelt zu minimieren“, sagte Sager. Insofern rechnet sich der Kreis gute Chancen aus, dass die Ergebnisse in die Planungen einfließen werden.

„Das Ganze ist eine Win-win-Situation“, sagte Ratekaus Bürgermeister Thomas Keller und sprach über die höhere Akzeptanz der Bürger bei gleichzeitigen Kosteneinsparungen und geringeren Umweltbelastungen. „Wir setzen jetzt auf die Landesregierung.“

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