Middelburg : Pflege in der Familie wird immer wichtiger

Projektpartner: Carsten Schmidt, Doreen Falke, Sabine Loediger, Dr. Jens Dowideit und Anja Waterböhr.
Projektpartner: Carsten Schmidt, Doreen Falke, Sabine Loediger, Dr. Jens Dowideit und Anja Waterböhr.

Durch ein neues Konzept soll ein Hilfsnetzwerk gebildet und pflegenden Angehörigen Mut gemacht werden

shz.de von
02. Juli 2015, 14:39 Uhr

Ein Herzinfarkt, ein Schlaganfall, ein Oberschenkelhalsbruch: Wenn die eigenen Eltern oder der Partner plötzlich zum Pflegefall werden, sind die Angehörigen oftmals überfordert. Das will das Projekt der familialen Pflege ändern.

„Die Pflegebereitschaft zu Hause geht zurück“, weiß Anja Waterböhr von der Universität Bielefeld. In Schleswig-Holstein werden derzeit nur rund 60 Prozent aller Pflegebedürftigen zu Hause versorgt – zehn Prozent weniger als im Bundesdurchschnitt. Die meisten werden von nur einer Person und ohne Unterstützung ambulanter Dienste gepflegt. „Das alte Muster von der pflegenden Tochter oder der hochbetagten Ehefrau muss aufgebrochen werden“, sagt Water-böhr. Das führe langfristig zu der Belastung und Überlastung, die der Pflege zu Hause als negativer Ruf nachhänge. „Pflege muss durch ein Netzwerk geleistet, die Aufgaben auf mehreren Schultern verteilt werden“, sagt Water-böhr.

Genau da setzt das Projekt der familialen Pflege der Universität Bielefeld in Zusammenarbeit mit der AOK-Nordwest an: „Angehörige bereits während des Krankenhausaufenthalts informieren, Wege und weitere Hilfen aufzeigen, und durch Pflegetrainings Fachkompetenz vermitteln, damit die Pflege im häuslichen Umfeld auch gelingt“, erklärt Dr. Jens Dowideit, Chefarzt der Geriatrie in Middelburg.

Seine Klinik ist bereits seit 2013 dabei, das neue Konzept umzusetzen, bildete Pflegetrainerin Doreen Falke aus, die in Einzelgesprächen und Trainings auf die individuellen Bedürfnisse der Angehörigen und Patienten eingeht. Dowideit: „Wir haben unseren Fokus, der eigentlich immer nur auf dem Patienten liegt, auf die Angehörigen erweitert, um so weitere Klinikaufenthalte durch falsche oder mangelnde Pflege zu vermindern.“

Das Angebot sei bisher gut angenommen worden. Allein 40 Angehörige wurden 2014 erreicht und weitergebildet. Das besondere am Projekt erklärte Pflegetrainerin Doreen Falke: „Nach dem Krankenhausaufenthalt hören die Tipps und Pflegetrainings nicht auf.“ Wie bei einer Hebamme auch, die noch sechs Wochen nach der Geburt Ansprechpartner für Probleme ist und Hausbesuche macht, unterstützen dann Pflegetrainer vor Ort die Angehörigen und Patienten zu Hause. Falke: „Durch das Netzwerk, das am Anfang entstanden ist, können auch Lösungen für weitere Probleme gefunden werden.“

Die AOK Nordwest finanziert das Projekt unabhängig von der jeweiligen Krankenkasse des Patienten. Niederlassungsleiter Carsten Schmidt: „Unterstützung der Pflegenden auch im häuslichen Bereich schafft Sicherheit. Wir erhoffen uns, durch die vermittelte Fachkompetenz auch Wiedereinweisungen ins Krankenhaus verhindern zu können und somit langfristig auch wirtschaftliche Vorteile und Zufriedenheit der Pflegebedürftigen, wenn sie in ihrem gewohnten Umfeld alt werden können.“

Dowideit ergänzte: „Familiale Pflege ist nicht für alle die goldene Wahl, aber es als Angehöriger und Pflegebedürftiger versucht zu haben, macht die Entscheidungen danach oft einfacher.“

Trainings und Infokurse unabhängig vom Patienten sind für Herbst in Middelburg geplant.

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